Gute Energien und Tanzerlebnis

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+
Akira und Kannibale (von links) vor der Tanzfläche. Heuer ist das Thema "Tanz um das goldene Kalb", womit sie aber keinesfalls christliche Gefühle verletzen wollen und dafür auch eine ganz eigene Bibelinterpretation liefern.

Pfaffing - Bis zu 2000 Besucher pro Tag werden wieder erwartet zum "Kannibalen Massaker" in Pfaffing. Sie kommen aus der Umgebung und der ganzen Welt, vor allem um tagelang zu tanzen, in der Natur, an einem "Ort mit toller Energie".

Der Name ist in diesem Fall eindeutig nicht Programm: Hier sind keine Kannibalen am Werk, sondern eher esoterisch angehauchte Weltbürger. Und es soll auch alles andere geben als ein Massaker, ist doch der Weltfriede das Ziel. Aber, so gibt Marcus Adalbert Müller, Spitzname "Kannibale", zu: "A bissal provoziern woit ma anfangs natürlich scho" - und gleichzeitig zeigen: "De san doch gar ned so schlimm".

Müller ist mit Christoph Storfinger ("Akira") Vorsitzender des Vereins "Bajuwarische Barbaren" und Veranstalter dieses Festivals, das es so "in Bayern sicher nicht noch einmal gibt". Für die beiden bedeutet das den Höhepunkt jeden Jahres, für die Pfaffinger einen Ansturm von Menschen, die normalerweise in einem oberbayerischen Dorf eher selten zu Gast sind.

Das birgt Konfliktpotenzial, obwohl beide Veranstalter stolz sind auf ihre bayerischen Wurzeln und dieses Festival ganz bewusst hier veranstalten. Marcus Müller wohnt in Schonstett, bezeichnet sich als "erster Punk im Chiemgau" und war in der ganzen Welt unterwegs, genau wie sein Freund Christoph Storfinger. Irgendwann hätten sie das, was sie an "mystischer Erfahrung" in Indien oder bei den nordamerikanischen Indianern gemacht hatten, auch "bei uns dahoam" erleben wollen. Auf der Suche nach einem geeigneten Platz fanden sie schließlich das kleine Wäldchen mit einer ehemaligen Kiesgrube bei Hilgen.

Im ersten Jahr kamen 350 Besucher, heuer werden 2000 erwartet, und es wären wohl mehr, würde der Platz dafür reichen. Dazwischen liegt eine Menge Ärger: In erster Linie wegen des Lärms, aber wohl auch wegen vermuteter Drogen und Ausschweifungen wie Gruppensex, der sich aber als "schamanischer Nackttanz" in einem Zelt herausstellte, "streng ab 18", wie Marcus Müller versichert.

Einen Problem-Höhepunkt gab es 2010. Damals wollte der Gemeinderat die Veranstaltung kurzfristig dadurch verhindern, dass er die gaststättenrechtliche Erlaubnis verweigerte. Das "Kannibalen Massaker" fand trotzdem statt, das extra abgefüllte "Kannibalen-Bio-Bier" durfte aber nicht ausgeschenkt werden.

Inzwischen ist gerichtlich klargestellt, dass hier der Gemeinderat das Recht überdehnt hatte. Den Veranstaltern würde wohl ein saftiger Schadensersatz zustehen. "Aber das wollen wir gar nicht, wir wollen Frieden", betonen die "Kannibalen".

Tatsächlich schaut es heuer so aus, als könnte alles ganz gut über die Bühne gehen. Die Polizei, die in früheren Jahren massiv kontrollierte, bescheinigte schon 2010 nur "geringe Kleinfunde an Drogen wie praktisch bei jedem Fest", ansonsten keine Probleme. Die Lärmmessung im letzten Jahr ergab, dass die Grenzwerte eingehalten wurden. Und die Veranstalter haben inzwischen akzeptiert, dass Musik rund um die Uhr vielleicht doch des Guten zu viel ist: Zwischen 2 und 7 Uhr ist jetzt Ruhe, "des braucht ma a", finden Marcus Müller und Christoph Stofinger. Denn sehr viele Festivalbesucher würden gerade das morgendliche Tanzen ab 7 Uhr und dann den ganzen Tag über genießen.

Diese Vorliebe teilt Pfaffings Bürgermeister Lorenz Ostermaier vielleicht nicht unbedingt. Aber wenn wenigstens nachts ein paar Stunden Ruhe herrsche, sei schon einiges gewonnen, findet er: "Der Bass der Musik war eigentlich immer das Hauptproblem." Man habe sich diesmal zusammengesetzt, alles besprochen und in Bescheide und Auflagen gegossen. Es sei ja so, dass Besucher wie Veranstalter "noch nie unangenehm aufgetreten sind. Deshalb bin ich guten Mutes."

Tatsächlich, so betonen die Organisatoren, habe es noch nie eine Schlägerei und noch kein einziges behandlungsbedürftiges Drogen- oder Alkoholopfer gegeben, und das, obwohl hier schon Rockergruppen neben Transvestiten, Gurus aus Israel und 13 anderen Nationen neben den Madln und Burschen aus der Umgebung getanzt haben. Gleichzeitig geben sie zu, "dass wir auch Fehler gemacht haben". Daraus habe man aber gelernt: Organisation mit klarer Aufgabenteilung, Security, Pressekontakt im Vorfeld. Heuer wurde sogar eine eigene GmbH für das Festival gegründet. Als kommerziell verstehen sich "Kannibale" und "Akira", die beide das Jahr über ihr Geld als Selbstständige verdienen, trotzdem keinesfalls. Man habe in den sechs Jahren noch keinen Gewinn gemacht. Und überhaupt gehe es vor allem um den persönlichen Spaß bei der Sache. Das meiste werde ehrenamtlich erledigt, so wie der Aufbau im Moment.

Zelte werden aufgebaut, Stände errichtet, Duschen und Toiletten vorbereitet, der Zeltplatz eingezäunt, der Parkplatz ausgeschildert. Die Bio-Verpflegung kommt aus der Umgebung, das Bier gleich von nebenan aus Forsting. Kein Baum werde mit einem Nagel verletzt, und nach dem Event werde alles aufgeräumt und sauber gemacht, "jeds Papierl im Woid", betont "Kannibale". Friedlich soll alles sein - und wetterfest, immerhin hat es vier der sechs bisherigen Wochenenden geregnet. Das sollte dann eben so sein, akzeptieren die "Children of Gaya", der Mutter Erde, wie sich die Veranstalter ursprünglich nannten. "Aba vielleicht hamma ja heia Glück."

kk/Wasserburger Zeitung

Quelle: rosenheim24.de

Zurück zur Übersicht: Region Wasserburg

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser