„Ich bin ein bayerischer Türke“

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Längst daheim in Deutschland - als bayerischer Türke: Halil Gencer in seinem Wohnzimmer in Edling.

Edling - Am 31. Oktober jährt sich der Abschluss der deutsch-türkischen Vereinbarung zur Anwerbung von Arbeitskräften zum 50. Mal. Auch für die Region war das bedeutsam:

Die ersten türkischen Gastarbeiter siedelten sich im Ruhrgebiet an, Ende der 60er Jahre mischten sich auch in den Firmenhallen im Landkreis Rosenheim immer häufiger türkische unter deutsche Stimmen.

Eine gehörte Halil Gencer aus Edling. Er hat gemeinsam mit seiner Familie sein Glück in der Fremde, die heute seine Heimat ist, gemacht.

Ein ehemaliges Bauernhaus am Ortsrand von Edling: Balkonblumen, ein liebevoll gepflegter Garten, an der Haustür herbstliche Dekoration, im Wohnzimmer moderne Möbel, auf dem Couchtisch Kaffee und Kekse: Auf den ersten Blick wohnt hier eine typisch bayerische Familie. Nur die beiden großen Bilder an der Wand fallen aus dem gewohnten Rahmen: Hausherr Halil Gencer steht darauf stolz mit Ehefrau Halime in Mekka, dem Pilgerort, den alle gläubigen Muslime einmal in ihrem Leben besuchen sollten. 2008 hat das Ehepaar Gencer diese wichtige Reise unternommen. Heuer geht es noch einmal in die alte Heimat, nach Usak, einer kleinen Stadt zwei Stunden von Ismir entfernt.

Symbol des Aufbruchs: Halil Gencers Ausreisedokument für den Start in der Fremde.

Trotz regelmäßiger Aufenthalte in der Türkei ist die Familie Gencer im Landkreis Rosenheim fest verwurzelt. Der Vater von Halil Gencer gehörte schließlich zu den ersten türkischen Gastarbeitern in Rosenheim, die nach Informationen des Einwohnermeldeamts Rosenheim Ende der 60er Jahre einreisten. 1972, als 22-Jähriger, folgte Halil Gencer seinem Vater - nicht aus reiner Abenteuerlust oder Fernweh: Der gelernte Zimmerer war bereits seit vier Jahren verheiratet - mit seiner Sandkastenliebe Halime, die erst 14 war, als sie mit ihm den Bund der Ehe einging.

Halil Gencer wollte seiner Familie etwas bieten, träumte von einem sozialen Aufstieg. "In der Türkei gab es damals wenig Arbeit, die schlecht bezahlt war und keine gute Schulbildung für die Kinder." In einer Rosenheimer Baufirma fand er die erste Stelle als Gastarbeiter, in einem Wohnheim für ledige Männer aus der Türkei in Pfaffenhofen eine Übergangsunterkunft. Es war eine schwere Anfangszeit in der Fremde, erinnert sich der Edlinger.

"Ich konnte kein Wort Deutsch, habe die Vorarbeiter auf dem Bau nur schwer verstehen können." Die ersten Wörter, die er lernte: Schaufel und Pickel. Er schrieb sie mit der türkischen Übersetzung auf einen Zettel, den er als Hilfe immer in der Tasche des Blaumanns mit sich trug. Abends und am Wochenende plagte ihn das Heimweh. Telefonieren war zu teuer, stattdessen schrieben sich die Eheleute fleißig Briefe, die Halime Gencer bis heute aufbewahrt hat.

Ihr Mann musste sich als junger Gastarbeiter in ungewohnte Rollen hineindenken: Wäsche waschen, einkaufen, kochen - Arbeit, die daheim die Frauen erledigt hatten, wie er heute schmunzelnd erzählt.

In jedem Urlaub ging es zurück nach Usak. 1973 war dort das erste Kind auf die Welt gekommen, vier weitere Töchter folgten. Der Papa auf Urlaub war für die Kleinkinder ein Fremder. "Die ersten Tage haben sie mich immer mit staunenden Augen angeschaut, sind kaum zu mir gekommen. Wenn sie mich endlich Papa riefen, musste ich schon wieder zurück nach Deutschland", erzählt Gencer.

Er biss sich durch und bewarb sich für seine Traumstelle: Schichtarbeiter bei der Meggle Molkerei in Wasserburg. 1980 klappte es, bis Februar 2011 gehörte Gencer der großen Meggle-Familie an - eine Zugehörigkeit, die den jetzigen Rentner in Altersteilzeit bis heute mit Stolz erfüllt. Diskriminierung am Arbeitsplatz? Gencer hat sie nicht erlebt. "Ich kann hart arbeiten. Wenn Du fleißig bist, sagt keiner was", lautet seine Erfahrung.

Im Keller der Molkerei richtete diese für ihre türkischen Mitarbeiter sogar einen Gebetsraum ein. 1987 entstand die erste Moschee in Wasserburg, die 2003 ein festes Zuhause am Bahnhof fand. Dort findet auch Gencers Ehefrau Halime Anschluss: Denn sie hat, nachdem sie mit den Kindern ihrem Mann nach Deutschland gefolgt ist, als Hausfrau nur wenig Deutsch lernen können. "Das funktioniert am besten in der Arbeit, da kommt das Verständnis ganz automatisch", begründet ihr Mann.

Spagat zwischen alter und neuer Heimat

Jetzt im Ruhestand könnten er und Ehefrau Halime eigentlich wie so viele türkische Mitbürger zurück in die alte Heimat gehen. Doch sie sind dort zu Hause, wo die Familie ist. Und die lebt fast ausschließlich im Raum Wasserburg. Drei Schwiegersöhne arbeiten bei Meggle, die jüngste Tochter Sinem absolviert gerade eine Ausbildung am Romed-Klinikum Wasserburg zur Krankenschwester.

Sie sitzt in modischer Kleidung und Frisur ohne Kopftuch auf dem Sofa im Wohnzimmer, spricht fließend Deutsch, in das sich wie bei ihrem Vater hin und wieder ein bayerischer Dialekt hineinschleicht. "Mein Vater ist ein toleranter Mensch, er lässt mich selber entscheiden, ob ich meinen Kopf bedecken will oder nicht", berichtet die 21-Jährige. "Meine größeren Schwestern behaupten manchmal, sie hätten es schwerer gehabt als ich", erzählt sie - eine Aussage, die der Vater als Oberhaupt eines "Fünf-Mädel-Haushaltes" milde lächelnd zur Kenntnis nimmt. Seine Jüngste ist auch diejenige, die sich am intensivsten zerrieben fühlt zwischen der alten und jetzigen Heimat.

"In der Türkei bin ich eine Fremde, hier werde ich manchmal auch als solche behandelt." Ihr Vater sieht dies locker: "Ich bin halt ein bayerischer Türke." Diese Aussage unterstreicht treffend auch das Hobby des 61-Jährigen: Fußball. Er hat 1995 eine türkische Mannschaft gegründet, die seinen Namen trägt, führte den Verein bis 2001 als Vorstand, und schwärmt privat auch für einen typisch bayerischen Verein: den FC Bayern München.

Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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