Kirchenaustritte nehmen rapide zu

Wasserburg - "Auf dem Land tritt man nicht aus der Kirche aus." Was mal ein ehernes Gesetz schien, gilt so nicht mehr.

"Nicht mehr und nicht weniger als sonst", diese Auskunft ist im Moment in den Standesämtern die Ausnahme, wenn es um die Zahl der Kirchenaustritte geht. In den meisten Fällen ist ein sprunghafter Anstieg zu verzeichnen.

Immer wieder Missbrauchsfälle, die bekannt werden, vermutlich veruntreute Gelder, ein lügender Bischof und ein Papst, der lange nicht so eindeutig Stellung bezieht, wie es sich die Menschen wünschen. Da häufen sich auch auf dem Land die Kirchenaustritte. Auch wenn es in den ersten Monaten des Jahres noch nicht so aussah, nun steigt die Zahl. "Es wirkt sich aus", heißt es trocken im Obinger Standesamt, zuständig auch für Kienberg und Pittenhart. "Ich habe gerade den 31. Austritt festgehalten, im vergangenen Jahr waren es insgesamt 22." Ähnlich sieht es auch in Haag aus. Da war Ende April mit etwa 45 Austritten die Zahl des Vorjahres erreicht, "es geht quer durch alle unsere Gemeinden, egal ob Haag, Kirchdorf, Reichertsheim, Maitenbeth oder Rechtmehring". Das selbe Bild in Rott und Ramerberg, auch da sind die Vorjahreszahlen jetzt schon erreicht. Ganz so ist es im Standesamt Wasserburg - zuständig auch für Albaching, Amerang, Babensham, Edling, Eiselfing, Pfaffing und Soyen - nicht, aber die 94 verzeichneten Austritte bis zum 11.Mai sind auch zwei Drittel des gesamten Vorjahreswertes. Nur Griesstätt und Gars melden keinen Anstieg.

Und es sind nicht, wie man vielleicht erwartet, vor allem die Jüngeren, die nun aus der Kirche austreten. Die Standesbeamten sind sich einig, dass alle Altersgruppen zwischen 20 und 70 gleichermaßen vertreten sind. Es sind auch nicht nur Katholiken, auch bei den Protestanten steigt die Zahl.

Eigentlich muss niemand begründen, warum er aus der Kirche austritt. Und das wird von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Standesämtern auch immer wieder gesagt. Aber wenn eine mündliche Begründung kommt, dann ist es immer die Gleiche, sind es immer die bekannt gewordenen Vorfälle der letzten Monate. "Aber wir hören uns das nur an, auf eine Diskussion lassen wir uns nicht ein", so die Devise nicht nur im Wasserburger Standesamt.

Die meisten hätten sich schon ihre Gedanken gemacht, seien so zu dem Entschluss gekommen, aus der Kirche auszutreten, so die mehrheitliche Erfahrung, "für andere ist es ein willkommener Anlass". Was auch Pater Ulrich Bednara, Pfarrer in Gars und Dekan des Dekanats Waldkraiburg, beobachtet hat: "Es ist schon ein bequemer Weg um auszusteigen." Denn eine weithin akzeptierte Begründung zu finden, fällt derzeit nicht schwer. Deswegen sieht Bednara die steigende Zahl an Kirchenaustritten auch nicht sehr dramatisch. Wie die Entwicklung in Waldkraiburg und Mühldorf sei, das sehe er aber erst bei der Dekanatskonferenz kommende Woche. Die Unzufriedenheit der Basis aber, die dringe schon zu ihm durch.

Da geht es seinem Kollegen im Dekanat Wasserburg, Pfarrer Josef Reindl aus Amerang, etwas anders. "Die, die unzufrieden sind, die reden gar nicht mit mir", hat er festgestellt. Das Thema käme schon immer wieder im Gespräch auf, die Erschütterung teile sich mit, aber die meisten Pfarreimitglieder blieben der Kirche dennoch treu. In der Dekanatskonferenz sei natürlich darüber geredet worden, ein großes Thema war es bisher nicht, "es kann aber sein, dass das jetzt erst noch kommt", so Reindl.

Diskutiert hat Bednara schon häufiger über die Missbrauchsvorwürfe, konfrontiert damit wurde er auch einmal. Eine Frau habe ihn angesprochen, dass es "allerdings nach ihrer Aussage leichtere" Vorfälle in der Vergangenheit gegeben habe. Von einem Einzelfall geht er nicht aus, auch wenn ihm nur der eine begegnete. "Ich vermute, dass Frauen eher mit einer Pastoralreferentin über dieses Thema reden."

Quelle: rosenheim24.de

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