"Lieferant ist nicht Putin, sondern Petrus"

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Einen traumhaft sonnigen Herbsttag erlebte die Region gestern. Regen oder Schnee sind weiter nicht in Sicht.

Landkreis - Grau, kalt, trüb: Das typische Novemberwetter hat die Region fest im Griff. Doch ein typisches Element dieser Jahreszeit fehlt seit langer Zeit:

Angesichts der gefühlten Feuchtigkeit, die der Nebel vermittelt, mag kaum jemand glauben, dass Oberbayern in einer ungewöhnlich lang anhaltenden Trockenphase steckt. Seit über fünf Wochen ist kein Tropfen Regen vom Himmel gefallen.

Deshalb präsentiert sich auch der Wendelstein noch nicht in weißer Pracht, dafür jedoch - anders als der restliche Landkreis zu Füßen des Bergs - eingetaucht in meist strahlenden Sonnenschein. "Wir haben es schön warm", berichtet Wetterbeobachter Georg Demmer von der Wendelstein-Wetterstation. "Nachmittags acht Grad plus, fast wolkenloser Himmel und 150 Kilometer Fernsicht." Angesichts dieser Aussichten werden die Landkreisbürger, die seit Wochen von Nebelschwaden umhüllt sind, blass vor Neid.

Oben hui, unten pfui: Das wird auch in den nächsten Tagen so bleiben, bedauert die Wetterstation. Demmel spricht von einer "sehr beständigen Hochdrucklage". Das ist für die Jahreszeit nicht ungewöhnlich, erklärt der Wettermann. Feuchte Bodenschichten im Tal sorgen für Nebel, oben auf dem Berg kann sich die Sonne aufgrund des Föhns durchsetzen. Dass sich dieses Hochdruckwetter relativ konstant hält, sei ebenfalls typisch für den Winter. Die im Sommer das Wetter durcheinanderwirbelnden Gewitterstörungen gebe es schließlich nicht. "Die Phase der Trockenheit währt heuer trotzdem schon sehr lang", betont Demmel. Muss Rudi Carrells Wetterlied "Wann wirds mal wieder richtig Sommer?" deshalb der sehnsüchtigen Frage "Wann wird es endlich wieder regnen?" weichen? Ja und nein.

Die lange Trockenheit hat in den sonnigen Höhenlagen der Berge, deren Böden zusätzlich vom Föhnwind ausgedörrt worden sind, die Waldbrandgefahr akut erhöht. Doch der Natur an sich kann die ungewöhnliche Dürre derzeit nicht viel anhaben. "Die Vegetation ruht, sie nimmt keinen Schaden", beruhigt Josef Bodmaier, Kreisobmann der Bauern. Die Herbstaussaat haben die Landwirte nach seinen Angaben vor etwa drei Wochen zu einer Zeit tätigen können, als noch ausreichend Bodenfeuchte vorhanden war. Und es gibt sogar Bauern, die von der Trockenheit profitieren: diejenigen, die etwa am Chiemsee die Schilfbereiche mähen. Schön trocken ist der Boden, die Gummistiefel bleiben heuer im Schrank.

Auch die Verbund-Innkraftwerke wollen nicht jammern. "Ein Prozent weniger Niederschlag heißt nicht ein Prozent weniger Strom", betont Pressesprecher Florian Seidl. Denn bei der Energieausbeute spiele nicht nur die Wassermenge, sondern auch die Fallhöhe eine Rolle. Trotzdem hofft das österreichische Unternehmen, das die bayerischen Innkraftwerke betreibt, auf ein Ende der Trockenperiode. Denn auch wenn es mancher, der den verregneten Sommer noch in unguter Erinnerung hat, nicht glauben mag: "In den ersten drei Quartalen hatten wir am Inn eine um zwölf Prozent geringere Wasserführung als im langjährigen Durchschnitt. 2011 wird als trockenes Jahr in die Geschichte des Verbundes eingehen." Dieser kann die Stromproduktion zwar durch die Kombination mit anderen Kraftwerken und geschickte Vorratsspeicherung ausgleichen, muss sich jedoch dem Wetter grundsätzlich beugen. "Der Energielieferant ist nicht Putin, sondern Petrus", bringt Seidl die Thematik auf den Punkt.

Keinen Schaden durch die Trockenheit hat bisher jedoch das ökologische Gleichgewicht der Gewässer genommen. Das Wasserwirtschaftsamt Rosenheim gibt Entwarnung: "Wir liegen mit allen Werten noch im grünen Bereich", betont der stellvertretende Amtsleiter Andreas Holderer. Weder an der Mangfall noch am Inn könne derzeit von einem Niedrigwasser die Rede sein. Am Inn rauschen nach wie vor etwa 240 Kubikmeter pro Sekunde durch das Flussbett, von einem beginnenden niedrigeren Wasserstand ist erst ab einem Wert von 220 Kubikmetern pro Sekunde die Rede. Am 12. November war dieser zwar einmal kurzfristig erreicht worden, doch der Wasserspiegel hat sich wieder eingependelt, berichtet Holderer weiter. Ein extremes Niedrigwasser am Inn gab es nach Aufzeichnungen seines Amtes 1969 - mit einem Abfluss von nur 93 Kubikmetern pro Sekunde. Auch die Mangfall fließt derzeit immer noch mit einem Tempo von 4,75 Kubikmetern pro Sekunde - weit entfernt von extremen Niedrigständen wie 1972, als es nur ein Kubikmeter war.

Allerdings droht den ersten Wildbächen die Gefahr der Austrocknung. Einen "sehr niedrigen" Abfluss vermeldet aktuell etwa der Pegel des Auerbaches in Bad Trissl bei Oberaudorf, berichtet Holderer. Der Wasserspiegel des Chiemsees liege etwas unter dem mittleren Wert, der des Simssees, der in den vergangenen Jahren durch einen zu hohen Wasserstand aufgefallen war, noch immer knapp über dem mittleren Wert. "Im Winter ist eine lange Trockenperiode nicht so problematisch wie im Sommer", relativiert das Wasserwirtschaftsamt die Lage. Eine geringere Sauerstoffversorgung führe in wärmeren Gewässern eher zu Problemen für das ökologische Gleichgewicht von Pflanzen und Fischen. Bleibt der Niederschlag aber weiterhin aus, muss die nahende Adventszeit neues Licht in den dichten Nebel im Tal werfen.

Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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