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29 Stationen bei Wasserburger Krippenwanderung

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Wer genauer hinschaut auf der Wasserburger Krippenwanderung, kann viel entdecken - wenn auch nicht immer in den biblischen Szenen.

Wasserburg - 29 Stationen hat sie, die "Wasserburger Krippenwanderung", die der Wirtschaftsförderungsverband nach langer Pause heuer wieder organisiert hat.

Der Unterschied zwischen Vorweihnachtszeit und Advent? Ein gewaltiger, nämlich der zwischen einer der stressigsten Zeiten des Jahres und der Besinnung auf "adventus", die Ankunft des Herrn. Vielleicht kann eine Stunde "Krippenwanderung" die Gegensätze verbinden? 29 Stationen hat sie, die "Wasserburger Krippenwanderung", die der Wirtschaftsförderungsverband nach langer Pause heuer wieder organisiert hat. Aber gleich die Nummer eins ist auch auf den zweiten Blick nicht zu finden. Also hinein ins Reisebüro in der Bruckgasse und gefragt - und tatsächlich: Da hängt die Miniatur an der Wand, eine Kostbarkeit aus der Sammlung Joa. Diesmal frage kaum jemand nach, erzählt Jutta Mauritz, "aber es gibt heuer ja auch kein Gewinnspiel wie beim ersten Mal. Da kamen ganze Scharen."

Sollte es schon so weit sein? Brauchen jetzt auch die Krippen schon einen Sponsor, Werbung, Marketing? Zumindest manche der Leihgeber würden wohl nicht nein sagen zu Unterstützung, denn viele der Szenen sind aufwändig, einige kostbar und sicher auch teuer. Und es finden sich immer wieder die gleichen Namen auf den Schildern: Margarete Kölbl, Gabriele Beck, Bernd Joa, Familie Irlbeck - ausgewiesene Wasserburger Krippenspezialisten eben.

Zu denen gehört der Berichterstatter nicht, der inzwischen vor dem Fenster der Parfümerie am Marienplatz steht und dabei eine doppelte Überraschung erlebt. Die kleinere: Die Krippe ist nicht die im Prospekt angekündigte. Die größere: Darüber hängt ein Bild - des Betrachters! Ein Spiegel wirft seinen suchenden Blick zurück - eine theologische Metapher? Vielleicht so wie: "Was schaust du nach Bethlehem. Schau lieber in Dir selbst nach..."? Oder doch nur eine pfiffige Dekorations-Idee?

Weihnachten einmal andersrum

Das Nachsinnen darüber würgt der heftige Verkehr beim Queren der Straße gleich wieder ab, der volle Konzentration verlangt. Einige Meter weiter ist es vor der Drehkrippe in der Apotheke gleich wieder ruhiger. Die zeigt vier Weihnachtsszenen, bloß: Wieso flüchten hier Maria und Josef sofort nach der Herbergssuche Richtung Ägypten? Wollen sie das Kind nicht in Bethlehem auf die Welt bringen? Erst nach der dritten Umdrehung kommt die Weihnachts-Erleuchtung: Der Drehmechanismus läuft verkehrt herum, und es soll wohl doch alles so sein wie immer: Der böse Wirt, die anrührende Geburt, die prunkvolle Anbetung der Weisen und die Flucht.

Und das alles zur "schönsten Zeit im Jahr", wie ein paar Schaufenster weiter in Form eines Buchtitels neben der almerischen Geburtsszenerie versprochen wird. Dann doch eher Lukas Maiers letztes Buch "D' Mondsichl maht", das darunter steht. Jetzt hat es ihn auch dahingemäht, den langjährigen Sprecher des Wasserburger Adventssingens, eine Zeit, an die sein Buch "Wenn's Jahr dahingeht" erinnert.

Vergänglichkeit, das Wesentliche im Leben, der Rückblick auf ein weiteres Jahr: Vielleicht sind es diese Gedanken, die den Schritt unwillkürlich von der Original-Krippenwanderung weg Richtung Pfarrkirche und in die Färbergasse lenken - wo sofort wieder für "Erdung" gesorgt ist. Zwei Frauentorsi in Spitzen-Unterwäsche kontrastieren gewaltig zur keusch blickenden Maria samt Josef in ihren wallenden Gewändern. Aber genau so ist es und war es wohl schon immer im Advent: Eine oft gehörte Botschaft auf der einen Seite, die Realität auf der anderen. Und niemand kann wirklich flüchten.

