FDP: "Dame ohne Unterleib"

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Das Gesicht der FDP in Wasserburg: Christian Böhm ist offiziell Ortsvorsitzender. In den letzten Jahren aber waren er und die "rund acht Mitglieder" nicht aktiv.

Wasserburg (wz) - Selbstbewusst verhandelt die FDP derzeit in Berlin. Schließlich hat sie bei der Bundestagswahl sogar in Wasserburg, wo SPD und Grüne immer stärker sind als anderswo, 12,4 Prozent erzielt. Aber: Wer ist die FDP in Wasserburg?

"Besuchen Sie uns am Infostand am 22. August am Max-Josefs-Platz". Ganz aktuell ist die Internet-Seite des FDP-Kreisverbandes Rosenheim nicht. Offensichtlich gab es nach dem überraschend hohen Wahlergebnis vom 27. September für die wenigen aktiven Mitglieder Wichtigeres zu tun, als die Homepage zu aktualisieren. Immerhin hatte man mit 14,5 Prozent im Landkreis das Ergebnis um 50 Prozent verbessert und die SPD hier sogar überholt.

In Wasserburg ist das Resultat mit 12,4 Prozent etwas schwächer ausgefallen. Aber auch hier bedeutet das ein Plus von vier Prozentpunkten gegenüber 2004.

"Dieser Erfolg ist sicher nicht auf uns vor Ort zurückzuführen", gesteht Christian Böhm ein. Ihn findet man bei weiterer Internet-Recherche als Vorsitzenden des Ortsverbandes Edling-Wasserburg - mit einem Aufruf zur Europawahl im Juni 2009.

Seit sieben Jahren leitet der 32-jährige Journalist, den man vor Ort eher als den Autor der bisher zwei Wasserburg-Krimis kennt, offiziell den liberalen Ortsverband. Mehrere Jahre war er engagierter FPDler: stellvertretender Kreisvorsitzender, Gemeinderats- und Kreistags-Kandidat und 2003 sogar Direktkandidat der FDP für die Landtagswahl. Damals hat er "ein Jahr geackert" und dann unter drei Prozent eingefahren: "Das war schon auch frustrierend", gibt er zu.

Für Böhm kamen dann Studium, Journalistenschule, Auslandsaufenthalt, für die FDP Aufwärtsjahre bei Wahlen, die sich allerdings bei den Mitgliedszahlen vor Ort noch nicht niedergeschlagen haben. "Rund acht Mitglieder" habe die FDP im Ortsverband, schätzt Christian Böhm. "Aber das ist ja auch kein Wunder. Wir waren vor Ort nie greifbar, weder mit einer Person noch mit einer lokalpolitischen Position."

1990 gab es letztmals eine FDP-Liste für den Wasserburger Stadtrat, die mit 1,6 Prozent aber chancenlos blieb. Inzwischen weiß man bei der Stadtverwaltung nichts mehr von einer existierenden FDP: Auf der Internet-Seite findet sich unter den Parteien kein Hinweis darauf.

In Edling war man etwas länger wahrnehmbar, was aber vor allem mit dem dort lebenden Günter Bilz zusammenhing, dem kürzlich verstorbenen langjährigen FDP-Frontmann im Landkreis. Über ihn ist auch Christian Böhm zu den Liberalen gekommen: "Der hat mich schon überzeugt." In einem "immer schon eher kleinen Zirkel" politisch mitmischen zu können, habe durchaus seinen Reiz, so Böhm, der sich selbst als überzeugten FDP ler bezeichnen würde: "90 Prozent der Positionen teile ich."

Vor allem in Sachen Bildung und Bürgerrechte fühlt er sich bei den Liberalen vertreten, weniger dagegen beim Wirtschafts-Liberalismus: "Nur der Markt wird es nie regeln", schränkt der politisch geschulte Stipendiat der FPD-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung hier ein.

Lokal gesehen fühlt sich Böhm als Ortsvorsitzender durchaus verantwortlich dafür, dass die FDP wieder erlebbarer wird - einerseits. Andererseits ist er sich gar nicht so sicher, wie groß das Bedürfnis danach wirklich ist. Mit Schaudern erinnert er sich an fast blamable Wahlkampf-Termine mit Spitzenpolitikern: "Das alte Versammlungswesen ist einfach nicht mehr gefragt", steht für ihn fest.

Trotzdem spürt er nach dem guten Wahlergebnis Aufwind auch in Wasserburg. Bei den Kommunalwahlen 2014 möchte er auf alle Fälle eine FPD-Liste präsentieren. Dafür müsse man natürlich auch vorher schon wahrgenommen werden. Zuerst müsste der Ortsverband allerdings wenigstens die kritische Masse von zehn Mitgliedern erreichen, glaubt er: "Ohne Gesichter hat man lokal keine Chance."

Dass es für die FDP generell nicht ganz leicht wird, aktive Ortsverbände aufzubauen, das allerdings ist für Christian Böhm auch klar: "Wir wurden ja schon zu Zeiten früherer Regierungsbeteiligung als 'Dame ohne Unterleib' verspöttelt."

Karl Königbauer (Wasserburger Zeitung)

Quelle: rosenheim24.de

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