Ein Bayer und ein Brasilianer im Glück

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Gönnten sich zur offiziellen Eintragung ihrer Lebenspartnerschaft auf dem Standesamt Wasserburg einen doch etwas spektakulären Auftritt: Nikolaus und Flavio Stöger ließen sich nach dem Ja-Wort in einer rosa lackierten Stretch-Limousine zum Hochzeitsfest kutschieren.

Wasserburg - Flavio Andrade de Oliveira ganz in Weiß, mit goldenem Hemd unter dem Anzug, goldener Fliege und Brautstrauß, Nikolaus Stöger, elegant in Schwarz, mit Blume im Knopfloch:

So entstiegen am Donnerstag die beiden Bräutigame ihrer Limousine, die in der Herrengasse die Blicke der Passanten auf sich zog.

Standesbeamter Harald Pfrogner bereitete dem eigentlich nur drei Minuten dauernden formalen Akt der offiziellen Eintragung einer Lebenspartnerschaft zwischen zwei Männern, die seit August 2009 auch auf bayerischen Standesämtern möglich ist, im Standesamt im Wasserburger Rathaus einen feierlichen Rahmen mit einer Ansprache zur Bedeutung des Ja-Wortes bei Kerzenschein, Aufforderung zum Tausch der Weißgoldringe und für die erste Umarmung als offizielles Paar mit erlösendem Kuss. Die Gäste, 50 enge Verwandte und Freunde aus Deutschland und Brasilien,- vergossen, wie bei jeder Hetero-Hochzeit auch, Tränen der Rührung. Mit strahlenden Gesichtern stieg das Paar schließlich unter dem Applaus der Festgesellschaft in die rosarote Stretch-Limousine und fuhr in Richtung Schächinger Mühle, wo ein rauschendes Fest mit Hochzeitstorte, Liveband, Samba und Salsa, Auftritten bildhübscher brasilianischer Tänzerinnen und des brasilianischen Bräutigams, der zu Ehren seines Lebenspartners tanzte, auf sie wartete.

Eigentlich hatte sich Bräutigam Stöger zu diesem großen Fest, das er von Herzen genoss, überreden lassen. Denn er ist ein nüchterner, wenn nicht gar "ernüchterter" Mensch: Nach drei festen Partnerschaften, 14 Jahren als Single und einer großen Liebe, die ein enttäuschendes Ende fand, hatte sich der 53-jährige mit dem Alleinsein abgefunden. Der plötzliche Tod der geliebten Mutter hat zusätzlich tiefe Spuren hinterlassen. Als Stöger auf den Tag genau vor einem Jahr Flavio Andrade de Oliveira kennenlernte, trafen sich zwei Seelenverwandte: Denn auch der in seiner Heimat bekannte brasilianische Tänzer befand sich in Trauer - um seinen deutschen Lebenspartner. Er fühlte sich in seiner neuen Heimat, deren Sprache er noch nicht gut verstand, allein und hilflos. Nach dem ersten Treffen funkte es sofort zwischen den beiden. "Flavio ist mein Engel auf Erden", schwärmt Stöger. "Niki ist alles, was ich gesucht habe", gibt sein jetzt offizieller Partner für das Leben das Kompliment zurück.

Gegensätze ziehen sich an: Diese alte Weisheit bewahrheitet das Edlinger Homosexuellen-Paar, das dritte, das beim Standesamt Wasserburg die Lebenspartnerschaft offiziell eintragen lassen hat. Der 53-jährige Stöger ist groß und von sehr kräftiger Statur, ein ruhiger, sachlich auftretender Mann, der die Einsamkeit auf dem Land liebt und hier eher zurückgezogen lebt. Sein Lebenspartner ist 14 Jahre jünger, drahtig, sportlich, durchtrainiert. Er trägt sein Herz auf der Zunge und steckt voll südländischem Temperament. "Flavio hat wieder Leben in mein Leben gebracht", freut sich Stöger.

Sein Glück zeigen und mit Verwandten sowie Freunden teilen: Die Entscheidung für das große Fest hat er nicht bereut. Am 7. August wird es außerdem durch eine Messe mit Segnung der Partnerschaft in München gekrönt, für die beiden Katholiken das schönste Geschenk.

Noch immer können sie es nicht fassen, wie offen auch die Edlinger auf das Zusammenleben zweier Homosexueller in ihrem Dorf reagiert haben. In Edling, wo Stöger seit 2005 im Haus seiner Großeltern wohnt, "kennt man mich schließlich". Die brasilianische Fahne, die seit September vor dem Haus weht, hat auch Einheimische bewogen, nachzufragen, wer hier eingezogen ist. "Flavios offene, freundliche und kommunikative Art hat sicherlich auch dazu beigetragen, dass man uns akzeptiert", ist Stöger überzeugt.

Mit Papagei und zwei Katzen haben er und sein Lebenspartner sich eingerichtet in der Birkenstraße. Flavio Stöger, geborener Andrade de Oliveira, schmeißt den Haushalt, sein Mann kümmert sich um das Organisatorische rund um die Karriere des Tänzers, die dieser in Deutschland fortsetzen möchte. Denn ein Zurück nach Brasilien, wo Flavio Stöger gemeinsam mit sieben weiteren Geschwistern in armen Verhältnissen aufgewachsen ist, wird es für ihn nicht mehr geben. Doch er unterstützt seine Mutter und die Familie finanziell. Zur Hochzeit ist sogar eine Schwester angereist mit der neunjährigen Nichte, die im Dirndl bayerische Tracht mit brasilianischem Temperament verbindet. Die Familie in Brasilien hat die Tatsache, dass der Sohn einen deutschen Mann geheiratet hat, akzeptiert: "Meine Mutter wünscht sich nur eins: dass ich glücklich werde. Und das werde ich mit Niki", ist Flavio Stöger überzeugt.

duc/Wasserburger Zeitung

Quelle: rosenheim24.de

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