Auch nicht ein paar Häuser weiter vorm Juwelier in der Schustergasse: Das heilige Paar blickt zwischen glitzernden Trauringen auf Jesus - ausgerechnet das Kind, das nach heutigen rechtlichen Kriterien wohl als unehelich gelte. Von Josef jedenfalls soll es nicht gewesen sein, sondern jungfräulich geboren durch Wirken des Heiligen Geistes - seinerzeit ein im Orient gebräuchliches Bild für die besondere Stellung eines Kindes, inzwischen für Katholiken ein päpstliches Dogma, das zum Verständnis der Sache nur sehr bedingt beigetragen hat.

Aus Evangelium wird ein Roman

Aber die Volksfrömmigkeit hält sich mit solchen Feinheiten ohnehin nicht auf. Fast an ein Kinder-Wimmelbuch erinnert die Kastenkrippe aus Neapel schräg gegenüber im Buchladen. Mit lebensfroher Lust werden alle Feinheiten der Szenen in Bethlehem ausgemalt, aus den knappen Zeilen bei Lukas wird ein ganzer Roman - weil man eh weiß, wie es zugeht, wenn Menschen etwas nicht wirklich verstehen, aber gleichzeitig spüren, dass gerade etwas ganz Besonderes passiert.

Dafür steht ja auch das Bild vom "Engel", und ein solcher schwebt im Weberzipfel beim Friseur gleich in Plakatgröße über der bescheiden kleinen Krippe. Blond und von "L'Oréal" ist er - jedenfalls sicher nicht aus Judäa, aus dem heiligen Land. Ein paar Meter weiter stadteinwärts tun Ochs und Esel vor lauter Warten auf Weihnachten schon die Beine weh. Sie haben sich demonstrativ auf den Rücken gelegt, und der Krippenwanderer spürt große Sympathie für die beiden aufsteigen.

Gleich danach beim Optiker grünes Moos, ein Engel, viele Schafe und Hirten. Richtig: Zuhause war und wäre es immer noch undenkbar, dass das Christkind schon in der Krippe liegt, bevor die Kerzen am Christbaum das erste Mal brennen. Schließlich gibt es keine Adventsabkürzung gen Weihnachten. Das Warten, die Vorfreude, sind ja geradezu essenziell in dieser Zeit.

So ist auch in der Jakobskirche zwar alles parat, aber Maria ist noch hochschwanger, das Kind fehlt also in der Krippe. Hoffentlich liegt das nicht auch an den Kosten, wird doch in großen Lettern um "Spenden für den Erhalt der Krippe" gebeten. Und der Hirte samt Schaf ist bereits dramatisch nach vorne gestürzt, wie um dem Nachdruck zu verleihen. So richtig besinnliche Stimmung will angesichts des dringlich appellierenden Opferstockes nicht aufkommen. Aber vielleicht in der Frauenkirche?

Völlig dunkel ist der Raum, nur von rechts fällt schwach ein Licht aus der Krippe von Sebastian Osterrieder. Der große Wasserburger Krippenbauer (1864 bis 1932) scheint Maria die Bluse geöffnet zu haben, zum Stillen bereit, blickt sie erwartungsvoll in die Futterkrippe, auf das, was kommen soll. Wer hier Anstößiges sähe, hätte nichts verstanden - nichts von mütterlicher Fürsorge, nichts von grenzenloser Liebe, nichts von der Weihnachtsgeschichte.

Auf die hat der heilige Josef einen ganz anderen Blick, er schaut schon weiter in eine sorgenvolle Zukunft. Und geradezu ungeduldig ist der Esel: Weg will er, weiter, schließlich ist es ein langer harter Weg nach Ägypten, durch die Berge des Sinai.

Der Christkindlmarkt ist dagegen gleich um die Ecke. Glühwein, Lebkuchen, Bratwurst, Karussell, Kunstvolles und Schnickschnack. Das Leben hat eben viele Facetten - auch und gerade im Advent. Auf einer Wasserburger Krippenwanderung kann man sie fast alle finden.

Karl Königbauer/Wasserburger-Zeitung

Quelle: rosenheim24.de

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