Bratl-Blasen und Gänsehaut

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Einer alten Tradition verschrieben haben sich die Wasserburger Turmbläser.

Wasserburg - Dick eingepackt stehen die fünf Gestalten an der Frauenkirche. Gleich beginnt der mühselige Aufstieg, den keiner der fünf freiwillig verpassen würde. Turmbläser zu sein ist große Ehre und Verpflichtung zugleich.

Musikalische Darbietungen vom Stadtturm an der Frauenkirche haben seit unzähligen Jahrzehnten, wenn nicht sogar seit Jahrhunderten, einen hohen Stellenwert im städtischen Leben, insbesondere an den kirchlichen Hochfeiertagen. Seit einigen Jahren hat die Stadtkapelle diese Tradition auch in der Vorweihnachtszeit aufgegriffen. Der Höhepunkt dabei: Das Turmblasen am Heiligen Abend.

Der Anstieg im Stadtturm: Ein aufs andere Mal spannend und Kondition voraussetzend. Fotos

Tuba, Posaune, zwei Flügelhörner und ein Waldhorn, obendrein ein üppiger Bund mit historischen Schlüsseln: Schwer beladen stehen sie da, am Einlass zum Stadtturm, die fünf Musiker der Stadtkapelle, darunter auch eine Frau. Gleich werden sie wieder einmal auf die 50 Meter hohe Erkerkanzel des insgesamt 65 Meter hohen Stadtturms steigen. Seit Jahren haben sie sich einer Wasserburger Tradition verschrieben, die in den letzten Jahren an den Adventssonntagen und am Heiligen Abend um zusätzliche Auftritte bereichert wurde und zwischenzeitlich eine treue Zuhörerschaft in ihren Bann zieht.

Rund 17 Jahre dabei als Turmbläser sind Georg Machl und Martin Zwiefelhofer. Beide haben seitdem so gut wie keinen Auftritt auf dem Turm ausgelassen, sei es beim althergebrachten Vormittagsblasen am Oster- oder Pfingstsonntag, an Kirchweih oder Neujahr, am ersten Weihnachtsfeiertag oder eben, wie seit einigen Jahren wieder, am Heiligen Abend. Egal ob Eiseskälte oder tropische Hitze, ob Fliegenplage oder ein schwerer Kopf am Neujahrsmorgen: Das Turmblasen verpflichtet, da sind sich beide einig. "Damals hab ich Glück gehabt, vor 17 Jahren, da durfte ich für einen erkrankten Musiker einspringen", so Georg Machl. Turmbläser ist ein Langzeitengagement, wenigen bleibt es vorbehalten, auf dem Turm spielen zu dürfen. "Da wird fast jeder Termin umgebogen, dass man dort oben mit dabei sein kann", wie Martin Zwiefelhofer ergänzt. Gespielt wird grundsätzlich mit maximal fünf Musikern, so Georg Machl. Das bedingen die engen Platzverhältnisse auf dem Turm, ist aber auch die Erklärung dafür, warum die Teilnehmerplätze so heiß begehrt sind.

Eine dauerhafte Belebung hat das althergebrachte Turmblasen mit der Wiederbegründung der Stadtkapelle im Jahr 1953 erfahren. Erich Baumgartner gehörte schon früh zu den Turmbläsern. Er sah es nach jahrzehntelangem Engagement "und nachdem die Stufen auf den Turm allmählich zu steil wurden" als Verpflichtung an, die jetzigen Turmbläser in ihr Handwerkszeug, das "Spielen in kleinen Gruppen auf dem Turm", einzuweihen. "Turmbläser kann nur werden, wer feste Absichten hat, diese Wasserburger Tradition fortzuführen", so Baumgartner. "Diese Gruppe muss in sich selbst funktionieren, muss sich selbst organisieren, da gibt es keinen Urlaub und keine kurzfristige Absage. Das ist eine Ehre, wenn dich die ganze Stadt von dort oben hört".

Hugo Bayer inspirierte in den 1960er-Jahren das Neujahrsblasen zu einer seiner bekannten Grafiken.

