Erinnern an alte Fähigkeiten

+
Die "Hausbank" im Flur der Station ist besonders beliebt bei den Patienten. Unter dem Bild des angegrauten Liebespaares Oberarzt Günther Heller, Stationsleiter Franz Fertl, Ludwig Spirkl von der Pflegedienstleitung und stellvertretender Stationsleiter Günther Bauer (von rechts).

Wasserburg - Eine neue Station für Demenzkranke mit "herausforderndem Verhalten" wurde nun eröffnet. Der Bedarf ist eindeutig: Schon nach einer Woche ist "G 2" fast voll belegt.

Eine neue Station für Demenzkranke mit "herausforderndem Verhalten" wurde jetzt im Inn-Salzach-Klinikum eröffnet. Der Bedarf ist eindeutig: Schon nach einer Woche ist "G 2" fast voll belegt.

Dass unsere Gesellschaft älter wird, ist inzwischen eine Binsenweisheit. Wo sich das besonders niederschlägt, auch: In den Krankenhäusern finden sich immer mehr ältere Patienten, was wiederum auch eine Folge des medizinischen Fortschrittes ist. "Viele dieser Menschen hätten früher gar nicht so lange gelebt", so Dr. Dirk Wolter, Chefarzt der Gerontopsychiatrie im Inn-Salzach-Klinikum (ISK).

Immer häufiger überfordern aber gleichzeitig die Auswirkungen einer mit dem Alter immer wahrscheinlicher werdenden Demenz die Familien oder Pflegeeinrichtungen massiv. "Herausforderndes Verhalten" heißt es in der Fachsprache, wenn demente Menschen Schläge austeilen, nur mehr schimpfen, notorisch unruhig sind, kein Tag/Nacht-Gefühl mehr haben.

Für sie wurde nun im Haus 11 eine neue Station eröffnet. Damit gibt es 20 gerontopsychiatrische Betten mehr im ISK. Während auf den anderen Geronto-Psychiatrie-Stationen die Entlassung im Schnitt nach drei bis vier Wochen erfolgt, geht man bei der neuen Station davon aus, dass es etwas länger dauert, die Patienten wieder zu stabilisieren, noch vorhandene Ressourcen zu wecken und Begleiterkrankungen zu behandeln.

Ein Jahr lang hat Stationsleiter Franz Fertl mit seinem Team daran getüftelt, dafür möglichst ideale Bedingungen in dem alten Bau zu schaffen, der noch aus der Gründerzeit des Krankenhauses vor 125 Jahren stammt. Die Handwerker des ISK haben für die Umsetzung gesorgt. Viel Platz sollten die Station und ihr Garten bieten, um den Senioren Bewegung zu ermöglichen, die wiederum Unruhe abbauen kann. Besonders helles und ruhiges Licht am Tag, minimales in der Nacht soll das Zeitgefühl wieder synchronisieren, ein Farbkonzept bei der Orientierung helfen. Große Schwarz-Weiß-Fotografien an den Wänden mit Motiven aus der "aktiven Zeit" der Patienten sollen helfen, bei dem wieder anzuknüpfen, was für diese Menschen "noch nicht so weit weg ist", wie es Franz Fertl formuliert - und damit auch bei den entsprechenden Fähigkeiten.

"Ein Alzheimer-Patient beispielsweise kann sich nichts Neues mehr merken. In vertrauter Umgebung klappt es aber oft, dass er sich an bereits Bekanntes wieder erinnert", so Dr. Wolter. Das kann bei der Körperpflege wichtig sein oder beim Essen, also bei elementaren Fähigkeiten, die darüber entscheiden, ob eine Rückkehr in das vorherige Umfeld wieder möglich ist.

Denn die ist das Ziel, und darauf wird mit vielen Therapieansätzen hingearbeitet. Biografiearbeit soll dem Personal helfen, die "Marotten" der alten Menschen zu verstehen, besser auf sie einzugehen und damit ein Gefühl der Geborgenheit wecken zu können. Vertraute Musik oder Tätigkeiten, der Geruch von angebratenen Zwiebeln: Die Therapeuten aus den verschiedenen Fachbereichen des ISK kommen auf die Station und arbeiten im "multiprofessionellen Team" daran, ausgeprägte Selbstpflegedefizite, chronische Verhaltensstörungen, Unruhe oder Übergriffsverhalten abzubauen.

Nach der ersten Woche Stationsbetrieb könne man durchaus bereits Erfolge des Konzeptes erkennen, so Oberarzt Günther Heller: "Es war bisher sehr ruhig." Und das, obwohl die Stationsbelegung derzeit noch täglich wächst, was ja für die Patienten laufend Veränderungen bringt und daher künftig auf ein Minimum reduziert werden soll. Möglichst viel Konstanz ist wichtig, um die Verwirrung von Dementen wieder abzubauen, die sich beispielsweise nach einem Unfall im Krankenhaus überhaupt nicht mehr zurecht fanden.

Entscheidend sind dabei auch die medizinischen Möglichkeiten, die die Altersmedizin inzwischen hat. "Demenz kann man zwar nicht heilen. Aber es gibt jetzt doch mehr Möglichkeiten, sie zu verlangsamen und ihre Auswirkungen zu mildern", so Dr. Wolter. Der hat bei so viel Positivem nur eine Kritik: Obwohl es sich bei den Senioren oft um multimorbide Patienten handle, werde die Gerontopsychiatrie beim amtlichen Personalschlüssel für Ärzte "skandalös benachteiligt".

Karl Königbauer/Wasserburger Zeitung

Quelle: rosenheim24.de

Zurück zur Übersicht: Region Wasserburg

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser