Viele Gebete und ein Weißbier

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50 Kilometer bis Altötting: Der Tagesanbruch bei Guttenburg, ein landschaftliches Erlebnis und eine ganz neue Sonnen-Erfahrung.

Wasserburg/Altötting - Rund 50 Kilometer Fußmarsch und Stunden des in sich Kehrens haben die Pilger auf dem Weg nach Altötting vor sich - ein Erfahrungsbericht.

"Gegrüßet seist du Maria, voll der Gnade". Irgendwie bin ich gedanklich noch ganz woanders. "Der Herr ist mit dir". Da war nur eine halbe Stunde Schlaf, zwischen 22.30 und 23 Uhr. Eigentlich bin ich jetzt 19 Stunden wach und ich hab garantiert noch 16 Stunden vor mir. "Du bist gebenedeit unter den Frauen". Blaulichter zucken hinter mir, ein Dieselmotor nagelt mit sonorem Ton. Ich komm mir vor wie bei einem nächtlichen Feuerwehreinsatz. "Und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus". Über mir leuchten die Sterne, einen solch klaren Nachthimmel hatten wir schon lange nicht mehr. Oder bilde ich mir das nur ein? "Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder". Die Füße möchten noch nicht so richtig funktionieren, die Frequenz stimmt noch nicht. Hatten wir in den letzten Jahren auch so ein Tempo drauf? "Jetzt und in der Stunde unseres Todes". Und trotzdem: Irgendwie freue ich mich schon auf die vor uns liegende Nacht, auf rund 50 Kilometer Fußmarsch und auf Stunden des in sich Kehrens. Ich bin mit einer ganzen Schar von Gläubigen aus Stadt und Umland auf der traditionellen Fußwallfahrt nach Altötting. "Amen".

0.10 Uhr, Kellerberg: Ich schwitze noch immer. Der zackige Anmarsch war aber auch wirklich von Null auf Hundert. Vor zehn Minuten hatte ich mich in der Altstadt an die von Edling kommende "Pilgervorhut" angehängt. Die hatten vielleicht ein Tempo drauf. Nun ja: Macht man ja auch nicht alle Tage, "religiösen Ausdauersport" bei nachtschlafender Stunde.

Im fahlen Licht der Straßenlaterne kommen am Kellerberg, unserem Sammelplatz, unterdessen immer mehr Pilger zur Gruppe. "Die kenn ich doch. Die war doch die letzten Jahre auch dabei. Ist das schon wieder ein Jahr her", geht es mir durch den Kopf. Die einen verstauen gerade noch ihre Rucksäcke im Begleitfahrzeug des Roten Kreuzes, die anderen bandagieren vorausschauend schon mal die Zehen mit Pflasterstreifen.

0.15 Uhr, Kellerberg: Ungeordneter Abmarsch Richtung Penzing. Bis jetzt 40 Personen. In sechs Stunden, ab Kraiburg, werden es dann deutlich mehr sein. 50 Kilometer bis nach Altötting, an einem Stück. Werde ich es wieder schaffen? "Aba a guats Wetta ham ma heit", meint mein Hintermann. Wirklich wahr. Besser könnte es nicht sein. Klarer Himmel und (noch) erträgliche Temperaturen. Regen, Kälte, Nebel, alles war schon dabei in den vergangenen Jahren, an diesem Pflichttermin. In flottem Tempo ist der Penzinger Wald erreicht.

0.30 Uhr, Penzing. "Die rechte Seitn fangt as Betn o", ruft unser Vorbeter. Wie eine Maschine setzt sich der Pilgertross - nun geordnet - in Bewegung. Die neonhellen Lichtkegel der zig Stirnlampen und das Blaulicht des Absicherungsfahrzeuges sorgen für eine gespenstische Stimmung. "Gegrüßet seist Du Maria...ah, bist du a wieda dabei", grüßt mein Nachbar. Ja, ich bin auch wieder dabei. "Hot di as Oidäding-Fiaba oiso a wieda packt`? Gib's zua!" Er hat Recht. Es ist wie ein Fieber, ein liebgewonnenes, der jährliche Marsch ins oberbayerische Pilger-Mekka. Ich weiß gar nicht, das wievielte Mal ich mir in den kommenden Stunden wieder brennende Fußsohlen und schmerzende Waden holen werde. Ist es die Herausforderung? Ist es der Glaube? Hab ich ein konkretes Anliegen? Ja, sicherlich. Alles zusammen. Was bewegt die übrigen Mitpilger? Hoffentlich nichts Schlimmes. Ich möchte es gar nicht wissen. Am Ortsausgang von Penzing begrüßt uns zum ersten Mal der zig Kilometer entfernte Fernsehturm von Schnaitsee, nächtlich beleuchtet. Er wird in den nächsten Stunden unser "Leuchtturm" sein.

