Papa tobt und die Kinder weinen

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Josef Maurus, Projektleiter bei den ADAC-Stauberatern, ist einer von 15 Motorradengeln in Südbayern, die im Verkehrschaos auf den Urlauberrouten die Übersicht bewahren.

Landkreis - Megastaus, die Urlauberfamilien veranlassen, mit ihrer Campingausrüstung stundenlang auf dem Pannenstreifen zu campieren: Das war einmal. Doch die Zeit auf der Autobahn kann zäh sein.

Doch auch heute kann sich der Weg in den Süden für viele Reisende zu einem zähen Start in die schönste Zeit des Jahres entwickeln, wie die vergangenen Wochen auf den heimischen Autobahnen gezeigt haben. Auch an diesem Wochenende sind wieder starke Nerven gefragt.

Für ADAC-Stauberater Josef Maurus und seine Kollegen herrscht seit Ende Juni an fast jedem Wochenende Ausnahmezustand auf den Urlauberrouten Richtung Süden. Und auch für diesen Samstag erwartet der ADAC-Projektleiter für Südbayern besonders viel Verkehr. Denn erneut starten viele Bayern in die Ferien. Die Urlauber aus den nördlichen Bundesländern reisen bereits wieder zurück - und in Italien beginnt die erste Phase der Nachsaison, die mit günstigeren Preisen weitere Dolce-Vita-Fans anlockt. Auch viele Wochenendausflügler sind unterwegs.

Eigentlich haben Maurus und sein 15-köpfiges Team von Stauberatern schon genug erlebt für heuer - von großen Unfällen bis zu kleinen menschlichen Tragödien. Ein Bild, das es fast jeden Samstag am Nachmittag zu sehen gibt: eine Familie, die nach einer Reihe von Staus auf dem Parkplatz einer Raststätte ihrer Enttäuschung über den anstrengenden Urlaubsbeginn freien Lauf lässt. "Die Kinder sitzen im Gras und weinen, Papa tobt, Mama kämpft ebenfalls mit den Tränen. Da gilt es erst einmal, beruhigende Worte zu sprechen und Zuversicht zu verbreiten", erzählt Maurus.

Oft ist der gestörte Familienfrieden jedoch auch hausgemacht - etwa wenn vollkommen unvorbereitet in den Urlaub gestartet wird. "Noch immer gibt es viele, die sich angesichts des dichten Raststättennetzes auf der sicheren Seite fühlen. Dann stehen sie, wie aktuell wieder geschehen, bei einer Reifenpanne irgendwo auf der Autobahn - ohne Getränke für die Kinder, nicht einmal wissend, ob sie ein Ersatzrad im Auto haben", berichtet der Stauberater kopfschüttelnd.

Bremsen für die schöne Aussicht

Unerklärlich für ihn auch das Fahrverhalten einer Familie vom vergangenen Wochenende, die in der Senke am Irschenberg auf dem linken Streifen Schritttempo fuhr und den Berg hinauf nur so viel Gas gab, dass der Tacho 70 Kilometer anzeigte. Dass sich hinter dem Wagen turbulente Auffahrszenen samt wütender Hupattacken abspielten, verwundert nicht. Eine einfache Erklärung hat der Stauberater dagegen für den oft zähflüssigen Verkehr auf den Routen parat, die für die Preußen zum ersten Mal den Blick auf die Alpenkette oder von der Bernauer Höhe aus auf den Chiemsee bieten. "Dann sagt Mutti zu Papa am Steuer: Schau mal - und schon nimmt Papa den Fuß vom Gas und der Fahrer hinter ihm auch. Das setzt sich so lange fort, bis es nur noch ganz zäh vorangeht", beobachtet der Chef der südbayerischen Stauberater besonders gut aus der Luft.

Doch auch an den Tank- und Rastanlagen der Urlauberautobahnen Richtung Österreich und Italien spielt sich in der Hauptverkehrszeit so manche kuriose Szene ab. Am vergangenen Wochenende blockierte ein Auto dort eine Benzinzapfsäule, hinter der sich bereits eine lange Schlange gebildet hatte. Die Fahrerin gehörte zu einem türkischen Familienclan, der mit drei Autos unterwegs war. Zwei waren nach dem Tankstopp bereits wieder losgefahren - im Gepäck auch das Portemonnaie der Fahrerin des dritten Wagens.

