"Jetzt reiß dich mal zusammen"

Keinen Ausweg mehr sehen: So weit muss es nicht kommen, Depressionen sind gut therapierbar. Foto Heck

Wasserburg (WN) - Dauernebel, Regen, kaum Sonne: Das trübe Novemberwetter kann ganz schön auf die Stimmung schlagen. Doch wenn Betrübtheit, Antriebslosigkeit und innere Leere länger als zwei Wochen dauern, ist Handeln angesagt.

Denn eine Depression kann sich zu einer lebensbedrohlichen Krankheit entwickeln. Dabei kann Betroffenen sehr gut geholfen werden.

Depressive Erkrankungen treten das ganze Jahr über auf. "Allerdings kann Lichtmangel zu einer saisonalen Depression, der so genannten Herbst-Winter-Depression, führen", weiß Prof. Dr. Gerd Laux, Ärztlicher Direktor am Inn-Salzach-Klinikum in Wasserburg. Durch den Lichtmangel in der dunklen Jahreszeit werden biochemische Veränderungen im Gehirn ausgelöst. Die vermehrte Bildung von Melatonin, dem Schafhormon, kann dazu führen, dass sich manche Menschen zunehmend schlapp fühlen. Auch der Cortisol-Spiegel unterliegt Tages- und Nachtschwankungen. Bei manchen Menschen ist der Spiegel durch den Lichtmangel krankhaft verschoben. Mit einer Lichttherapie kann Patienten dann geholfen werden.

Meist fängt es ganz harmlos an: Die Betroffenen leiden unter Konzentrationsschwierigkeiten, innerer Leere, haben zunehmend Probleme, ihren Alltag zu regeln und an nichts mehr Interesse. Dabei treten häufig auch körperliche Beschwerden wie Kopf- und Rückenschmerzen auf oder eine Veränderung des Appetits. Die Gedanken kreisen ständig um die gleichen Probleme. Die Betroffenen empfinden eine Ohnmacht und Handlungsunfähigkeit. "Treten diese Symptome länger als zwei Wochen am Stück auf, leidet ein Patient mit hoher Wahrscheinlichkeit unter einer Depression", so Laux.

Vor Diagnose steht oft Ärzte-Odyssee

Die klassische Krankheitsgeschichte beginnt meist mit einer wahren Ärzte-Odyssee, von Spezialist zu Spezialist. Erst wenn keinerlei organische Beschwerden zu finden sind, werden psychische Erkrankungen in Erwägung gezogen.

Depressionen haben viele Ursachen. Auslöser sind einschneidende Lebensereignisse wie Tod und Trennung. Auch permanente Überforderung im Job oder eine genetische Veranlagung können zu Depressionen führen, ebenso schwere Krankheiten wie Parkinson oder Schlaganfälle. Unabhängig vom Initialauslöser steckt hinter jeder Depression eine biochemische Veränderung im Gehirn. Es wird vermutet, das bestimmte Botenstoffe, die für die Regulierung der Stimmung zuständig sind - Serotonin und Noradrenalin - nicht mehr in ausreichendem Maße vorhanden sind. Aus diesem Grund reagiert der Depressive anders. Mit Medikamenten, so genannten Antidepressiva, muss daher der Stoffwechsel im Gehirn wieder ins Lot gebracht werden.

"Männer holen sich kaum Hilfe"

Fatal ist, dass viele Depressive erst spät oder gar keine Hilfe holen - vor allem Menschen, die auf dem Land leben, und Männer. Laux erklärt, warum das so ist: "Die Stadtbevölkerung ist über das Krankheitsbild eher infomiert und tabuisiert das Thema auch nicht so stark. Aber so mache Bäuerin arbeitet weiter bis zum Umfallen, weil sie nicht genau weiß, was mit ihr los ist und sie sich schämt."

Zwei Drittel der Patienten seien Frauen, so Laux. Das bedeute aber nicht, dass sie eher unter Depressionen litten. Männer gingen vielmehr deutlich seltener zum Arzt. "Sie verarbeiten Depressionen auch anders - etwa mit Aggression oder extensivem Alkoholkonsum", erläutert der Experte. So werde nicht unbedingt sofort erkannt, dass Depressionen die Ursache für Verhaltensänderungen seien. Bei Männern, vor allem im fortgeschrittenen Alter, sei das Suizidrisiko auch besonders hoch. "Wenn sie versuchen, sich das Leben zu nehmen, dann sind sie meist erfolgreich. Bei Frauen bleibt es glücklicherweise häufiger beim Suizidversuch."

Schwierigkeiten haben viele Depressive mit ihrem sozialen Umfeld. Aus Hilflosigkeit und Unwissen tun Familienangehörige und Freunde oft genau das Falsche. Mit liebevoller Fürsorge stoßen sie auf Ablehnung. Auch mit Ratschlägen wie "Geh doch mal an die frische Luft" oder "Jetzt reiß Dich mal zusammen" erreichen sie nur, dass sich der Kranke weiter zurückzieht und sich die Symptome verstärken. "Daher ist es unumgänglich, Familie und Freunde in die Behandlung einzubinden, damit der Kranke nicht zusätzlich belastet wird", fordert Laux.

Der Weg zur professionellen Hilfe führt über den niedergelassenen Neurologen, Psychiater oder die Ambulanz am Inn-Salzach-Klinikum. Dort wird mit einem speziellen Fragebogen der Schweregrad der Depression ermittelt. Danach entwickeln Arzt und Patient gemeinsam einen Heilungsplan: Die Behandlung setzt sich aus Medikamenten- und Psychotherapie zusammen. Alternative Ergänzungen sind Ergotherapie oder Maltherapie. Die durchschnittliche Behandlungsdauer beträgt vier bis sechs Wochen. "Allerdings kann ambulant maximal eine Stunde pro Woche behandelt werden. Das ist eigentlich zu wenig", warnt Laux. Stationäre Aufenthalte brächten oft bessere Ergebnisse, weil Patienten aus ihrem belastenenden Umfeld genommen würden - wie beispielsweise Mobbing-Opfer - und sich so voll auf den Heilungserfolg konzentrieren könnten.

Etwa drei Viertel der Patienten lassen sich gut behandeln. Allerdings: Wer einmal eine Depression hatte, bei dem kommt sie häufig wieder. Dagegen werden rückfallverhütende Medikamente eingesetzt.

Quelle: rosenheim24.de

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