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Der Kampf um die Fläche

Auch diese Wiese spielt im Wettlauf um Flächen eine Rolle: An dem Grundstück an der A8 bei Bad Aibling soll die Autobahndirektion Interesse haben. Vor Jahren sollte dort ein Kathrein-Logistikzentrum gebaut werden. Foto reisner

Landkreis - 20 Hektar Freifläche werden in Bayern täglich versiegelt. Ein Flächenfraß, der auch im Landkreis Rosenheim einen Kampf um unbebauten Grund ausgelöst hat.

Neben der im Strukturwandel befindlichen Landwirtschaft, die händeringend nach weiterem Nutzgrund sucht, benötigen auch die Kommunen immer mehr Flächen, um für Eingriffe durch neue Bau- und Gewerbegebiete einen Ausgleich in der Natur tätigen zu können.

"Wir Landwirte leben von der Fläche, sie ist nicht vermehrbar, sondern wird zunehmend begrenzt", bedauert Josef Bodmaier, Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbandes. Die Folgen: steigende Preise für landwirtschaftlichen Nutzgrund. In den vergangenen fünf Jahren sind sie nach seinen Angaben um 70 bis 75 Prozent in die Höhe geklettert. Der Bedarf für Zukäufe und Zupachtungen ist groß: bei den Landwirten in der Milcherzeugerregion Rosenheim sowieso und jetzt noch verstärkt durch die Notwendigkeit zur "Fütterung" der Biogasanlagen. 100 gibt es bereits im Landkreis Rosenheim. Mit dieser Zahl liegt er an der Spitze in Oberbayern.

Der Wettkampf um die Fläche ist längst ausgebrochen - mit der Folge, "dass manche Betriebsleiter mit ihren Preisangeboten über das Ziel hinausschießen", wie der Kreisobmann der Bauern bedauert. "Das führt zu Verwerfungen auf dem Markt", ärgert er sich. Das Nachsehen haben die kleinen, nicht so finanzstarken landwirtschaftlichen Betriebe. Diesen Strukturwandel mit zunehmender Aufgabe von Betrieben auch als Folge gestiegener Landpreise zeigt ein Blick in die Statistik der Milcherzeugergemeinschaft Wasserburg-Ebersberg: 207,6 Millionen Kilogramm Milch haben die Mitglieder nach Angaben ihres Vorsitzenden Jakob Niedermaier 2011 an die Molkereien verkauft - ein Vermarktungsrekord. Doch in der MEG sind nur noch 915 Milcherzeuger zusammengeschlossen. 1998 waren es noch 2220. Über die Hälfte haben in den vergangenen 14 Jahren aufgegeben.

Doch nicht nur die Landwirtschaft stöhnt unter dem Kampf um die Fläche: Auch den Kommunen fällt es zunehmend schwer, den für neue Bau- und Gewerbegebiete notwendigen ökologischen Ausgleichsgrund zur Verfügung zu stellen. "Nicht ganz leicht" sind die passenden Grundstücke mittlerweile zu finden, räumt Hermann Koch, Umweltdezernent der Stadt Rosenheim, ein. Auch er bedauert, dass sich die Stadt immer häufiger "überzogenen Preisvorstellungen" gegenüber gestellt sieht. Rosenheim besitzt zwar ein Ökokonto, auf dem Ausgleichsflächen auf Vorrat angesammelt werden, leidet jedoch unter "dem flächenmäßig eher kleiner Umgriff der Stadt". Die Möglichkeiten sind naturgemäß begrenzt. Anders beispielsweise in der Flächengemeinde Stephanskirchen. Hier weist das Ökokonto, mit dessen Füllung bereits 2001 begonnen wurde, nach Angaben der zuständigen Mitarbeiterin Karin Gall ein stolzes Guthaben von zehn Hektar auf. Stephanskirchen gilt neben Kommunen wie Bad Aibling als Vorzeigebeispiel für eine engagierte Vorratshaltung in punkto Ausgleichsflächen, betont Georg Vogl, Leiter der Unteren Naturschutzbehörde im Landratsamt Rosenheim.