Dass Familien in der Eile schon einmal ihre Kinder auf dem Rastplatz vergessen, gehört nach Erfahrungen von Maurus zu den ganz seltenen Ereignissen. Ernst Drexler, Pächter der Rastanlagen Inntal West und Ost, erinnert sich jedoch an den Fall eines 16-Jährigen, der dem Personal mit Tränen in den Augen erzählte, er könne seine Eltern nicht mehr finden. Diese meldeten sich nach drei Stunden aus Italien. In der Zwischenzeit hatten die Mitarbeiter die Tränen des Buben getrocknet und eine Mitfahrgelegenheit zu den Eltern organisiert, erzählt Drexler.

Verloren gehen dafür öfter Busreisende. Immer wieder stellen Trödler, die sich beim Toilettengang oder Füße Vertreten besonders viel Zeit gelassen haben, fest, dass der Rest der Reisegesellschaft auf und davon ist. Dann heißt es nach Informationen von ADAC-Stauberater Maurus, mit Unterstützung der Autobahnpolizei den Bus ausfindig zu machen und den verloren gegangenen Passagier hinterher zu fahren.

In den Hauptverkehrszeiten füllt sich in den Raststätten Inntal Ost und West auch das hauseigene Fundbüro: "Es wird so gut wie alles liegen gelassen oder vergessen. Manchmal holt der Besitzer den Gegenstand bei uns auf der Rückfahrt an der gegenüberliegenden Raststätte wieder ab", so Drexler.

Teuer wurde auch die Urlaubsreise für ein Ehepaar am vergangenen Reisewochenende. Bereits nach sieben Kilometern war die Fahrt vorbei: Getriebeschaden. "Der Fahrer war stocknarrisch, weil der Wagen frisch aus der Werkstatt kam, die Ehefrau jedoch überglücklich über unsere Anwesenheit. Wären wir nicht dagewesen und hätten beruhigend eingewirkt, wäre ihr Mann durchgedreht, hat sie uns mitgeteilt", berichtet Maurus schmunzelnd. Häufig bekommen er und seine Kollegen vom ADAC-Stauberaterteam deshalb zu hören: "Sie schickt der Himmel!"

Ob das auch der Fahrer gedacht hat, der sich - trotz eines hochmodernen Navigationsgerätes im Cockpit - verfahren hatte?

Ihm musste Maurus am vergangenen Sonntag auf dem Parkplatz Irschenberg mitteilen, dass er sich auf dem Weg nach Lindau am Bodensee um stramme 250 Kilometer verfahren hatte. "Auch in solchen Fällen sind wir als Stauberater vor allem als Psychologen gefragt", betont Maurus.

Als solche sind auch die Mitarbeiter der Raststätten Inntal Ost und West immer wieder im Einsatz. "Oftmals hilft es schon, den Besuchern das Gefühl zu geben, dass man ihnen weiterhilft und für sie da ist. Ein nettes Wort zur richtigen Zeit wirkt manchmal Wunder", nennt Drexler als Rezept gegen den Urlauberstress. Besonders viel Erklärungsbedarf besteht nach seinen Erfahrungen rund um die Mautvorschriften für Pkw und Lkw. Das Team der Pächterfamilie kann dazu in vielen Sprachen und sogar auf Arabisch Auskunft geben.

Auch wenn sich der Verkehr in der Haupturlaubszeit aufgrund der guten Stauaufklärung über die Medien und der Tatsache, dass es den klassischen "Bettenwechsel" am Samstag nicht mehr gibt, besser auf die Wochentage verteilt, stellen die Sommerferien für die Rastanlagen nach wie vor eine große logistische Herausforderung dar. Trotzdem sind die stressigsten Tage des Jahres an den Raststätten Inntal Ost und West erstaunlicherweise der 26. Dezember und der Faschingssamstag. "An diesen Tagen herrscht ab 5 Uhr morgens bereits so viel Trubel, als hätten sich alle Reisenden über Facebook bei uns verabredet. Eine Erklärung haben wir noch nicht gefunden", berichtet Pächterfamilie Drexler, die die neu errichteten Raststätten 2006 übernommen hat.

Heike Duczek/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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