Starrsinn macht die Sache teurer

Wasserburg - Aus dem Gerichtssaal: Nachdem ein 77-jähriger Rentner eine Radfahrerin auf der Wasserburger Innbrücke ziemlich knapp überholt hatte, wollte er ihr "die Fresse polieren".

Das brachte ihm einen Strafbefehl und ein einmonatiges Fahrverbot ein. Dagegen legte der Wasserburger Einspruch ein, denn seiner Meinung waren die Anschuldigungen völlig aus der Luft gegriffen. Mit seinem Verhalten im Gerichtssaal brachte er sich jedoch noch mehr in die Bredouille und am Ende hatte sich das Strafmaß erhöht und der Anwalt hatte sein Mandat niedergelegt.

Um zu seinem Recht zu kommen, war der Rentner das erste Mal bereits eine Woche zu früh vor dem Wasserburger Amtsgericht erschienen, wo er sich wegen Überholens ohne ausreichenden Abstand, versuchter Nötigung und Beleidigung verantworten musste. Auch am richtigen Verhandlungstag wirkte der Mann ein wenig verwirrt. Zudem stellte er das Gericht gehörig auf die Probe, denn er hatte beschlossen, auf sein Hörgerät zu verzichten.

Dementsprechend lautstark versuchten Staatsanwältin und Richterin den Angeklagten über den Vorfall zu befragen. Laut Strafbefehl soll der Rentner im Juni mit seinem Pkw auf der Innbrücke in Richtung Stadtmitte unterwegs gewesen sein und dabei eine 55-jährige Radfahrerin ohne ausreichenden Abstand überholt haben. Beim Versuch nach rechts auszuweichen, habe sie nur durch ein Abstützen auf dem Gehsteig einen Sturz vermeiden können.

Als der Verkehr kurze Zeit später stillstand und die Frau ihn auf sein rücksichtsloses Verhalten angesprochen habe, soll der Rentner sie am Arm gepackt, ins Auto gezogen und gedroht haben " ihr die Fresse zu polieren".

Der Angeklagte betonte, dass dies völlig aus der Luft gegriffen sei. Er hatte für das Gericht eine andere Version parat. Demnach sei die Radfahrerin erst auf dem Gehweg und plötzlich auf die Straße gefahren. Dann sei sie durch die Pkws geschlingert und habe unentwegt geschrien "Hilfe, Hilfe, hier will mich einer schlagen." Als es sich vor dem Brucktor gestaut habe, sei sie links ganz eng an seinem Wagen vorbeigefahren und habe mit ihrem Ellbogen in sein geöffnetes Seitenfenster gestoßen. Dabei habe sie ununterbrochen geschrien. Daraufhin habe er gesagt, "wenn du nicht ruhig bist, steig ich aus und polier dir die Fresse."

Die Staatsanwältin bezweifelte, dass der Angeklagte die Radfahrerin bei dem Straßenlärm schreien gehört haben kann, "wenn sie kaum verstehen, was ich sage, wenn ich neben ihnen stehe". Zudem habe er in der Beschuldigtenvernehmung ganz was anderes gesagt.

Die Geschädigte und ein weiterer Zeuge, ein 28-jähriger Finanzbeamter, der im Wagen hinter dem Angeklagten gefahren war, schilderten den Sachverhalt so, wie im Strafbefehl angegeben. Demnach war der Angeklagte sehr knapp an der Radfahrerin vorbeigefahren. Eine leichte Berührung mit der Radtasche wollte die Geschädigte dabei nicht ausschließen. Nachdem sie ihr Rad unter Kontrolle gebracht hatte, habe sie den Angeklagten zur Rede stellen wollen. Dabei habe der bedrohlich gewirkt und sie so fest am Arm gepackt, dass er sie ins Auto gezogen habe. Sie habe Angst gehabt, dass er ihr ins Gesicht schlage.

Der Finanzbeamte sagte aus, dass er eine lautstarke Diskussion beobachtet und der Angeklagte bereits mit der rechten Hand ausgeholt habe. Als er zur Hilfe eilen wollte, habe sich der Verkehr wieder in Bewegung gesetzt.

Nach Abschluss der Beweisaufnahme war die Staatsanwältin davon überzeugt, dass es sich genau so zugetragen habe, wie es die Geschädigte geschildert hatte. Der Angeklagte sei völlig uneinsichtig und eine Gefahr für die Öffentlichkeit. Daher soll das Fahrverbot auf zwei Monate erhöht werden und die Fahrerlaubnisbehörde soll den Angeklagten anschließend zwingen, ein Hörgerät zu tragen, so ihre Forderung.

Auch aufgrund seiner Vorahndungen brauche es hier einen deutlichen Denkzettel. Deshalb beantragte die Staatsanwältin ein Ordnungsgeld und eine Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu je 20 Euro. Allerdings gelang dies erst im zweiten Anlauf, denn vorher hatte der Angeklagte das Plädoyer unterbrochen, indem er dazwischen redete und im Gericht herum spazierte.

Die Aufforderung, sich zu beruhigen, brachte dem Verteidiger dann auch prompt den Zorn seines Mandanten ein. "Dich hat keiner eigeladen, blöder Kerl", sagte der 77-Jährige und brachte damit seinen Anwalt dazu, das Mandat nieder zu legen.

Zu seiner Verteidigung gab der Angeklagte an, dass er seit 1954 unfallfrei fahre und immer zurechtgekommen sei. Aufgrund seines kranken Rückens brauche er das Auto zum Einkaufen. Bei einer hohen Geldstrafe und Fahrverbot könne "jeder, der halbwegs klar denkt, seine Schlüsse ziehen," welcher Weg ihm dann bleibe.

Das Gericht verurteilte ihn schließlich zu einem Regelbußgeld von 30 Euro wegen der Ordnungswidrigkeit des Überholens ohne ausreichenden Sicherheitsabstand. Wegen der versuchten Nötigung in Tateinheit mit Beleidigung verhängte die Richterin eine Geldstrafe von 1000 Euro und ein zweimonatiges Fahrverbot. "So können sie sich im Straßenverkehr nicht verhalten" hieß es in der Urteilsbegründung.

ca/Wasserburger Zeitung

Quelle: rosenheim24.de

Rubriklistenbild: © pa

Zurück zur Übersicht: Region Wasserburg

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser