"Bayerischer Schuh" für die Bierkatakomben

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Der "Bayerische Schuh" wurde von Franz Höcherl (links) für die Kellerfreunde gemacht, die nun bei den Führungen dieses Maß demonstrieren können, rechts Witgar Neumaier.

Wasserburg - Was ist ein "Bayerischer Schuh"? Die Besucher des Sommerbierkellers in der Kellerstraße können es sich jetzt anschauen - 0,29 Meter ist so ein "Schuh" lang.

Lesen Sie hier den Originalartikel aus der Wasserburger Zeitung:

In dem 1785 von Bierbrauer Franz Lorenz Gerbl erbauten Sommerbierkeller in der Kellerstraße wurden bisher drei steinerne Dokumente über den Baufortschritt entdeckt. Eine reich verzierte Steintafel von 1818 aus Rotmarmor am Eingang hat der inzwischen verstorbene Kellerfreund Gerd Kiesewetter vor dem Abbruch gerettet und dem Heimathaus übergeben.

In den verbliebenen hinteren Kellerabteilungen entdeckten die Kellerfreunde erst nach einiger Zeit durch Anstrich und Putz verdeckte weitere zwei Steintafeln. Diese dokumentieren den Vortrieb des Kellers in den Berg, 25 und 43 Jahre nach Baubeginn. Sie berichten von einer Verlängerung des Kellers 1810 um 42 Schuhe und 1828 um 26 Schuch. In ersterer Tafel wurde zudem festgehalten, welche Gerbls wann und wie mit dem Kellerbau zu tun hatten.

"Leider kann man nicht ausschließen, dass in den abgebrochenen rund 40 Metern der Kellerabteilungen eine oder mehrere solche Tafeln angebracht waren", bedauert Witgar Neumaier, der seit vielen Jahren die Erforschung der Bierkeller vorantreibt. Die in den jetzigen Bierkatakomben entdeckten Tafeln wurden von Manfred Furtner mit aller Vorsicht oben in der Gewölbedecke ausgebaut, fachmännisch restauriert und werden seitdem den Besuchern in Augenhöhe gut lesbar präsentiert.

Bei den Führungen werden die Kellerführer sehr häufig nach dem Maß Schuh oder Schuch gefragt. Jetzt können sie ganz einprägsam antworten und demonstrieren. Als nämlich im letzten Jahr bei einem Ausflug der Kellerfreunde Neumaier am Alten Rathaus von Regensburg neben dem Maß eines Klafters auch das eiserne Maß eines Bayerischen Schuh entdeckte, beschloss er spontan, ein solches auch in die Bierkatakomben einzubringen, vergleichbar dem Maß einer Elle am Wasserburger südwestlichen Rathauseck.

Aufgrund der Fotovorlage fertigte Kellerfreund Franz Höcherl millimetergenau den handgeschmiedeten "Bayerischen Fuß". Dieses Maß wurde am 28. Februar 1809 von Graf Mongelas bayernweit einheitlich festgelegt mit zwölf Zoll. Vorher gab es teilweise regionale Unterschiede. 60 Jahre später, bei Einführung des metrischen Maßes per Gesetz vom 29. April 1869, wurde für den Bayerischen Fuß eine Länge von 0,29 Meter festgelegt. Genau dieses eiserne Maß wurde von den Kellerfreunden in der Nähe der beiden Tafeln angebracht. Es entspricht etwa der Schuhgröße 45.

"Wir können nur spekulieren, warum die Familie Gerbl tief in den Kellern im 3,80 Meter hohen Gewölbe zwei Steinplatten anbringen ließ um den jeweiligen Baufortschritt zu dokumentieren. Dort waren sie regelrecht uneinsehbar", so Neumaier. Zum einen wurde in den Kellern kein Unbefugter geduldet, nicht nur aus hygienischen Gründen sondern auch, um in den warmen Monaten möglichst keine Wärme in die Keller eindringen zu lassen. Dazu kommt noch, dass bei der Gewölbehöhe von annähernd vier Metern das seinerzeit spärliche offene Licht nicht ausreichte, den Text zu lesen.

Die Bräuer Gerbl waren offensichtlich nicht nur sehr vermögend, sondern auch eine gebildete Familie, wovon die große Grabplatte in den Arkaden im Altstadtfriedhof zeugt. Bis heute gibt es den Gerblanger südlich der Siedlung am Dobl und in der Altstadt die Gerblgasse. Die Namensgebung erfolgte von der Stadt als Dank dafür, dass Lorenz Franz Gerbl durch Gestattung eines Teilabbruchs seines Gebäudes 1840/41 die Verbindung der Salzsenderzeile mit der Bäckerzeile ermöglichte. Der Familienname Gerbl ist in Wasserburg ausgestorben.

wn/Wasserburger Zeitung

Quelle: rosenheim24.de

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