Helfen lassen von wem man will

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Wasserburg - Ein persönliches Budget hat doch jeder, begrenzt vom Gehaltsscheck - oder dem Taschengeld. Für Menschen mit einer körperlichen, geistigen oder psychischen Behinderung heißt es etwas anderes:

Keine Sach- oder Dienstleistungen, sondern eine monatliche Summe, mit der sie die nötige Unterstützung da einkaufen, wo sie wollen. Ob bei Profis oder im Freundeskreis. Im April 200 Euro für Benzin ausgeben, im Mai nur 50 und im Juni 120. Völlig normal. Nicht für Tobias Haller. Er hat Multiple Sklerose, eine chronisch-entzündliche Erkrankung des Zentralnervensystems, und ist zunehmend auf den Rollstuhl angewiesen. In Wasserburg kein Problem. Mit seinem "Auto", dem Elektrorolli kommt Haller überall hin.

Und sonst steht ihm ein Fahrdienst zu. Für eine bestimmte Summe bei einem bestimmten Anbieter. "Das passt, wenn ich mal Freunde in Steinhöring besuchen oder nach Rosenheim fahren will. Ich führe aber gerne mal nach Bamberg. Und dazu müsste ich die Fahrdienste von acht Monaten ansammeln - was nicht geht. Was ich nicht brauche verfällt. Und wenn ich zu oft gar keinen Fahrdienst brauche, ist die Leistung insgesamt in Gefahr. Da wäre ein persönliches Budget wahrscheinlich besser", so Haller. "Jein" schränkt Anita Read, Behindertenbeauftragte des Landkreises und selbst Rolli-Fahrerin, ein. Das Geld von acht Monaten anzusammeln wäre wohl auch im Rahmen des persönlichen Budgets nicht möglich, aber drei, vier Monate, das ginge schon.

Das "persönliche Budget" ist eine noch verhältnismäßig neue Form der finanziellen Unterstützung von Menschen mit Behinderungen. "Das ist ideal für all die, die so leben wollen, wie jeder andere auch", so Anita Read. Für diejenigen, die nicht jedesmal wieder zur Krankenkasse, zum Sozialdienst, zum Arzt oder zum Amt gehen wollen, wenn eine ihnen zustehende Leistung erneuert werden muss. Wenn zum Beispiel zwei Mal pro Woche Krankengymnastik angesagt ist, der Arzt aber nur sechsmal aufschreiben darf. Im persönlichen Budget ist gleich die entsprechende Summe pro Monat enthalten, der Behinderte kauft sich die Leistung da ein, wo er will. Und wenn er einen Physiotherapeuten im Freundeskreis hat, dann kann er sich von dem behandeln lassen und ihn dafür bezahlen. "Der Behinderte tritt dann richtiggehend als Arbeitgeber auf", so Anita Read.

Dass dem so ist, das wird durch regelmäßige Kontrollen der Kostenträger überprüft. Kostenträger sind unter anderem die Bezirke, Arbeitsagenturen, Rentenversicherungsträger, Kranken- und Pflegekassen. Mit denen handelt der Betroffene und - so vorhanden - sein persönlicher Betreuer den monatlichen Betrag aus.

In Oberbayern ist nach Angaben des Bezirks das höchste bisher mit dem Bezirk ausgehandelte Budget 2850 Euro im Monat. Das ist aber nicht zwingend die Schallgrenze. Anita Read weiß vom höchsten Budget bundesweit: 21000 Euro pro Monat. Dafür kauft sich ein Mann sämtliche Leistungen für ambulantes betreutes Wohnen selber ein, "er wollte definitiv nicht im Heim leben und hat sich durchgesetzt". Ein gesetzlicher Betreuer, so er nötig ist, wird nicht über das persönliche Budget bezahlt. Extreme wie das geschilderte seien aber sehr schwer zu verhandeln, so Anita Read. Wenn es nur um ein persönliches Budget für ein ganz bestimmten, begrenzten Aspekt ginge, sei es natürlich wesentlich leichter. Grundvoraussetzung ist immer ein Anspruch auf Eingliederungshilfe.

Dann geht es auch grenzübergreifend. Anita Read hat einem jungen Körperbehinderten aus Kiefersfelden, der in Österreich die Handelsschule besuchen und eben nicht in Deutschland in einer entsprechenden Behinderteneinrichtung leben wollte, zum Aushandeln eines persönlichen Budgets geraten. "Es hat funktioniert, er bekommt die nötige Summe für das Schulgeld und für seine Unterkunft am Schulort", freut sie sich immer noch.

Dieses selbstbestimmte einkaufen von Leistungen, das ist ein Ansatz, der auch Tobias Haller gefällt. Freunde um Hilfe zu bitten - gut und schön. Aber irgendwann traue man sich nicht mehr zu fragen. "Freunde um Hilfe zu bitten und sie dann dafür bezahlen zu können, das ist schon eine richtig gute Idee!"

syl/Wasserburger-Zeitung

Quelle: rosenheim24.de

Rubriklistenbild: © dpa

Zurück zur Übersicht: Region Wasserburg

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser