König Ludwig die Stimme geliehen

Wasserburg - Wenn die Besucher der Landesausstellung auf die Knöpfe ihrer elektronischen Museumsführer drücken, hören sie auch die Stimmen von 20 Gymnasiasten aus Wasserburg.

Die Neuntklässler haben für das Haus der Bayerischen Geschichte Hörspiele entwickelt und gesprochen - in der Rolle von Arbeitern zur Zeit des "Kinis".

"Ich halt das nicht mehr aus! Der Kugelhagel und die Granaten, dieser Höllenlärm, dieser Verwesungsgeruch, das Geschrei der Verletzten..." Die Verzweiflung ist dem "Wast", der daheim eine schwindsüchtige Frau und sieben Kinder zurücklassen musste und nun im Kanonendonner für den "Kini" den Kopf hinhält, deutlich anzuhören.

Mit "Wast" durch die Ausstellung

"Wast" ist eine imaginäre Figur, entwickelt von Gymnasiasten aus Wasserburg. Auch seine Dialoge haben die Schüler ihm in den Mund gelegt. Doch der "Wast" hätte zur Zeit des Märchenkönigs durchaus leben können. Denn seine Rolle besitzt einen historisch fundierten Hintergrund, den die Neuntklässler nach intensivem Quellenstudium mit Unterstützung der Historiker aus dem Haus der Bayerischen Geschichte und ihrer Lehrer Doris Hasse sowie Florian Haigermoser in lebendige Texte gegossen haben.

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Nicht nur Klaus Punzet, der den "Wast" in der König-Ludwig-Ausstellung spricht, kann sich in die dramatische Situation des imaginären Arbeiters mittlerweile gut hineinfühlen. Auch seine Mitstreiter aus dem Audio-Guide-Projekt haben sich in den vergangenen fünf Monaten - freiwillig nach Unterrichtsschluss - intensiv mit dem Alltag von Menschen beschäftigt, die bis heute im Schatten des Märchenkönigs stehen: die einfachen Leute. "Arbeiter zu König Ludwigs Zeiten hatten kaum Rechte. Sie wurden herumgeschickt, von den Baustellen der Schlösser zum Bühnenaufbau für die Opern des Königs und weiter in den Krieg", erläutern die Schüler.

Die schillernde Figur von Ludwig II. war den Neuntklässlern zwar vom Unterricht her bekannt. Doch dass zu seiner Zeit, die schließlich nur etwa 150 Jahre zurückliegt, Familien wie jene der Hauptfigur "Wast" mit neun Leuten in einem einzigen Wohnraum hausten, der nicht einmal so groß war wie ihr Klassenzimmer, "war uns vorher nicht so bewusst", berichtet Valerie Ernst. Und auch den "Kini" selber haben die Schüler nach Überzeugung von Theresa Schmidhuber und Daniel Gievers intensiv kennen gelernt. "Er war eine wirklich spannende Persönlichkeit", findet Selma Al auch angesichts der vielen Verschwörungstheorien rund um seinen Tod.

Selma und Klaus bei der Aufnahme: Stundenlang übten sie für ein paar Minuten Text, bis jede Silbe perfekt saß.

Bis ins Detail haben sich die Schüler nach Informationen von Laura Schmedding auch mit der zwiespältigen Persönlichkeit des Königs auseinandergesetzt. Ihre Texte, Dialoge und Aufnahmen vermitteln einen Regenten, der mal despotisch, mal volksnah, genialer Bauherr und exzentrischer Herrscher zugleich war, sich am Ende seines Lebens aus der Öffentlichkeit zurückzog und gehenließ.

Historische Fakten sammeln, daraus Texte entwickeln, Rollen im Rahmen eines Castings vergeben, Aufnahmen machen: Das Projekt hat zur Freude von Oberstudienrätin Hasse für Geschichts-, Schreib- und Sprachtalente gleichermaßen viel geboten. Zur Seite standen den 14- und 15-Jährigen Medien- und Sprechtrainer des Bayerischen Rundfunks. Im BR-Studio in München opferten die Schüler ein ganzes Wochenende für die Tonaufnahmen.

Ein ganzes Wochenende verbrachten die Gymnasiasten aus Wasserburg im Tonstudio.

Neben den Wasserburgern in der Rolle der Arbeiter besprechen aus der Perspektive von Bauern, Adeligen und Bürgern Gymnasiasten und Realschüler aus Traunstein und München sowie Berufsschüler aus dem Berchtesgadener Land die Audio-Guides für die Landesausstellung, die vom Haus der Bayerischen Geschichte, der Bayerischen Schlösser- und Seenverwaltung und dem Landkreis Rosenheim veranstaltet wird.

"Die Aufnahmen waren ganz schön anstrengend", erinnert sich Valerie, die die Mutter der Arbeiterfamilie spricht, an die Mikrofonproben, die beharrlich solange wiederholt wurden, bis jedes Wort wirklich perfekt saß. Daniel Kann, der "Kini" aus Wasserburg, hatte es besonders schwer: "Ich sollte kräftig und leise, betont und erhaben zugleich sprechen", erinnert er sich an seine Aufgabe, die ihm anfangs unmöglich erschien, die er jedoch mit Bravour bewältigte.

"Lebendiges Bild der Zeit"

Die Projektbetreuer Hasse und Haigermoser sind stolz auf die Leistungen ihrer Schüler, die sich auch im Team zusammenraufen mussten. "Die Anforderungen waren sehr hoch. Schließlich ging es darum, historische Tatsachen kreativ aufzuarbeiten und in Dialoge zu gießen, die ein lebendiges Bild der Zeit vermitteln", berichten die Pädagogen. "Wir sind auch von der Disziplin der Schüler begeistert. Mit solch motivierten Schülern zu arbeiten, hat auch uns sehr viel Spaß gemacht."

Doch Schüler und Lehrer einte die Freude an der einmaligen Chance, "bei einem Publikumsmagnet wie der Landesausstellung vor unserer Haustür aktiv dabei sein zu können", so Studienrat Haigermoser. "Ich find`s toll, dass die Besucher demnächst unsere Stimmen hören können, wenn sie durch die Ausstellung gehen", bringt es Selma auf den Punkt.

duc/Wasserburger Zeitung

Quelle: rosenheim24.de

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