"Ernste Lage auf dem Milchmarkt"

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Immer weniger, immer größere Betriebe: Die MEG sieht die Entwicklung bei den Milchbauern mit Sorge, der Kampf um Bewirtschaftungsflächen sei bereits entbrannt.

Eiselfing/Wasserburg - Der Strukturwandel hat auch die Milchviehwirtschaft in der Region Wasserburg, einer der traditionell stärksten Grünlandbereiche in Bayern, fest im Griff:

Der Kampf um gerechte Preise, die immer knapper werdenden Flächen und steigende Betriebskosten registriert die Milcherzeugergemeinschaft Wasserburg-Ebersberg (MEG) mit Sorge.

207,6 Millionen Kilogramm Milch haben die Mitglieder nach Angaben ihres Vorsitzenden Jakob Niedermaier 2011 an die Molkereien verkauft - ein Vermarktungsrekord und Plus von 8,7 Millionen Kilo gegenüber 2010. Doch es gibt auch einen Negativrekord: Aktuell sind in der MEG nur noch 915 Milcherzeuger zusammengeschlossen. 2010 waren es noch 947. Seit 1998, als der Mitgliederstand bei 2220 lag, haben immer mehr Milchbauern aufgegeben.

Weniger Betriebe, mehr Milch: Der Strukturwandel, hin zu großen Unternehmenseinheiten mit über 100 Kühen hat längst stattgefunden. Das zeigte sich bei der Jahresversammlung der MEG im Gasthaus Sanftl in Eiselfing. Zahlen aus Bayern, die Landwirtschaftsberater Ludwig Huber vom Amt für Landwirtschaft in Traunstein beisteuerte, untermauern diesen Trend: 1970 gab es nach seinen Angaben im Freistaat noch 267.000 Erzeuger, 2010 waren es nur noch 35.000. Langfristig geht der Betriebswirtschaftler davon aus, dass die Zahl unter die 30.000-Grenze rutscht.

2011 stellte nach Angaben des MEG-Vorsitzenden noch ein relativ gutes Jahr dar, auch dank langfristig ausgehandelter Verträge mit den vier Privatmolkereien, die die Milchbauern im Raum Wasserburg-Ebersberg beliefern. Guter Vertragspartner sei Alpenhain in Lehen, wo jährlich 85 Millionen Kilogramm Milch verarbeitet werden, zu denen die MEG-Erzeuger 38,18 Millionen beitragen, so Niedermaier. Durchschnittlich zahlte Alpenhain an die Milchbauern nach seinen Angaben 36,31 Cent pro Kilogramm, ein Preis über dem Bayerndurchschnitt von 36,06 Cent.

Hinter dem Bayerndurchschnittspreis mit 35,21 Cent für die eintägige Abholung lag 2011 die Molkerei Jäger aus Haag, zu deren Gesamtmilchmenge von 270 Millionen Kilogramm die MEG 90 beiträgt. 2012 sind jedoch bereits dreimal 36 Cent ausgezahlt worden, so sieht der Vorsitzende die Preisverhandlungen wieder auf einem besseren Weg. Relativ gering ist die Milchmenge, die die Erzeugergemeinschaft 2011 an die Molkerei Meggle lieferte: 19,3 Millionen Kilo. Auch bei Meggle gab es im vergangenen Jahr mit durchschnittlich 35,85 Cent Milchpreise unter dem Bayerndurchschnitt. Niedermaier sieht in der Molkerei jedoch einen wichtigen Vertragspartner, weil sie international aufgestellt ist, wovon die Milchbauern dauerhaft profitieren würden.

Zu den 200 Millionen Kilo Milch, die die Molkerei Bauer im Jahr verarbeitet, steuern die MEG-Mitglieder 60,17 Millionen Kilogramm bei. Im Jahresdurchschnitt zahlte Bauer 36,21 Cent plus 0,50 Cent Aufschlag für die gentechnikfreie Produktion - deutlich mehr als der Bayerndurchschnitt. Niedermaier lobte die hohe Innovationsleistung der Wasserburger Molkerei, die sich als erste verpflichtet habe, ihre Produkte gentechnikfrei anzubieten. Dieses Qualitätsmerkmal trage die Mehrzahl der MEG-Bauern aus Überzeugung mit, man profitiere von daraus resultierenden Preiszuschlägen.

