Das Prinzip Hoffnung

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Tristesse vor dem Schlecker-Markt im Bad Endorfer Gewerbegebiet. Die Mitarbeiter der rund 40 Filialen im Landkreis Rosenheim leben derzeit vom Prinzip Hoffnung. Bislang weiß nämlich noch niemand, welche der Märkte vom Kahlschlag des Schlecker-Insolvenzverwalters genau betroffen sind.

Rosenheim/Landkreis - Dass es bei Schlecker nicht gut lief, bemerkten aufmerksame Kunden in der Region schon in den vergangenen Wochen und Monaten.

Dass es bei Schlecker nicht gut lief, bemerkten aufmerksame Kunden in der Region schon in den vergangenen Wochen und Monaten - lange bevor es die ersten Meldungen über eine Insolvenz der Drogeriemarktkette gab.

Immer wieder wurden in der Region einzelne Filialen aufgegeben. Am Mittwoch nun kündigte der Insolvenzverwalter einen weiteren, radikalen Schnitt an: Von den verbliebenen Filialen soll jede zweite geschlossen werden. Die Mitarbeiter aber geben die Hoffnung nicht auf. Die Gewerkschaft Verdi und das Arbeitsamt kündigen Unterstützung an.

Die Regale sind auf den ersten Blick gut gefüllt, die Türglocke klingelt regelmäßig: Auch am Tag nach Bekanntwerden der drastischen Stellenkürzungen und Filialschließungen geht in der Schlecker-Filiale einer kleinen Landkreiskommune alles seinen scheinbar normalen Gang. Die Fachverkäuferin lässt den Kopf nicht hängen: "Ich mache meine Arbeit wie immer, gejammert wird vor den Kunden nicht."

Der Kunde ist König, diesen Grundsatz hat die Verkäuferin mit jahrzehntelanger Berufserfahrung so verinnerlicht, dass er auch in unsicheren Zeiten gilt. Und deshalb wird eine junge Frau, die vergeblich den Schlecker-Bestellkatalog sucht - "zum Durchblättern und Schauen, was es so gibt" - auf das Internet vertröstet. Das Magazin gibt es derzeit nicht. Auch der Warenbestand hat sich etwas verringert, was dank geschickter Packtechniken nicht auffällt.

Viele Kunden haben in den vergangenen Wochen den Verkäuferinnen ihre Solidarität ausgesprochen. Das Mitgefühl ist groß, "doch die Kundschaft ist auch ein wenig eingebrochen", bedauert die Mitarbeiterin.

Ob ihre Filiale aufgegeben wird, ist noch nicht bekannt. Trotzdem beklagt sich das Personal, dessen Gefühle nach eigenen Angaben zwischen Enttäuschung und Verunsicherung sowie Zukunftsängsten hin- und herpendeln, nicht über die Informationspolitik des Arbeitgebers. Der Informationsfluss sei gut, die Nachricht, dass die Hälfte aller Filialen geschlossen werde, noch vor der Pressekonferenz des Insolvenzverwalters in der Filiale eingetroffen. "Jetzt können wir nur noch abwarten, ob es auch uns trifft."

Wobei: Das große Zittern begann nicht erst vor sechs Wochen, als die Insolvenz der Drogeriemarktkette bekannt wurde. Schon in den Monaten zuvor wurden immer wieder Filialen geschlossen. Symptomatisch ist die Entwicklung in Rosenheim: Gab es vor einem Jahr noch fünf Filialen in der Stadt, ist heute nur noch der Standort in der Lessingstraße übriggeblieben. Die Filialen in der Ellmaierstraße und der Hochgernstraße schlossen bereits im November, Ende Januar gingen dann auch in der Erlenaustraße und Happinger Straße die Rollläden endgültig zu.

Offizielle Zahlen sind von Schlecker nicht zu bekommen. Doch ein Blick auf die Zahlen der Filialen im Landkreis zeigt, wohin die Reise geht: Im Januar führte das Unternehmen auf seiner Internet-Seite im Kreis Rosenheim und im Chiemgau knapp 60 Filialen auf. Gestern wurden dort gerade mal noch 40 Filialen genannt. Wie viele von ihnen nach dem jetzt angekündigten Kahlschlag übrig bleiben werden, ist unklar - ebenso wie die Zahl der Arbeitsplätze, die davon betroffen sind.

Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi plant für Mittwoch, 7. März, eine Infoveranstaltung. Ab 19.30 Uhr beantworten im Gasthaus Höhensteiger in Westerndorf-St. Peter die zuständige Gewerkschaftssekretärin Viktoria Sklomeit, der Fachanwalt für Arbeitsrecht Michael Huber und Rainer Wessely vom Verdi-Bezirk Rosenheim die Fragen der organisierten Mitglieder. Mehr könne die Gewerkschaft im Augenblick für die Mitarbeiter jedoch noch nicht machen: "Details kennen wir auch nicht. Wir sind genauso vom Insolvenzverwalter abhängig wie die Schlecker-Mitarbeiter", sagt Dagmar Grassegger von der Münchener Verdi-Zentrale.

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Auch die Rosenheimer Arbeitsagentur kennt die Schlecker-Pläne für ihren Agenturbezirk nicht. Agentur-Chef Harald Neubauer aber versichert: "Niemand muss Angst haben, dass er gearbeitet hat und kein Geld dafür bekommt." In der Arbeitsagentur Ulm nämlich sei extra ein Büro eingerichtet worden, das sich ausschließlich mit der Abwicklung der in Ehingen sitzenden Schlecker-Gruppe befasst. Die Ulmer Arbeitsagentur würde auch die Überweisung des Insolvenzgelds - vorfinanziert von der Sparkasse Ulm - für die Monate Januar, Februar und März anweisen. Die betroffenen Mitarbeiter müssten dafür keinen Antrag stellen, sondern lediglich einen vom Schlecker-Lohnbüro verschickten Brief zum Insolvenzgeld unterschreiben und zurücksenden.

Arbeitslos melden sollten sich laut Neubauer nur die Schlecker-Mitarbeiter, die von ihrer Arbeitsleistung freigestellt wurden. Die Meldung könne telefonisch erfolgen, und zwar unter der bundesweit einheitlichen Telefonnummer 0180/1555111.

Grundsätzlich, so Neubauer, sei ihm aber um die Zukunft der von Arbeitslosigkeit betroffenen Schlecker-Angestellten nicht bang. "Wir haben hier einen guten Arbeitsmarkt. Dass jemand wirklich nichts findet, wird die Ausnahme sein."

duc/ku/zip/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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