"Den psychisch Kranken abholen"

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Haus Nummer 2: Bewusst eines der schönsten Gebäude des Klinikums wurde als Ambulanz ausgewählt - damit sich die Patienten wohlfühlen.

Wasserburg (wz) - Depressionen, Sucht oder Burn-out-Syndrom: psychische Störungen werden auch heutzutage immer noch tabuisiert. Dabei haben sie sich längst zu einer Volkskrankheit entwickelt.

Die Betroffenen brauchen schnelle Hilfe - die bekommen sie in der Psychiatrischen Institutsambulanz (PIA) des Inn-Salzach-Klinikums in Gabersee. Seit nunmehr 20 Jahren werden Patienten dort individuell betreut.

Etwa 2600 Patienten werden am Inn-Salzach-Klinikum jährlich ambulant untersucht und behandelt - Tendenz steigend. Psychische und neurologische Störungen zählen zu den häufigsten Krankheiten, sie stehen an der Spitze der Ursachen für Krankschreibungen und Frühverrentungen. Die Psychiatrische Institutsambulanz (PIA) am Inn-Salzach-Klinikum versteht sich nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung zum Angebot niedergelassener Nervenärzte, Psychiater und Psychotherapeuten. Sie ist für diejenigen Patienten gedacht, die wegen der Art, Schwere und Dauer ihrer Erkrankung eines besonderen, krankenhausnahen Versorgungsangebots bedürfen. "Wir sind bespielweise in den Zeiten für Patienten da, wenn Artzpraxen keine Sprechstunde mehr haben oder bieten spezielle Therapieformen an wie Selbstsicherheitstraining, Psychoedukation oder Angehörigengruppen", erläuterte Oberarzt Dr. Carsten Steinmann, der im Rahmen einer Feierstunde zum Jubiläum einen Rückblick auf die Geschichte der Ambulanz gab.

Im Laufe der Jahre wechselte nicht nur das Personal, sondern es änderten sich auch die Organisationsstruktur und die Räumlichkeiten. Die Ambulanz wurde modernisiert und vergrößert. Im Gegensatz zur früher, als Patienten auf Stühlen im Gang warten mussten, gibt es jetzt einen separaten Anmelde- und Wartebereich. Auch bei der Auswahl des Gebäudes stand das Patientenwohl im Vordergrund. Die Klinik-Verantwortlichen suchten für die Ambulanz eines der schönsten und zentralsten Gebäude des großen Areals aus. Bei der Gründung der Ambulanz im Jahre 1989 gab es im Wasserburger Raum keinen niedergelassenen Psychiater. Der Bedarf an Hilfsangeboten war daher groß. Anfangs bestand die Ambulanz aus nur einem Arzt und einer Arzthelferin, heute ist ein 20-köpfiges multiprofessionelles Team für die Patienten da.

Die Anforderungen, die an die Mannschaft der Psychiatrischen Ambulanz gestellt werden, unterliegen einem ständigen Wandel: "Patienten verlangen rasche Termine bei kompetenten Ärzten. Außerdem verändern sich Krankheitsbilder. Ein Beispiel dafür sind die nicht-stoffgebundenen Süchte wie Internetsucht", so der Ärztliche Direktor, Prof. Dr. Gerd Laux. Er betonte auch, dass das Verhältnis zu den niedergelassenen Ärzten in der Region sehr gut sei. Das sei nicht überall in Deutschland der Fall, in Ballungsräumen wie dem Ruhrgebiet hätte es Initiativen der Fachärzte gegen Ambulanzen gegeben. Dort gäbe es viele Spezialisten, und der Konkurrenzdruck sei hoch. Ein Spezialgebiet der Institutsambulanz ist die ambulante psychosoziale Betreuung. Dort arbeiten Fachärzte, Sozialpädagogen, Psychologen, Fachpflegekräfte und Arzthelferinnen Hand in Hand. "Wir holen den psychisch Kranken dort ab, wo er steht", erklärte Fachpfleger Wolfgang Kitzeder. Konkret heißt das, dass die Fachkräfte zunächst eine Beziehung zum Patienten aufbauen, gemeinsam mit ihm dessen Probleme erkennen und gemeinsame Ziele festlegen.

Die Fähigkeiten des Patienten werden mit speziellen Angeboten gestärkt. Das können intensive Gespräche, Angstbewältigungsstrategien oder Motivation sein. Wichtig ist für die Patienten auch Hilfe bei der Bewältigung ihres Alltags. Zusammen werden feste Strukturen entwickelt, Tagespläne erstellt oder die Medikamentenbevorratung organisiert. Das alles passiert häufig beim Patienten zu Hause, in seinem Umfeld. Das ist nötig, weil es viele Kranke gar nicht schaffen, die eigenen vier Wände zu verlassen, auf Menschen zuzugehen oder sich Hilfe zu holen.

Wie viel diese Arbeit den Patienten bringt, veranschaulichte Kitzeder anhand einer Krankengeschichte: Eine Patientin verbrachte wegen schwerster Depressionen von 1979 bis 1998 insgesamt 902 Tage stationär in der Klinik. 1998 kam dann die Wende, die Patientin wird seitdem ambulant psychosozial betreut - eine so genannte aufsuchende Betreuung mit folgenden Maximen: nachschauen, begleiten, anleiten. Das heißt, jemand kommt regelmäßig zu ihr nach Hause, um mit ihr zu sprechen, von ihren Nöten zur erfahren. Sie bekommt ihre Medikamente, gemeinsam wird der Tag geplant. Auch schwerste psychische und gesundheitliche Krisen meisterte die Patientin mit dieser Art der Unterstützung. Zusätzlich nimmt sie noch ambulante Therapieangebote in der Klinik wahr. Mit Erfolg: Seit 1998 war sie nur noch zwei Tage in stationärer Behandlung.

Von Gabriele Dorby

Quelle: rosenheim24.de

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