Bei Alkoholrückfall total ausgerastet

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Wasserburg - Die letzte Chance für einen Wasserburger: Der 31-Jährige war mit über drei Promille Alkohol mit seinem Auto unterwegs. Warum das Wasserburger Amtsgericht milde war:

Eigentlich war es nur ein kleines Malheur: Beim Besuch eines Eiselfinger Autohauses im Januar 2011 hatte der Wasserburger sein Fahrzeug bei beginnender Dunkelheit nicht wie üblich am Kundenparkplatz abgestellt, sondern war über den Fußweg zum Gebrauchtwagenplatz gefahren, wo er seinen Wagen inmitten der Verkaufsfahrzeuge abstellte. Beim anschließenden Ausparkmanöver fuhr er jedoch mit den Vorderrädern seines Jeeps über eine Abgrenzungsmauer und blieb dabei auf der Steinkante hängen. Sein Vorhaben, sich mit etwas mehr Gas aus der misslichen Lage zu befreien, scheiterte und brachte ihn schließlich vor das Amtsgericht. Denn laut Anklage war er zum Tatzeitpunkt mit 3,05 Promille unterwegs.

Ziemlich zerknirscht räumte der Angeklagte die Vorwürfe ein, gab jedoch an, nur noch fragmentarische Erinnerungen vom Tattag zu haben. Dazu gehörten einige Details vom Aufenthalt auf der Polizeidienststelle und im Inn-Salzach-Klinikum. Ansonsten konnte er keine Angaben zum Tathergang machen.

Allerdings wollte er dem Gericht seine damaligen Lebensumstände schildern, die von einer schweren Depression geprägt gewesen seien. Im Januar habe sich nach Mobbing-Problemen am Arbeitsplatz und hohem Arbeitspensum sowie der lebensbedrohlichen Erkrankung des Vaters die Situation zugespitzt. Am Tattag habe er sich anstatt in die Arbeit zu gehen eine Flasche Sekt und eine Flasche Jägermeister gekauft und damit einen Rückfall nach vierjährigen Alkoholabstinenz erlebt. Nach fast einem Jahr sei er nun aber auf einem guten Weg, betonte der Angeklagte. Gleich nach dem Vorfall habe er einen Arzt und die Suchtambulanz der Diakonie. Mit einer stationären Therapie und entsprechenden Medikamenten versuche er derzeit, seine Depressionen in den Griff zu bekommen.

Genauere Angaben zum Tathergang konnten drei Zeugen machen. Bei ihnen hatte der Angeklagte schon für Verwunderung gesorgt, als er seinen Jeep inmitten der Verkaufsfahrzeuge abstellte und anschließend abwechselnd im Verkaufsraum auftauchte oder sein Gesicht gegen die Scheiben des Verkaufspavillons drückte. Auf die Aufforderung, sich etwas zu gedulden und dies zu unterlassen, habe er höflich reagiert, sagten die beiden Zeugen übereinstimmend. Doch dann wollte er scheinbar nicht länger warten und sei wegfahren.

Vorwärts statt rückwärts gefahren

Dabei sei er vorwärts gefahren, obwohl er rückwärts gemusst hätte, und "hoppelte wie ein Fahranfänger" sagte eine Zeugin. Seine Bitte um Hilfe, "weil sein Auto nicht anspringe", konnte anschließend auch ein Autoverkäufer nicht erfüllen. Als er dem Angeklagten mitgeteilt habe, dass hier nur der Abschleppdienst helfen könne, habe dieser das nicht recht glauben wollen. Da die durchdrehenden Räder bei seinen Befreiungsversuchen jede Menge Kieselsteine aufgewirbelt hätten, habe er mit seinem Kollegen diese Aktion schließlich unterbunden und den Angeklagten aufgefordert, im Verkaufsraum zu warten.

Beim Eintreffen der Polizei habe der Angeklagte dann abhauen wollen, doch bei all den Glasscheiben den Ausgang nicht gefunden. Schließlich sei er in die Knie gegangen und habe kurz geweint. Im Polizeiwagen sei es dann zu einem kurzen, wenn auch heftigen Wutausbruch gekommen.

Der diensthabende Polizeibeamte sagte vor Gericht, dass sich der Angeklagte anfangs entschuldigt und einem Alkoholtest zugestimmt habe. Eine Minute später sei er völlig ausgerastet und habe seinen Kopf auf den Tisch geschlagen. Zum Schutz vor sich selbst sei er schließlich fixiert worden. Anschließend sei es problematisch geworden, der Angeklagte habe ein breites Beleidigungsrepertoire ausgepackt und sich bei der Blutentnahme durch ruckartige Bewegungen die Nadel selbst eingestochen. Laut Arztbericht wurde die Untersuchung abgebrochen, weil der Angeklagte aggressiv, unverschämt und beleidigend gewesen, eine ärztliche Beurteilung unmöglich gewesen sei.

Schon das fünfte Mal aufgefallen

Der psychiatrische Sachverständige bescheinigte dem Angeklagten eine krankhafte seelische Störung, einen Hang zu Straftaten bei Alkoholgenuss und eine verminderte Steuerungsfähigkeit zum Tatzeitpunkt. Die Staatsanwaltschaft sah den Tatnachweis erbracht und forderte eine Freiheitsstrafe von acht Monaten, die Einweisung in eine Entziehungsanstalt und eine Führerscheinsperre für drei Jahre und sechs Monate. Aufgrund der erheblichen Alkoholisierung und von vier Einträgen im Bundeszentralregister wegen gleichgelagerter Straftaten sowie einer offenen Bewährung zum Tatzeitpunkt werde keine günstige Sozialprognose gesehen.

Die Verteidigung stimmte dem Tatnachweis zu, gab aber zu bedenken, dass der Angeklagte dank Therapie und passendem Medikament die Krankheit und damit auch sein Leben nun im Griff habe. Eine Vollstreckungsstrafe sei völlig kontraproduktiv, deshalb forderte die Verteidigung eine Bewährungsstrafe von fünf Monaten und hielt eine Führerscheinsperre von zwei Jahren für ausreichend.

Das Gericht entschied schließlich auf eine Freiheitsstrafe von acht Monaten, ausgesetzt auf fünf Jahre zur Bewährung, sowie eine stationäre Entziehung, eine Führerscheinsperre von drei Jahren und eine Geldbuße von 1000 Euro. Es habe sich um eine relativ kurze Fahrt in absolut fahruntüchtigem Zustand gehandelt. Der Angeklagte habe den Schalter umgelegt, dabei habe seine Erkrankung eine große Rolle gespielt. Doch nun scheine er es kapiert zu haben. Er sei sich seiner Probleme bewusst und habe sich in stationäre Behandlung begeben. Unter Zurückstellung größter Bedenken könne die Strafe zur Bewährung ausgesetzt werden. Mit engen Bewährungsauflagen und Führungsaufsicht seien entsprechende Vorkehrungen getroffen worden, lautete die Urteilsbegründung.

ca/Wasserburger Zeitung

Quelle: rosenheim24.de

Rubriklistenbild: © pa

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