Auch wenn feststeht, dass die aktuellen Preise noch relativ gut sind, sei die Lage auf dem Milchmarkt ernst, bedauert der MEG-Vorsitzende. Dies spiegelt auch der Rohstoffwert wider, der den Preis pro Kilogramm für eine einfache Verwertung aufzeigt: Er lag im Januar 2010 bei 27,8 Cent, liegt im März 2012 bei 27,9 Cent. Die MEG produziert jedoch Milch, die in den Privatmolkereien des Einzugsgebietes für hochwertige Markenprodukte genutzt wird.

Der Preisdruck ist enorm, auf politische Unterstützung könnten die Milchbauern auch nicht bauen, so der Vorsitzende. Im Gegenteil: 2015 ist die Abschaffung der Milchquote geplant. "Der Markt ist die Religion", bedauerte Jakob Niedermaier. Die Zusammenschlüsse großer Genossenschaftsmolkereien zeigten jedoch, dass eine solch gebündelte Macht Einfluss auf ein weiteres Glied der den Milchpreis beeinflussenden Kette ausüben könne: auf den Lebensmittelhandel. Denn der gibt den Preisdruck an die Molkereien, diese wiederum an die Erzeuger weiter. Die MEG-Bauern stehen jedoch hinter ihren Vertragspartnern, den privaten Molkereien Bauern und Meggle, die heuer ihr 125-jähriges Jubiläum feiern, zu Alpenhain und Jäger. "Wir wollen so regional wie möglich bleiben", so Niedermaier. Die in der MEG produzierte Milch eigne sich ideal für die hochwertigen Produkte, die in den Privatmolkereien hergestellt würden.

Relativ gute Preise, die die MEG aushandelt, dürften jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Gewinnspanne immer kleiner wird. Denn die Kosten für die Milcherzeugung explodieren, bedauert Huber. So hoch wie noch nie zuvor sind nach seinen Angaben die Stallbaukosten. Auch der Kampf um die Fläche sei voll entbrannt: Wer überleben will, muss größer werden, was oft an der Zupachtung von Flächen scheitert. Auch personell ist die Betriebsvergrößerung oft kaum zu bewältigen: "Viele Familien haben die Grenzen der Belastbarkeit erreicht", warnte Huber angesichts der Tatsache, dass der Umsatz oft nicht ausreicht, um Fremdarbeitskräfte einzustellen. Ein Stallneubau, der den nächsten 20 Betriebsjahren finanziell den Stempel aufdrückt, muss deshalb innerhalb der Familie gut überlegt sein. "Es geht nur, wenn alle zusammen helfen."

Auch der Landkreis ist sich seiner Verantwortung für die Zukunft der traditionell starken Milchviehwirtschaft in der Region bewusst. Landrat Josef Neiderhell sprach bei der Jahresversammlung der Milcherzeuger auch die in seinen Augen besorgniserregende Tatsache an, dass immer mehr Fläche nicht für die Nahrungsmittel-, sondern für die Energieproduktion verbraucht wird. Im Landkreis Rosenheim gibt es nach seinen Angaben die meisten Biogasanlagen in Oberbayern. Es handelt sich zwar in erster Linie um kleinere Anlagen, doch auch sie verstärken neben dem Versiegelungsdruck den Kampf um die Fläche.

Auch Neiderhell stellt sich hinter die Hauptvertragspartner der Milcherzeuger in der Region, die privaten Molkereien. Sie seien verlässliche Partner mit engem Bezug zu den ansässigen Erzeugern, die Gewerbesteuer zahlen, Arbeitsplätze stellen und ausbilden würden - ein Gewinn nicht nur für die Milchbauern, sondern für die ganze Region.

duc/Wasserburger Zeitung

Quelle: rosenheim24.de

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