1.20 Uhr: Hinter uns liegt Babensham. Allmählich gewöhne ich mich wieder an das zügige Marschtempo. Das noch 45 Kilometer durchhalten? Wird spannend, aber sicherlich machbar. Die Wallfahrt ist eben kein Spaziergang für "Möchtegern-Pilger", ein wenig fit sollte man schon sein. Trotz des vitalen Kreislaufs spüre ich, wie es an den Händen deutlich kälter wird. Plus 12 Grad zeigt mein Rucksackthermometer. Noch 12 Grad...

1.55 Uhr: Irlham ist erreicht. Der Schnaitseer Fernsehturm liegt schon östlich. Irgendwie sind wir doch ganz schön schnell vorangekommen. Meine Mitpilger machen eine kurze Brotzeitpause. Essen könnte ich um 2 Uhr früh jetzt wirklich nichts. Dann und wann ein kurzer Ratsch mit alten Bekannten im matten Licht der einzigen Laterne, ansonsten Dunkelheit, Leere. Und so fühl ich mich jetzt auch, ein Bett wäre recht. Und kalt wird mir, bei dieser Rumsteherei.

2.08 Uhr: Aufbruch von Irlham. Endlich geht's weiter. Schritt für Schritt wird mir wieder wärmer. Ein aktiver Kreislauf ist doch eine prima Heizung. Steter Begleiter seit Babensham ist der intensive Geruch von frisch gemähtem Gras. Wie die Sinne anspringen, wenn man plötzlich nur noch Dunkelheit um sich hat. Am Tag wäre mir das sicherlich nicht so stark aufgefallen. Irgendwie wird mir plötzlich schwindlig. Ist es das permanente Gehen? Oder die schaukelnden Lichtkegel der Stirnlampen? Bin ich übermüdet, überanstrengt? Du überanstrengt? Als "alter" Ausdauersportler. Nein, das kann's nicht sein. Geht schon wieder.

Und immer geht das Kreuz voraus.

2.40 Uhr, Unterreit, kein Halt: Jetzt krieg ich auch noch Hunger, aber gleich so ein Magenknurren. Ich hätte in Irlham doch was essen sollen. Der Schnaitseer Turm liegt immer noch auf 90 Grad Ost, und wir marschieren, und marschieren. Jetzt wird's monoton. Die Untereiter Senke bis Hainbuch ist jedes Jahr "die" Durststrecke, die zieht sich. Und: es wird kalt. Unangenehm kalt. Ich ziehe mir die Handschuhe an. Mir kommen auf der eintönigen Geraden die unterschiedlichsten Gedanken. Für wen bete ich heute? Ich denke über mich nach, das Vergangene, das vielleicht Zukünftige. Ein komplexer Zusammenhang, über den ich schon wochenlang sinniere, erklärt sich nun plötzlich wie von selbst. Ist es die frische Luft, die Bewegung? Oder hat da dann doch in dieser Nacht der eigenen Einkehr eine göttliche Macht die Hände im Spiel? "Jetzt riachts aber nimma noch Hei, jetzt riachts noch Raps", holt mich mein Nachbar aus den Gedanken zurück. Wir kommen spontan ins Gespräch. Im Nu ist Gmein nahe Grünthal erreicht. Was so ein Ratsch alles ausmacht.

3.45 Uhr: Rast in Gmein. Hunger? Der ist wie weggeblasen. Kenn ich vom Sport, typisch für Dauerbelastung. Genau das Gegenteil bei meinen Mitpilgern: Sie nehmen im Ladehof des Biolandhandels jede nur erdenkliche Sitzgelegenheit ein, zweites Mal Brotzeit aus dem Rucksack. Nur noch 4 Grad plus. Wann gehts endlich weiter? Trotz Ratschen und dicker Kleidung: Mich friert es ordentlich.

4 Uhr: Aufbruch Gmein: Unser "Leuchtturm" verlässt uns, es geht "bergab" Richtung Kraiburg. Hab ich jetzt schon Halluzinationen? Im Osten wird es hell! Hallo: Es ist 4 Uhr, tiefste Nacht. Aber tatsächlich: Über Kraiburg dämmert es, ganz leicht. Ich kanns nicht glauben, ich krieg neue Energien: Tageslicht! Mit der Vorfreude auf die Helligkeit kehrt Entspannung ein, oder ist es das sonore Beten? Mich überfällt die Müdigkeit. Wie ich die letzten Kilometer nach Kraiburg geschafft habe? Ich kann mich nicht mehr erinnern. Kann man eigentlich schlafen und pilgern? Ich glaub, ich kann es.

5 Uhr, Kraiburg, Einkehr Zwei-Brücken-Wirt. Für mich alljährliches Ritual: Heißer Kakao zum Aufwärmen als Frühstück. Auch wenn andere lachen, für mich gehört das dazu. Wohlig warm ist es in der Gaststube. Viele nutzen die Gelegenheit, die feuchte Kleidung zu trocknen. Meine Mitpilger frühstücken ordentlich, bei manchem gehören drei Weißbier dazu - wer's mag...