Noch bis vor wenigen Jahren kannte man das Turmblasen am Heiligen Abend nicht. Stattdessen wurde bei Einbruch der Dunkelheit in der Altstadt von einem öffentlichen Christbaum zum nächsten gezogen und gespielt. Erst am darauf folgenden Weihnachtstag erschallten dann pünktlich um 11 Uhr die Blechblasinstrumente vom Stadtturm. "Darum wird es ja auch gemeinhin als das Bratl-Blasen bezeichnet", erklärt Baumgartner, "weil dann alle gewusst haben: Jetzt is Kirch aus, jetzt geht's zum Festbraten nach Haus. Und auch die Vormittags-Bierdimpfen haben gewusst, wann sie dem Stammtisch den Rücken kehren mussten, um rechtzeitig zu Hause zu sein."

Wie lange das Turmblasen in Wasserburg bereits Tradition hat, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. Stadtarchivar Matthias Haupt verweist dabei unter anderem auf eine Quelle aus dem Jahr 1845, wonach das damalige "Wochenblatt für das Landgericht Wasserburg" über eine "wunderschön ausnehmende Blechmusik nach der Christmette" berichtet, und 1846 kommt von der gleichnamigen Quelle die Rückschau auf den Jahreswechsel: "Die zwölfte Stund (Mitternacht) ertönte mit dem Ruf des Turmwächters und wurde das neue Jahr mit festlichem Trompetenschalle begrüßt." Andererseits gibt der "Wasserburger Anzeiger" 1923 auch Auskunft über den "Liederkranz Heideröslein", dessen Mitglieder am Heiligen Abend weihnachtliche Lieder "vom Turme aus zu Gehör brachten".

Selbst am Vorabend zu Allerseelen erklangen im 19. Jahrhundert noch Töne vom Turm. Der Bierbrauer und Magistratsrat Clemens August Ponschab installierte eigens eine Stiftung für eine alljährlich zu Allerseelen "abends um 6 Uhr" zu blasende Trauermusik und spendete gleichzeitig einen stattlichen Sockelbetrag von 150 Gulden. Bis 1926 verbreitet war auch der "Taufblaseintrag", wonach "die Taufe der Knaben ansehnlicher Familien" per Trompetenstoß vom Turm aus verkündet wurde. Davon wusste seinerzeit auch das Stadtsäckel zu profitieren. Das Betreten des Turms wurde "zum selbigen Zweck" mit einer Gebühr von drei Mark belegt. In der heutigen Zeit verzichtet man freilich auf "Eintrittsgelder", wenngleich der Turm nach wie vor Eigentum der Stadt ist.

Da stehen sie nun, gut zehn Minuten später und rund 50 Meter über dem Turmeinlass, die fünf Musiker, auf deren Weihnachtsmannmützen unverkennbar "Wasserburger Turmbläser" eingedruckt steht. Hinter ihnen liegen gut 200 Stufen, zig Mal musste der Kopf unter tiefliegenden Balken eingezogen und die sperrige Tuba kunstvoll zwischen engen Durchschlüpfen hindurchbucksiert werden. An Schwindelfreiheit darf es den fünf Musikern nicht fehlen, die Treppen sind teilweise kritisch ausgesetzt. Kurz spielt man sich in der windgeschützt ehemaligen Türmerstube noch ein, nimmt noch einige Schlucke warmen Tee aus der Thermoskanne, "denn in der nächsten Stund gibt's nix mehr", wie Hornist Norbert Schneider prophezeit. Und Posaunist Gerhard Irl fragt nach: "Habt's alle d'Handschuah oh, sonst werd's sakrisch koit am Instrument".

Dann geht es raus auf die Erkerkanzel, im eisigen Westwind quietschen die blechernen Windfahnen, über den goldschimmernden Instrumenten tänzeln die Schneeflocken und in der Herrengasse recken sich neugierige Köpfe Richtung Turmpickel. Über das ganze Jahr hinweg hätten sie viele Auftritte, wie Magdalena Grill erzählt, "aber der schönste ist unangefochten das Turmblasen am Heiligen Abend". Es sei schon ein ganz besonderes Gefühl, an diesem friedvollen Abend ganz da oben zu stehen, "...und die ganze Stadt hört uns zu. Da kriegst a Gänsehaut". Noch einmal tief Luft holen, und dann: "Stille Nacht, heilige Nacht...". "...die schönste Gänsehaut im ganzen Jahr. Weil: dann ist wirklich Weihnachten!"

Quelle: rosenheim24.de

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