Heimat aus einem anderen Blickwinkel

+
Paddeln will gelernt sein: Eine Unterweisung gehört dazu.

Wasserburg/Gars - Was für die Schiffsleute früher harte Arbeit war, ist heute ein Erlebnis für Abenteurer: Einmal auf dem Inn von Wasserburg bis nach Gars, im Kajak.

Stefan Schowalter und sein "river-riding"-Team machen diese nicht alltägliche Bootstour für Jedermann möglich.

Die Gischt kommt gerade mal nicht "Bord über", neben mir "kocht" das Wasser, und soweit das Auge reicht schäumende Wellen. In meinem Rücken grollt das Flusskraftwerk Teufelsbruck. Wie ein Pfeil schießt unser Wander-Kajak über das tosende Gebräu hinweg, mein Magen ist irgendwie flau.

Einer aber hat die Ruhe weg: Stefan Schowalter. "Ja, ja, der Inn ist heute ziemlich hoch. Unter uns ziehen rund 780 000 Liter Wasser pro Sekunde durch. Der Regen in den letzten Tagen. Der kommt jetzt aus den Alpen raus." Seit fünf Jahren betreibt Schowalter jetzt seine Firma und seitdem hat er schon zig Naturliebhabern die Schönheiten der einmaligen Flusslandschaft zwischen Rosenheim und Jettenbach nähergebracht - Teambuilding und Stärkung des Selbstbewusstseins inklusive.

Inn-riding: Nach einer Gewönungsphase Spaß pur!

Für mich und die restliche Truppe hat das "Abenteuer" vor drei Stunden begonnen. In Wasserburg, am Gries. Mit einer Gruppe des Schnaitseer Kinderferienprogramms, die Stefan Schowalter und seine acht zweisitzigen Wander-Kajaks einen halben Tag lang gebucht hat, absolviere ich den Schwimmwestencheck: "Keiner kann untergehen", beruhigt Stefan ("Im Kajak sind alle per Du"), der versichert: "Die Kajaks sind kippsicher, wenn ihr alles richtig macht. Der Vordermann ist zuständig für den Paddel-Rhythmus und den Ausguck, der Hintermann ist der Kapitän, der steuert. Und immer zwei Bootslängen vom Ufer entfernt bleiben."

Schließlich gibt es auch noch eine Unterrichtung in der Rudertechnik. Obwohl ich (glaub ich) lernfähig bin, bleibt eine Unsicherheit: Kann ich das wirklich? Das letzte Mal saß ich vor zehn Jahren in einem Kajak, und das auf der gemütlichen Alz.

Nur wenige Minuten später schwimmen - oder treiben - acht Kajaks auf dem Inn, ich mitten drin, in der Flussmitte. Die Flusskilometeranzeigen am Ufer schießen geradezu vorbei - rasante Reisegeschwindigkeit. "Wasserburg Flusskilometer 158 ab der Innmündung in die Donau, Gars-Bahnhof 140" belehrt mich Stefan, der im Kajak hinter mir sitzt. Also noch 18 Kilometer vor uns, ich bin auf alles gefasst. Das Paddeln klappt zwischenzeitlich schon ganz gut. Allmählich fängt die Sache an Spaß zu machen. Jetzt weiß ich auch, warum Stefan so viele Stammgäste hat, wie er mir zuvor gerade erzählt hat. Nur die Wasserburger selbst sind beim Thema Inn offensichtlich etwas vorsichtiger.

Gleich hinter der Umgehungsstraßenbrücke beginnt schon der Stauraum vom Kraftwerk Teufelsbruck, bereits zwölf Kilometer im Oberlauf". Die Strömungsgeschwindigkeit lässt merklich nach, wir müssen jetzt ordentlich in die Paddel greifen.

"Hey, wir sind auf keiner Kreuzfahrt", ruft Stefan zum Nachbarschiff rüber. Die beiden jungen Damen "rudern" mächtig, ihr Kajak gerät permanent außer Linie. "Bin ich also nicht alleine", denke ich mir, mein Selbstvertrauen kommt allmählich wieder zurück. Andererseits: Die Jugendlichen stellen sich wirklich geschickt an, allen Respekt.

Im Nu ist Rieden erreicht. Hier vom Fluss aus sieht man Dinge, die vom Ufer aus niemals einsehbar wären: Örtlichkeiten, Bäche, Fauna und Flora, "ja sogar den Biber", wie mir Stefan versichert. Und er fügt hinzu, "der Inn ist auf dieser Passage der ruhigste und schönste Fluss überhaupt". Ja, wenn er das sagt! Wo es doch weitum kein Fließgewässer gibt, das er noch nicht bepaddelt hätte. Mir gefällt's auf alle Fälle. Auch wenn es zwischenzeitlich nicht nur unter uns, sondern auch über uns nass ist. Gerade prasselt ein satter Regenschauer auf uns herunter, meine Hose lässt allmählich den Regen durch. Stefan nimmt es gelassen: "Solange es kein Gewitter ist..."

Nach zwölf Kilometern und eineinviertel Stunden ist Teufelsbruck erreicht. Jetzt heißt's umsetzen, sprich die Kajaks an Land am Stauwerk vorbei zum Unterlauf manövrieren. "Die Landgänge sind das Anstrengendste", scherzt Stefan. Obwohl wir Rollwägelchen in den Schiffen verladen haben, strengt die Sache merklich an. Noch eine kurze Brotzeit - die Ferienkinder futtern ordentlich, die "verpaddelten" Kalorien machen sich bemerkbar - und dann geht's rasant weiter Richtung Gars.

Auf der Königswarter Brücke fährt gerade der Zug, unten durch fahren wir. Auf dem Fluss repariert Stefan "noch schnell im Vorbeifahren" die Fußlenkung eines Kajaks, flugs geht es unter der Garser Brücke durch und dann ist auch schon der "Zielhafen", das Ufer bei Gars-Bahnhof in Sichtweite, nach dreieinhalb Stunden ab Wasserburg. Die Wolkendecke hat zwischenzeitlich aufgerissen, wir sitzen in der Sonne. Und das mitten auf dem Inn: Ein Traum! Die letzten Paddelschläge, geschafft!

Geschafft? In zweifacher Hinsicht. Einerseits war es ein superschönes Erlebnis, andererseits spür ich meine Arme. Und zwar ordentlich. Die zig kraftvollen Paddelschläge machen sich bemerkbar. Ein bisschen Kraft sollte man also schon mitbringen.

Und eines ist klar: Das letzte Mal saß ich heute bei Stefan nicht im Kajak - und ein hervorragendes Geburtstagsgeschenk für meinen Bekanntenkreis hab ich jetzt künftig auch.

Informationen gibt es im Internet unter www.river-riding.de. Die Kajaks können ohne Anmeldung auch jeden Sonntagvormittag am Gries gemietet werden, Saison von April bis Oktober. Der Rücktransport zum Gries wird mit organisiert.

Thomas Rothmaier (Wasserburger Zeitung)

Quelle: rosenheim24.de

Zurück zur Übersicht: Region Wasserburg

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser