"Wo hast du denn den Weißen gefunden?"

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In den Köpfen gibt es weiter Rassentrennung, schwarz-weiße Beziehungen fallen nach wie vor auf.

Wasserburg/Kapstadt - Julian Friesinger aus Rechtmehring macht derzeit ein Praktikum in Südafrika. Diesmal berichtet er von seinen Erfahrungen mit der Rassentrennung.

Als Nelson Mandela 1994 die Apartheid endlich besiegt hatte, stand er vor einer scheinbar unlösbaren Aufgabe: Wie zügelt man die Wut und den Ärger der verschiedenen Ethnien aufeinander und schafft ein gutes Miteinander? Wie weit ist Südafrika mit dem guten Zusammenleben, vor allem hinsichtlich der schwarz-weißen Beziehungen?

17 Jahre später hat sich zwar einiges getan, aber immer noch liegt vieles im Argen. Denn die Rassentrennung wurde de facto nur theoretisch abgeschafft, rein praktisch existiert sie in den Köpfen der Menschen weiterhin. Ein homogenes Zusammenleben der knapp 50 Millionen Einwohner lässt sich hier leider noch nicht verkünden, das merkt man am deutlichsten bei den schwarz-weißen Beziehungen. Das bekomme auch ich hautnah zu spüren.

Wenn ich mit meiner Freundin durch Kapstadt gehe - sie ist schwarz und eine stolze Xhosa-Frau - mit ihr scherze und rede, bekommen wir von allen Seiten erstaunte Blicke zugeworfen. Passanten bleiben plötzlich stehen und gaffen uns hinterher, offene und erstarrte Münder präsentieren sich uns. Ich spüre regelrecht, wie sich alle Augen auf uns richten, und offensichtlich werden wir beobachtet. Was ist bloß los? Stimmt etwas mit meinem Hemd nicht oder habe ich einen riesigen Schokoladen-Fleck im Gesicht? Nein, das ist es nicht. Es ist der Fakt, dass ich mit meiner Freundin Händchen halte. Das stört anscheinend viele hier.

Gerade im Stadtzentrum, das sich selbst immer als so offen und kreativ sehen will, werden wir voller Argwohn betrachtet. Der Ton ist rau, die Urteile über uns abschätzig. Andere Xhosa-Frauen passieren uns und werfen meiner Freundin auf Xhosa entgegen: "Wo hast du denn den Weißen gefunden?"

Ganz anders verhalten sich die Menschen, wenn wir beispielsweise die Familie meiner Freundin im Township besuchen und mit dem Minibustaxi dort hinfahren. Der Taxifahrer, der auch aus dem Township ist, schreit sofort "Umlungu". Diese offizielle Begrüßung ist an mich gerichtet und bedeutet eigentlich nur "weißer Mann". Ehe ich mich versehe, schüttelt er mir schon kräftig die Hand, erkundet sich voller Interesse nach meinem Wohlbefinden. Die zwei Personen, die bereits auf den Frontsitzen hocken, scheucht er kurzerhand aus dem Taxi und offeriert uns diese Sitzplätze. Es sind sozusagen die besten im ganzen Taxi.

Für ihn sind wir, das schwarz-weiße Paar, etwas derart Besonderes, dass er sich mit uns die ganze Fahrt lang unterhält. Er bombardiert uns mit unzähligen Fragen. Alles will er wissen, absolut alles. Ich sehe ihm seine Freude über uns an und so bin ich offen mit ihm. Wir lachen, freuen uns alle gemeinsam über unser Glück.

Bevor wir aussteigen, sagt der Taxifahrer wehmütig, dass er sich mehr gemischte Paare wünschen würde. Und da ist der gute Mann nicht alleine. Es würde auch viel besser die breite Bevölkerung widerspiegeln, gäbe es mehr gemischte Paare. Aber leider ist das heute immer noch die Ausnahme. Zu viele Vorurteile stehen im Weg, zu viel Missgunst wird bekundet. Und so werden schwarz-weiße Beziehungen zumeist auf rein materielle Interessen oder voyeuristische Vorstellungen reduziert.

Nur an der V&A Waterfront, ein Einkaufszentrum in Kapstadt, das voll von Urlaubern ist, können wir wirklich unbeschwert und das eng umschlungene Liebespaar sein. Dort werden wir nicht wie im Township plötzlich fotografiert, und niemand sagt etwas Abwertendes. Vermutlich hält man uns dort aber auch nur für Touristen.

Julian Friesinger (Wasserburger Zeitung)

Quelle: rosenheim24.de

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