Von Katastrophen in schweren Regalen

+
"Pestfreiheit" bescheinigte die Stadtverwaltung auf diesem Archival, das mit vielen anderen von den Besuchern untersucht werden konnte.

Wasserburg - Das Stadtarchiv öffnete unter dem Motto "Feuer, Wasser, Krieg und andere Katastophen" seine Türen. Beim Erzählcafé tauschte man sich über selbst Erlebtes aus.

Am deutschlandweiten Tag der Archive empfing auch Stadtarchiv-Leiter Matthias Haupt zahlreiche Besucher. Den Interessenten zeigte er einige ausgewählte Archivalien, die eine Geschichte zum Thema Katastrophen erzählen konnten.

Das Thema Feuer in Wasserburg geht weit zurück. Die älteste Archivalie über Feuerschutz listet eine Ehrung der aktiven Mitglieder der damaligen Feuerwehr auf. Sie nennt auch genaue Vorschriften für Feuerschutz-Materialien. Demnach waren genau 500 Ledereimer für die Stadt vorgeschrieben. Die Bewohner der Ledererzeile forderten damals eine zusätzliche Wasserreserve für ihre Straße, für den Fall eines schlimmen Brandes.

Cholera-Vorbeugung: nicht lumpen

Krankheiten machten dem alten Wasserburg ebenfalls zu schaffen. Ein gut erhaltenes Archival zeigte eine Art Urkunde für einen Bewohner, unterzeichnet von der Stadtverwaltung, in der bestätigt wurde, dass der Betroffene nicht mit der Pest infiziert sei. So konnte sich der Bewohner als gesund ausweisen. Zur Cholera verteilte die Stadt damals genaue Anweisungen zur Vermeidung der Krankheit. Demzufolge konnte man sich schützen, indem man besonders reinlich war, auf kalte Speisen und Getränke verzichtete und vor allem auch die "Nachtschwärmerei" unterließ. Damit wollte die Stadt ihre Bewohner schützen und offensichtlich zugleich züchtigen. Die Besucher des Archivs amüsierten sich sehr über diesen Brief.

Über die Krankenpflege gibt es ebenfalls sehr alte Dokumente. Das erste Wasserburger Krankenhaus, das "Spital" wird erstmals im Jahr 1615 erwähnt.

Auch vom Krieg blieb Wasserburg nicht verschont. Es wurden viele Schutzmaßnahmen für die Bewohner getroffen. Die Einführung einer Kriegsküche in der Volkschule sollte die Verpflegung der Kinder sichern. Ein bedeutendes Archival ist ein sehr umfangreicher Band zur Kriegsrechnung. Darin sind alle Ausgaben und vollzogene Steuererhöhungen verzeichnet.

Die Besucher konnten bei einer Führung auch einen Blick in das Magazin werfen, in dem alle Archivalien lagern. Viele davon warten noch auf ihre inhaltliche Erschließung. "Hier befinden sich zwei Kilometer Papier, würde man Blatt an Blatt legen", erklärte Haupt.

Am Beispiel von Renovierungsarbeiten zeigte er, wie wichtig die Archivalien werden können. Für die geplante Sanierung der St. Jakob Kirche müsse beispielsweise gezielte Bauforschung mit diesen alten Schriftstücken betrieben werden.

Im Bildarchiv wurden den Besuchern alte Bilder von Brand- und Hochwasserkatastrophen in der Stadt gezeigt. Es gab in der Geschichte Wasserburgs drei große Brände. Der zweite, der am 1. Mai 1874 ausbrach, entstand im Rathaus. Der gesamte Dachstuhl und der rechte Teil des Rathauses brannten ab, nur die Fassade konnte von der Feuerwehr noch gerettet werden. Das Feuer zerstörte auch viele Häuser in der Tränkgasse und auf dem Marienplatz. Bei den Bildern waren die meisten Besucher sehr schockiert, und bewunderten den Wiederaufbau des alten Rathauses. Für Begeisterung sorgten Zeichnungen, die das alte Tränktor zeigen, das am Ende der Tränkgasse stand und nach dem schweren Brand abgerissen wurde.

Elf Jahre später sorgte ein weiterer großer Brand für Verwüstung. Er brach in einem alten Baustadl aus, ungefähr dort, wo jetzt das Polizeigebäude steht. Das Feuer zerstörte die Stadtmauer und griff auch große Teile der heutigen Fletzingergasse an. Daraufhin wurden viele alte Einzelhäuser in der Gasse abgerissen. Die schönen Bilder der damaligen Gasse, regten bei den Besuchern promt eine Diskussion über die jetzt geplante Umgestaltung des Areals aus.

Während und nach der Führung konnten Kinder mit dem "Archivkoffer" viele interessante Dinge ausprobieren. Mit Siegelwachs wurden selbst Siegel gestempelt, es gab alte Schreibfedern und -tuschen, und die Entstehung des Pergaments wurde erklärt.

Beim Erzählcafé zum Thema Hochwasser hielt sich der Andrang zwar in Grenzen, doch in einer gemütlichen Runde wurden spannende Geschichten über selbst erlebte Hochwasser-Katastrophen in der Stadt erzählt. "Das Erzählcafé wird vielleicht von weniger Leuten besucht, weil manche denken, sie hätten nichts Relevantes zu erzählen oder trauen sich nicht", vermutete Matthias Haupt. In der Runde konnten mitgebrachte Fotos und Filme gezeigt werden.

Einer der Teilnehmer, der das Hochwasser 1946 miterlebt hatte, erzählte wie er sich als Bub selbst ein Boot baute und auf dem völlig überschwemmten Aiblinger-platz Einkäufe für die Anwohner erledigte. Die damals betroffenen Kinder freuten sich auch immer über den vielen Mehlsand, den das Wasser zurückließ und in dem sie Sandburgen bauen konnten. Pfarrer Haderstorfer meinte: "Für uns Kinder war Hochwasser ein schönes Erlebnis". Er erinnerte sich daran, wie das Wasser durch den Roten Turm schoss und die Ledererzeile zu einem "schönen Venedig" wurde. Auch über die späteren Hochwasser, die damit verbundenen Schäden, den Bau des Dammes und der Wasserschutzmauer wurde erzählt.

Matthias Haupt zog eine positive Bilanz vom Tag des Archivs: "Ich bin sehr zufrieden mit dem Interesse. Vor allem die Führung war sehr gut besucht. Eigentlich war es für das Archiv schon zu voll," erklärte er vergnügt.

zac/Wasserburger Zeitung

Quelle: rosenheim24.de

Zurück zur Übersicht: Region Wasserburg

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser