Von einem, der auszog und wiederkam

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Wappendarstellung und Widmung Ludwig Thalhamers aus dem Wappenbuch Ruprecht Surauers.

Wasserburg - Handel dient dem Austausch von Waren, mit dem Ziel, ein knappes oder sogar lebensnotwendiges Gut zu erlangen.

Die alte Handelsstadt Wasserburg wurde vor allem durch den Handel mit Getreide, Wein und Salz reich. Handel verbindet aber auch Menschen, fördert den Austausch von Ideen und schafft Wohlstand, der Luxus, Bildung und Kultur ermöglicht. Dem Handelsherren Ruprecht II. Surauer war dieser Wohlstand vergönnt.

Ruprecht II. Surauer (* 1609, + 1658) stammte aus einem Bürgergeschlecht, das mit der Bürgeraufnahme Joachim Surauers 1560 zum ersten Mal greifbar wird. Der Sohn Joachim Surauers, Ruprecht I. Surauer (* 1558, + 1631), war der Erste in der Familie, der nachweislich das Handwerk der Lebzelterei ausübte und als Mitglied des Rates wichtige Ämter als Leprosenhausverwalter und Spitalmeister innehatte.

Lebzelter arbeiteten mit den Produkten der Biene, Wachs und Honig. Honig bildete als Süßungsmittel die Grundlage für die sogenannten Lebzelten, flache Backwaren, heute als Lebkuchen bekannt, die das ganze Jahr über zu religiösen und familiären Festen verzehrt wurden. Aus Bienenwachs wurden Kerzen, Votivgaben und Wachsbilder gefertigt. Die Surauer waren aber nicht nur Handwerker. Sie trieben auch Handel, sowohl mit den Rohprodukten, für die sie zeitweise ein Monopol besaßen, als auch mit den fertigen Waren und gelangten so zu ungeheurem Reichtum.

Die Familie Surauer stellte Ratsherren, tätigte Spenden und heiratete in angesehene Wasserburger Geschlechter ein, um Reichtum und Ansehen zu vermehren.

Das Gemälde des Ruprecht II. Surauer wird zurzeit in der Sonderausstellung des Museums präsentiert. Hier blickt der reiche Handelsherr nun ganz beiläufig auf seinen liebsten Schatz - sein Wappen- und Reisebüchlein. Das über 100 Seiten umfassende, nur 15,5 auf 22 Zentimeter große, in Samt gebundene Büchlein stammt nach eigener Inschrift aus dem Jahr 1638. Es beinhaltet neben den Notizen von vier Reisen, die Surauer zwischen 1631 und 1637 unternahm, auch Wappen und Einträge von Personen, die ihm im Leben begegneten. Außerdem sind zahlreiche Miniaturmalereien enthalten.

Ein selbstbewusster Mann in den 40ern: Ruprecht II. Surauer. Das Porträt hängt im Museum.

Die Reisen führten Surauer vor allem in die Städte des altbayerischen Raumes, den er immer wieder durchwanderte, um in Gebiete des heutigen Österreichs, Tschechiens und der Slowakei zu gelangen. Die Reisen sind tabellarisch dokumentiert und mit Anzahl der zurückgelegten Meilen, den Namen der Orte und deren Klassifikation als Stadt, Markt oder Dorf belegt. Gelegentlich nahm Surauer auch architektonische oder geografisch-geologische Besonderheiten der Orte auf. Seine weiteste Reise reichte über die Alpen nach Italien und dort bis nach Venedig, das er sehr verehrte. Mehrere Seiten widmete er der Beschreibung Venedigs, die er als "in der ganzen Chistenhait die aller fürthreflichste, an Tempeln, Khirchen, Heusern, Palästen, gemeainen und offenen Plätzen" reichste Stadt ansieht. Vom Markusplatz ist im Buch auch eine der prächtigen Miniaturmalereien enthalten, welche die Besonderheit der Archivalie ausmachen.

Die Serie der Miniaturmalereien zeigt nach Vorlagen des französischen Kupferstechers, Malers und Zeichners Abraham Bosse gefertigte Allegorien der vier Sinne Schmecken, Hören, Sehen und Riechen. Die Miniaturen tragen in der Regel zwei Allegorien in einem Bild. So stehen im Vordergrund Individuen, die eine Empfindung teilen, die im Hintergrund, gerahmt durch eine Architektur, durch eine zweite allegorische Darstellung verstärkt werden. Nicht alle Miniaturen sind vollendet worden.

