Amateure mit professionellem Ziel

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Zwei Männer der Geburtsstunde, Klaus Kaufmann (am Flügel) und Dr. Peter Hanusch, sind stolz auf die 35 Jahre alte "Familie" Wasserburger Kammerorchester, in der sich auch der Nachwuchs etwa mit dem jüngsten Mitglied Milena Selensky wohl fühlt.

Wasserburg - Für viele Freunde der klassischen Musik beginnt die stade Zeit im Rathaussaal: beim alljährlichen Weihnachtskonzert des Wasserburger Kammerorchesters.

Beseelt von der Musik, verlassen sie den Konzertsaal und spüren: Jetzt kann Heiligabend kommen. Heuer feiert das Orchester mit seinem Konzert auch das 35-jährige Bestehen.

Zwei Wochen vor dem ersten Konzert und nur zwölf von 490 Karten verkauft: Dirigent Klaus Kaufmann kann sich noch gut daran erinnern, wie elend er sich vor der Premiere des vor 35 Jahren gegründeten Wasserburger Kammerorchesters fühlte. Kurz vor der Generalprobe erkrankte zudem der einzige Cellist, ein Ersatz traf erst Minuten vor dem Beginn ein.

Steigerung um "400 Prozent"

Doch das "Abenteuer Kammerorchester", so erinnert sich auch Gründungsmitglied Dr. Peter Hanusch aus Edling, wurde mit einem Happyend belohnt: Drei Tage vor dem ersten öffentlichen Auftritt war der Rathaussaal plötzlich ausverkauft, das Publikum belohnte die Leistungen des noch völlig unbekannten Wasserburger Ensembles mit tosendem Applaus. "Und das, obwohl wir damals nur ein Fünftel so gut waren wie heute", freut sich Orchestergründer Kaufmann.

In den vergangenen 35 Jahren hat sich das 30-köpfige Ensemble intensiv weiter entwickelt. Aber es ist und bleibt ein Amateur-Orchester: Auf diese Feststellung legt Kaufmann, im Hauptberuf Professor für Klavier am Mozarteum in Salzburg, Wert, obwohl er das Kammerorchester immer wieder mit professionellen Musikern wie den Bläsern der Staatsoper München und Solisten ergänzt. Diese Mischung aus sehr guten Amateuren und Profis mache den Erfolg aus, ist Kaufmann überzeugt. Größte Herausforderung der vergangenen Jahre war es nach seinen Angaben, das hohe erreichte Niveau zu halten - und gleichzeitig niemanden im Team zu überfordern. Eine Balance, der sich der musikalische Leiter alljährlich auch bei der Auswahl der Stücke stellt.

"Hier wirst du nicht sofort beim ersten falschen Ton zusammengepfiffen", unterstreicht Gründungsmitglied Peter Hanusch den nach wie vor bestehenden Amateurcharakter. Der Mediziner spielt seit 35 Jahren Geige im Orchester. Die Musik ist für ihn "Nahrung für die Seele", die ihn durch ein anstrengendes Berufsleben als Gynäkologe und Wasserburger Chefarzt begleitet hat und ihm noch heute im Ruhestand unverzichtbare emotionale Erlebnisse beschert.

Das Orchester ist für den 71-Jährigen wie eine zweite Familie. Zu ihr gehört auch ganz junger Nachwuchs wie die 21-jährige Milena Selensky aus Babensham, Mitglied bereits seit dem 17. Lebensjahr. Von Kindesbeinen an nimmt sie Geigenunterricht. Von einer professionellen Karriere hat sie trotzdem Abstand genommen und studiert stattdessen Tourismusmanagement. Die Mitarbeit im Kammerorchester ermöglicht ihr, sich trotzdem auf hohem Niveau musikalisch weiter zu entwickeln. Vier Lehrerinnen geben den Musikern in Instrumentalgruppen Unterricht - eine Ausbildung, die Milena Selensky ebenso schätzt wie die Orchesterproben und Auftritte. "Ich fühle mich in diesem wirklich tollen Team sehr gut aufgehoben", betont die Jüngste im Orchester.

Nur wenig älter als sie war der heute 63-jährige Dirigent Kaufmann, als er das Kammerorchester vor 35 Jahren aus der Taufe hob. Der Pianist besserte sich damals seine studentische Haushaltskasse mit Klavierunterricht in Wasserburg auf. In der Innstadt entdeckte er großes, "allerdings schlummerndes" musikalisches Können, das ihn von einem eigenen Orchester träumen ließ. Die Kontakte knüpfte Kaufmann vor allem über die vielen Arztfamilien, deren Kinder er unterrichtete. Bis heute ist der Anteil der musizierenden Mediziner im Kammerorchester besonders hoch.

Nach mühevoller Pionierarbeit hat sich das Ensemble heute im Kulturleben der Region einen hervorragenden Ruf erarbeitet. Kaufmanns Kontakte motivierten auch berühmte Solisten, mit dem Orchester aufzutreten, unter ihnen die heute weltbekannte Sängerin Cornelia Kallisch, die an der Met in New York und an der Scala in Mailand auftritt, und der Bariton Walter Berry, dem Kaufmann sogar seinen größten Lebenswunsch erfüllt: einmal selber dirigieren zu dürfen.

Orchester als Familie

In 35 Jahren hat das Orchester viel erlebt. Da es sich als große Familie empfindet, stehen in der Erinnerung der Gründungsmitglieder nicht nur die vielen Konzerterfolge im Vordergrund, sondern auch persönlich Erlebtes: Von Musikern, die in den vergangenen 35 Jahren zu Grabe getragen werden mussten, bis zu einer Hochzeit, die zwei Orchestermitglieder als Paar vereinte. Musikalische Misserfolge blieben zur Freude von Kaufmann in über 60 Konzerten aus. Pannen gehören allerdings dazu und garantieren heute, dass das Geschichtsbuch das Orchesters so manche Anekdote bereithält - von einer Zugabe, bei der ein Instrumentalbereich ein anderes Stück als der Rest spielte, bis zu einem verwirrten Musikfreund, der mitten in der Aufführung neben der ersten Geige Platz nahm und fleißig mitklatschte sowie mitdirigierte.

Kaufmann und Hanusch, die Männer der ersten Stunde, können darüber noch heute herzlich lachen, denn trotz aller Ehrfurcht vor den großen Werken, die sie spielen, nehmen sie ihre Tätigkeit nicht bierernst. Sorgenfalten bewölken Kaufmanns Stirn nur beim Thema Nachwuchs: "Leider gibt es im stark blasmusikorientierten Alpenvorland nur wenige junge Streicher", bringt er das Generationenproblem auf den Punkt.

Heike Duczek (Wasserburger Zeitung)

Quelle: rosenheim24.de

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