Auch er stellt fest, dass ein Kampf um die Fläche - ob ökologisch oder landwirtschaftlich nutzbar - ausgebrochen ist. Befürchtungen, im Bemühen um Ausgleichsflächen für Eingriffe in den Naturraum werde auch auf bäuerlichen Nutzgrund zurückgegriffen, weist Vogl jedoch zurück. "In der Regel werden Grundstücke zum Ausgleich herangezogen, an denen die Landwirtschaft kein Interesse hat und die sich für eine Extensivierung ohnehin anbieten."

Bodmaier weist außerdem darauf hin, dass Landwirte oft auch die Chance erhalten, auf diesen Ausgleichsflächen Verträge zur Pflege zu übernehmen. "Die Kommunen im Landkreis", betont er, "schauen sehr darauf, auf keinen Fall wertvollen Nutzgrund aus dem Verkehr zu ziehen."

Grundsätzlich könnten sich die Städte und Gemeinden bei der Suche nach Ausgleichsflächen auch außerhalb der eigenen Grenzen bedienen. Denn der Ausgleich ist laut Gesetz im Naturraum zu vollziehen. Der reicht nach Informationen von Vogl vom Berchtesgadener Land bis zum Bodensee. "Keiner wildert über die Gemeindegrenzen hinaus", berichtete Vogtareuths Bürgermeister Matthias Maier im Gemeinderat, der heuer hart um die Bereitstellung der notwendigen Ausgleichsfläche für ein neues Baugebiet gekämpft hat, über entsprechende Absprachen. Rosenheims Umweltdezernent Koch bestätigt, dass die neun Stadt-Umlandkommunen (SUR), die in der Arbeitsgemeinschaft zusammengeschlossen sind, eine Vereinbarung getroffen haben, um sich nicht gegenseitig Konkurrenz beim Kampf um Ausgleichsflächen zu machen: Hinterrücks werde bei den Nachbarn nichts aufgekauft, sondern immer nur dann, wenn die Kommune, in der die Fläche liege, nicht selber ihr Interesse zeige.

Oberstes Ziel ist es nach Angaben der Unteren Naturschutzbehörde außerdem, den Ausgleich möglichst direkt vor Ort - etwa am Rande des neuen Baugebietes oder in der Gemeinde - zu schaffen. "Schließlich müssen solche Ökoflächen auch gepflegt werden." Für diese Arbeiten haben Kommunen im Landkreis mittlerweile so wie jüngst in Vogtareuth eigene Satzungen aufgestellt, die die Finanzierungsfragen rund um Ankauf, Pflanzungen und Pflege regeln. Beim Ausgleich für einen Eingriff in die Natur ist nach Erfahrungen von Vogl außerdem Kreativität gefragt. Nicht immer seien Flächen, die versiegelt würden, zu hundert Prozent in gleicher Größe wieder der Natur zurückzugeben. Wer etwa einen Uferrandstreifen erwerbe und extensiviere, der sich als Lebensraum für den Biber anbiete, erhalte einen Bonus. Ein Maisacker im Auenwald, der aus der Bewirtschaftung genommen werde, stelle ebenfalls einen "hervorragenden Ausgleich" dar - ebenso die Schaffung einer artenreichen Blumenwiese.

In seltenen Ausnahmefällen kann ein Ausgleich auch finanziell abgelöst werden. Der Klassiker: ein Mobilfunkmast, für den sich kaum eine Eingriffsfläche berechnen lasse. Hier werde stattdessen in den bayerischen Naturschutzfonds eingezahlt. Das Geld fließe zu hundert Prozent in den Landkreis zurück und werde für ökologische Maßnahmen verwendet, so Vogl. Auch der Landkreis bemüht sich nach seinen Angaben etwa im Rahmen von Förderprogrammen um den Ankauf von Flächen, die sich für Ausgleichsmaßnahmen eignen. Beispiel: das Halfinger Freimoos. Der Gemeinde würden dort auch Flächen für den eigenen Ausgleichsbedarf überlassen.

Auf ein Kuriosum weist jedoch der Kreisobmann des Bauernverbandes hin: Auch bei Planungen von regenerativen Energieerzeugungsanlagen für den Klimaschutz sind in der Regel Ausgleiche in der Natur zu schaffen - obwohl diese von den Baumaßnahmen profitiert.

Heike Duczek (Oberbayerisches Volksblatt)

Quelle: rosenheim24.de

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