Die Malereien im Reise- und Wanderbuch des Ruprecht Surauer sind bisher noch nicht wissenschaftlich kunsthistorisch eingeordnet worden. So ist bis heute unbekannt, welcher Künstler die Kopien so bald nach der Entstehung der Originale angefertigt hat. Die Miniaturen sind Zeichen dafür, dass Surauer, ganz Mensch seiner Zeit, nach Genuss, nach Erfahrung, nach Neuem, nach Exotischem strebte und eben diese Erfahrungen nun für die Zukunft fixieren wollte.

Die Reisebeschreibungen sind eingebunden in Gebete und ein Gedicht über das Wandern. Surauer gibt an, dass er während der Reisen nur vier Tage gearbeitet hat. Dies verdeutlicht, dass seine Reisen nicht Gesellen- oder Handelsreisen waren, sondern der persönlichen Erfahrung und Weiterbildung dienten.

Surauer ließ in seinem Stammbuch neben seinen Reisebeschreibungen nicht nur das Wappen seiner Familie festhalten, sondern auch die Wappendarstellungen von Begleitern, Freunden oder Weggefährten, so das Vollwappen des Ludwig Thalhamer. Der Text unter der Darstellung erklärt die Beziehung der beiden zueinander. Demnach hat Thalhamer seinem "geehrten Schwagern Ruprechten Surauer" sein "Wäpl" zum Andenken "hieher machen lassen". Surauer verstarb mit 47 Jahren vor seinem Schwager. Thalhammer übernahm fortan die Vormundschaft über dessen erst acht Jahre alten Sohn Ruprecht Franz.

Miniaturmalerei nach Abraham Bosse, Die fünf Sinne, Auditus (Hören) um 1635: Die Musiker spielen, während durch die offenen Fenster der Lärm einer Schlacht dringt.

Weitere Wappendarstellungen und Widmungen finden sich unter anderem von Johann Schmidt, Caspar Endres oder Urban Eder. Die Beziehungen Surauers zu seinen Zeitgenossen ergeben sich sowohl aus den Wappenunterschriften und persönlichen Widmungen, als auch aus ihren Funktionen oder Ämtern: Hans Schmidt aus Rott wurde 1635 als Schulhalter in Wasserburg aufgenommen. Zu dieser Zeit war Surauer Ratsmitglied und entschied daher mit über die Besetzung der Lehrerstelle. Caspar Endres (+ 1674) war Organist und Kirchenmusiker in Wasserburg. Urban Eder, Bürger in Wasserburg, war um 1640 Kämmerer der Stadt und Probst bei St. Jakob und somit ebenfalls, wie Ruprecht Surauer, Ratsmitglied.

Das Büchlein schließt mit den Einträgen späterer Mitglieder der Familie Surauer zu Hochzeiten, Todesfällen und wichtigen Ereignissen. Franz Alois I. Surauer (+ 1840) trug zu Beginn des 19. Jahrhunderts die letzten Geschehnisse ein.

Die Surauer verloren ihre Absatzmärkte und damit ihre Existenzgrundlage, nachdem im 19. Jahrhundert zum einen Zucker als Süßungsmittel immer mehr den Honig verdrängte und so eine neue Konditorenkunst entstand und zum anderen im Zuge der Säkularisation der Volksglaube und das damit verbundene Wallfahrts- und Votivwesen immer mehr zurückgedrängt wurden. Mit Franz Alois II. starb der letzte Surauer 1919 verarmt im Heiliggeist-Spital. Seine Aufnahme dort finanzierte er mit der Übergabe der Kunstschätze seiner Familie an die Stadt Wasserburg. So kamen auch das Porträt seines Ahnherren und dessen Wappen- und Reisebuch in Archiv und Museum und sind noch bis 6. Mai dienstags bis sonntags von 13 bis 16 Uhr in der aktuellen Sonderausstellung im Museum zu sehen.

Matthias Haupt

Quelle: rosenheim24.de

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