Aus dem Baltikum nach Evenhausen

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Das Anwesen Stölzing, etwa 1,2 Kilometer westlich von Evenhausen. Der Hof wurde 1467 urkundlich erstmals erwähnt.

Amerang - Inmitten des traditionellen bayerischen Dorffriedhofes von Evenhausen fallen fünf Grabstellen ins Auge, die sich in ihrer Gestaltung ein wenig abheben.

Hier haben Barone und Baronessen, gebürtig aus dem Baltikum, die letzte Ruhe gefunden. Wie haben sich die Adelsfamilien, die Anfang des 20. Jahrhunderts hier ansiedelten, in der neuen Heimat integriert? Diese Fragen beantwortet eine von ihnen aus der dritten Familiengeneration im Freistaat - die 19-jährige Sophie Baronesse von Koskull - in ihrer Preisträgerarbeit des heimatkundlichen Wettbewerbs 2010 im Landkreis Rosenheim.

Sophie Baronesse von Koskull erforschte, warum ihre Vorfahren aus dem Baltikum Anfang des 20. Jahrhunderts nach Bayern umsiedelten.

Die Hochachtung vor der Lebensleistung ihrer Vorfahren, die Anfang des 20. Jahrhunderts ihre Heimat in den Ostseeprovinzen Kurland, Livland und Estland verließen und sich in Evenhausen ansiedelten, ist Autorin Sophie von Koskull deutlich anzumerken. "Was mag diesen Menschen den Mut gegeben haben, solch einen Neuanfang in einer ihnen politisch und gesellschaftlich völlig fremden Umgebung zu wagen?", fragt sich die in Rosenheim aufgewachsene Abiturientin auch angesichts der Tatsache, dass die drei Großgrundbesitzer Ländereien zurückließen, die über 200mal so groß waren wie der neue gemeinsame Besitz in Evenhausen.

Gespräche mit den Nachfahren der Deutschbalten aus ihrer Verwandtschaft, intensive Recherchen in geschriebenen Lebenserinnerungen und Memoiren, haben der zukünftigen Jurastudentin eine Antwort geliefert: Die politischen Verhältnisse in der 1918 ausgerufenen selbstständigen Republik Lettland entwickelten sich für die dort seit 700 Jahren ansässige deutsche Bevölkerung sehr problematisch. Der Landadel verlor durch staatliche Enteignung seine Güter, die Deutschbalten bekamen ihre Position als politische Minderheit deutlich zu spüren, berichtet Sophie von Koskull in ihrer Preisträgerarbeit.

Deshalb beschlossen die Ehepaare Lieven, Hahn-Blankenfeld und Hahn-Bersteln, die im Kurland in engster Nachbarschaft lebten, das Baltikum zu verlassen. Sie erwarben in Evenhausen 1921 für 180.000 Inflationsmark den Stölzingerhof aus dem Jahr 1467, der bis heute erhalten ist, so die Autorin.

Bauernhaus statt Herrenhaus, bäuerliche Landwirtschaft statt Großgutbewirtschaftung mit einem Heer von Angestellten: Obwohl sich die Neubürger mit einem Leben zufriedengeben mussten, dass weitaus bescheidener ausfiel als im Baltikum, "gewinnt man aus der Lektüre der Lebenserinnerungen und Briefe aus der ersten Zeit den Eindruck, dass die Schönheit der Natur des Voralpenlandes und die Begegnung mit den hier lebenden Menschen nicht nur den Schmerz über den Verlust der angestammten Heimat gelindert haben, sondern dass zudem schon von Anbeginn eine enge Beziehung zu diesem neuen Lebensraum entstand", zieht die Autorin als Fazit.

Sie weiß auch, warum ihre Vorfahren sich ausgerechnet für Bayern entschieden: Zünglein an der Waage spielte kurioserweise ein Gepäckträger am Münchener Bahnhof. Auf einer Italienreise im Jahr 1905 beeindruckte er Baronin Anna Hahn und Baron Wilhelm mit seiner derb- freundlichen und selbstbewussten Art derart, dass sie beschlossen, nach Bayern zu gehen, wenn sie jemals die Heimat verlassen müssten.

Die Deutschbalten zeigten sich anpassungsfähig und imponierten den Einheimischen in Evenhausen ihrerseits mit ihrer Bereitschaft, die Gepflogenheiten des neuen Lebens anzunehmen. Die Frauen der Familien, die bisher kaum jemals eine Küche betreten hatten, lernten Mahlzeiten für viele Personen zu kochen, die Männer gewöhnten sich an harte körperliche Arbeit im Stall und auf den Feldern. Die drei Familien mussten sich außerdem organisatorisch zusammenraufen, berichtet Sophie von Koskull. Sie gründeten eine "Compagnie", in der Fürst Lieven die Rolle des Oberhaupts übernahm.

Liebevoll beschreibt die Preisträgerin des heimatkundlichen Wettbewerbs in ihrer Facharbeit die Mitglieder dieser straff geführten Organisation - vom kurischen Edelmann alter Prägung bis zur Baronin, die stets in allen Situationen Haltung bewahrte. Neben der harten Arbeit auf dem Anwesen fanden die Familien nach Recherchen ihrer Nachfahrin immer noch Zeit, "philosophische, naturwissenschaftliche und historische Themen" zu diskutieren - im Sommer auf einer Bank vor dem stattlichen Bauernhaus, im Winter am Ofen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die "kurländische Compagnie" in Stölzing zum Flüchtlingslager für viele Verwandte und Bekannte aus dem Baltikum. Doch im Laufe der folgenden Jahre zeigte sich nach Angaben der Autorin, dass die Landwirtschaft nicht ausreichend groß war, um die Familien zu ernähren.

1953 endete die baltische Zeit in Stölzing. "Die Menschen, die ihre letzte Ruhe in Evenhausen gefunden haben, haben einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet, dass ich als Baltin, die in dritter Generation in Bayern lebt, hier meine Heimat habe", ist Sophie von Koskull heute überzeugt.

Heike Duczek (Wasserburger Zeitung)

Quelle: rosenheim24.de

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