Einem religiösen Schwarzbau auf der Spur

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Abgebrochen hat Wolf Straßer die neuromanische Kapelle in Straß nicht, auch wenn sein Pfarrherr dies Ende des 17. Jahrhunderts verlangte.

Wasserburg/Eiselfing - Welch ungeheuerliche Dreistigkeit: Ohne den Herrn Archidiakon zu fragen, baute Wolf Straßer eine Kapelle. Ein Schwarzbau von ungefähr anno 1680.

Vermutet hat man es schon lange, nur beweisen konnte man es bisher nicht, dass die Weiheinschrift in der Kapelle zu Straß mit der dortigen Hauskapelle überhaupt nichts zu tun hat. Das Schreiben des Eiselfinger Pfarrers Anton Steffl von 1940 in einem Akt, in den es eigentlich gar nicht hineingehört, war der erste Hinweis, dass die mit 1614 datierte Tafel keinen Bezug zur Kapelle hat. Damals lag sie lose im Hof/Haus und wurde wohl auf Veranlassung des Geistlichen dann eingemauert, so dass in der Folgezeit kaum jemand einen Verdacht schöpfte.

Die Weiheinschrift ist in Straß eingemauert, gehört aber zu einer Hauskapelle in Wasserburg.

Erst bei der Abfassung eines Kirchen- und Kapellen- führers von Eiselfing wurden die Ungereimtheiten erneut offenkundig, denn die Inschrift berichtet davon, dass der Wasserburger Ratsherr Abraham Reiter und seine Ehefrau Anna Pallinger eine Kapelle hätten erweitern und vom Freisinger Weihbischof Bartholomäus Scholl weihen lassen. Diese sei den Apostelfürsten Petrus und Paulus gewidmet gewesen. Solch eine Andachtsstätte besaß das Ehepaar tatsächlich, aber in Wasserburg am - heutigen - Kaspar-Aiblinger-Platz 34. Die war jedoch schon vor 1860 entfernt worden. Diese sogenannte Elverez'sche Kapelle wird 1740 unter den Hauskapellen Wasserburgs auf dem Gries erwähnt: Sie befand sich im damaligen Haus Nummer 285, rückwärts im 2. Stock. Bei einer Teilung des Hauses wohl am Ende des 18. Jahrhunderts dürfte die Kapelle verschwunden sein, Eigentümer der Haushälften im Jahr 1796 sind der Lotterie-Collecteuer Franz Xaver Stechl und der Maurer Sebastian Eichner. Der Gutshof Straß war jedoch nie im Besitz der Familie Reiter.

Kopfzerbrechen bereitete auch der Umstand, dass ein Freisinger Bischof auf Salzburger Diözesangebiet - der Inn bildete bis 1816 die Grenze zwischen beiden Bistümern - Amtshandlungen vornahm. Nun meldete ein Kollege, der sich mit den Visitationsprotokollen des Archidiakonats Baumburg, zu dem die Pfarrei Eiselfing gehörte, intensiv beschäftigte, dass es einen Streit um die Straßer Kapelle gegeben habe: Am 13. Oktober 1680 schreibt der damalige Pfarrvikar Caspar Hueber von Eiselfing (1674-96), einer der Gründungsväter der Zufluchten-Verehrung, an den Archidiakon und Propst Patritius des Augustiner-Chorherrenstifts Baumburg, dass Wolf Strasser zu Straß (eigentlich Wolfgang Georg Paul, der den Familiennamen seiner Frau führte) zunächst seinem Haus eine Kapelle erbaut habe, die "der Hochw. Herr Archidiakon bereits gesehen habe." Er habe als Pfarrherr dem Strasser befohlen, sie zuzusperren oder abzubrechen. Strasser, der 1624 bis 1682 lebte, weigere sich und wolle dies erst dann tun, wenn es ihm sein Hofmarksherr von Stein aus befehle. Propst Patritius wandte sich daher am 18. Oktober 1680 an den Richter in Stein mit der Bitte, die Sperrung der Kapelle von Obrigkeits wegen zu veranlassen. Bei der letzten Visitation 1677 habe ihn die Ehefrau des Strassers gefragt, ob sie "ain gewisses Unser Lieben Frauen bildt" nächst der Landstraße aufstellen dürfe; "gab ihr zur Resolution, dass das Bild eher in eine Kirche gehört; darauf baute Straßer ohne Fragen des Archidiakons eine neue Kapelle ohne weiteren Konsens und Anfrag an seine Taferne an; und stellte das Bild in die Kapelle". Damit ließe sich die Erbauungszeit der Hofkapelle auf die Jahre 1677 bis 80 festlegen.

Sicher beabsichtigte die Stifterin nicht, ein Ölgemälde als Marterl an der viel befahrenen Salzstraße Reichenhall - Wasserburg - München, die unmittelbar am Hof vorbeiführte, aufzustellen. Vielmehr wird man an eine Figur denken müssen, die allerdings auch eines Schutzes bedurfte. Der weitere Verlauf des Streits ist nicht überliefert, offensichtlich blieb jedoch die Kapelle bestehen.

Damit ist bewiesen, dass die Weiheinschrift von 1614 mit dem Kapellenbau von 1677/80 nichts zu tun hat. Gleichzeitig wird deutlich, dass die halbrunde Apsis, die sich im neuromanischen Kapellenvorbau von 1861 verbirgt, zur ursprünglichen Kapelle gehört. Es wäre sowohl zu vermuten, dass sich noch Reste einer Ausmalung in der Rundung finden lassen, als auch dass die beiden barocken Kronen für Maria und das Jesuskind, die noch am Hof verwahrt werden, zu jenem "Unser Lieben Frau bildt" gehörten, welches die Anna Strasserin 1677/80 zur Verehrung aufstellen ließ. Die Figur selbst ist verschwunden.

Ferdinand Steffan (Wasserburger Zeitung)

Quelle: rosenheim24.de

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