6.15 Uhr, Aufbruch in Kraiburg. Tageslicht! Zum ersten Mal sehe ich jetzt das Pilgerkreuz an der Prozessionsstange, das uns wie eine Fahne anführt. Allen Respekt den Trägern. Mir tut ohne diese Last schon alles weh. Die Wallfahrergruppe ist auf 112 Pilger angewachsen. Wie jedes Jahr. Die meisten fahren frühmorgens nach Kraiburg und schließen sich hier an. Das Stehen strengt zwischenzeitlich schmerzhaft an, die Waden sind überanstrengt. Jedoch: Die schönste Wegstrecke liegt vor uns, an der Innleiten entlang nach Guttenburg. Ein Naturschauspiel mit unzähligen Quellen und Bächlein, unbeschreiblich. Aber: Die Konzentration auf den schmalen Weg ist gar nicht mehr so einfach. Ich bin einfach übermüdet.

Weißwürst und Weißbier: Ein Lichtblick während all der Strapazen...und energetisch absolut willkommen.

7.30 Uhr, Golfplatz Guttenburg. Sonnenaufgang: Endlich: die ersten Sonnenstrahlen! Wärme! Tut das gut! Vor uns der englische Rasen des Golfplatzes. Ich komm mir nach all den Teerstraßen vor wie auf einem Teppich - extra ausgerollt für uns Pilger. Oder hat Gott in einer solchen Idylle die Welt erschaffen? Man könnte es glauben. Die Nacht liegt hinter uns, Altötting kommt immer näher, ich gewinne neue Energien. Vor uns weit ausgedehnte Feld- und Waldwege, links der Inn-Prallhang der Ebinger Au, eindrucksvoll. Und obendrein der silber-schimmernde Morgendunst. Phänomenal.

8.20 Uhr, Flossing, fünf Minuten Rast. Die Sonne hat vielleicht schon Kraft. Ich kremple mir die Hose über die Knie. Allmählich kommt der Spaß zurück. Nach fünf Kilometer Marsch auf der Teerstraße - meine Füße spür ich zwischenzeitlich nicht mehr - ist Polling erreicht. Ein Etappensieg!

9.05 Uhr, Pollinger Kirche, Einzug unter Glockengeläut, Gottesdienst. Erstmals "buche" ich heuer einen Platz im "Schlafwagen", wie die Empore im Kirchlein von meinen Mitpilgern liebevoll genannt. Tatsächlich: Völlig übermüdet schlafe ich immer wieder ein, kriege aber den Großteil der Messfeier mit. Ich träume von einem kalten Weißbier.

10.10 Uhr: Mein Traum geht in Erfüllung. Pilger-Brotzeit in der Pollinger Dorfwirtschaft. Das "beste Weißbier im ganzen Jahr" zischt in meinen Magen, wie auf einen heißen Stein. Dazu Weißwürste. Pilgerherz, was willst du mehr! Anscheinend geht es den übrigen Mitstreitern genau so. Die Stimmung steigt spürbar.

11 Uhr, Polling, Aufbruch. Letzte Etappe bis nach Altötting. Schnell ist Tüssling erreicht. Die Sonne brennt zwischenzeitlich ordentlich runter, mein Rücken ist nass. Aber allemal besser als Regen. Die dicke "Nachtkleidung" wird längst vom Rucksack getragen.

12 Uhr, Tüssling. "Endspurt" zu unserem Ziel, auf der "via dolorosa", dem schmerzhaften Weg der Pilger. Die Altöttinger Kirchtürme scheinen zum Greifen nah. Die Luft flimmert, der Weg staubt vor Trockenheit, trotzdessen wird flottes Tempo angeschlagen. Wann kommt endlich Schatten? Der Weg zieht sich.... Spätestens jetzt hab ich alle meine Sünden des letzten Jahres gebüßt, da bin ich mir sicher. Und meine Anliegen müssten zwischenzeitlich schon dreifach erhört werden. Ein Weißbier wär jetzt recht. Schon wieder?

13.15 Uhr, Ortsrand Altötting. Ein Geistlicher mit Abordnung empfängt uns. Wenige Minuten später Einzug unter Glockengeläut auf dem Kapellenplatz, Zuschauer klatschen. So manchem von uns stehen die Tränen in den Augen, geschafft! Unter den Passanten reißt sich ein kleines Mädchen los, rennt in unsere Gruppe: "Mama, Mama...!" Freudig schließt die pilgernde Mutter ihre Tochter in die Arme. Jetzt hab auch ich Tränen in den Augen. Noch "schnell" die abschließende Andacht im Kongregationssaal, und dann bloß noch ab nach Hause. Wallfahrten, Bitten und Beten recht und schön, aber jetzt reicht's. Die Füße "brennen", grenzwertig! Wieder mal. Wie alle Jahre. Nächstes Jahr geh ich nicht mehr mit!

Sonntag, 8 Uhr, nach zehn Stunden Schlaf: Altötting? Gestern? War doch wieder ein Erlebnis. Irgendwie freu ich mich schon auf nächstes Jahr...

Wasserburger Zeitung

Quelle: rosenheim24.de

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