Längst nicht alles eitel Sonnenschein

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Wasserburg - Wasserburg eine Insel der Seligen? Im Sonnenschein vom Straßencafé aus betrachtet mag es so scheinen. Mit Blick auf die Aufgaben von Familienberaterin Erika Pohl ist diese Vorstellung passé.

Seit gut einem Jahr ist Familienberaterin Erika Pohl in der Stadt tätig, nun stellte sie ihre Arbeit im Stadtrat vor. Und wer bis dato geglaubt hatte, in Wasserburg sei - bis auf einige wenige Ausnahmen - alles eitel Sonnenschein, stellte fest, dass dem nicht so ist. "Erschreckend" fand nicht nur Helmut Schedel (SPD) die Zahlen des sozialräumlichen und des Jugendhilfeindex. Denn bei diesen Sozialdaten liegt Wasserburg nach einer Sozialstrukturanalyse des Landkreises Rosenheim weit über Kreis- und Landesdurchschnitt.

So liegt beispielsweise der Jugendhilfeindex, in den Zahlen wie die Zahl der Kinder Alleinerziehender, Betreuung während Scheidungsverfahren und erzieherische Hilfe aber auch Jugendkriminalität eingerechnet sind, in Bayern bei 100, im Landkreis Rosenheim bei 107,05 und in Wasserburg bei 182,6. Bürgermeister Michael Kölbl führte diese Zahl zum einen darauf zurück, dass es in der Stadt relativ viele Arbeitsplätze für Alleinerziehende gebe und dass Wasserburg die einzige größere Kommune im Norden den Landkreises und damit Kristallisationspunkt vieler Probleme sei.

Die Arbeit geht Erika Pohl sicher so bald nicht aus. Sie stellte im Stadtrat kurz vier anonymisierte Fälle vor. So die alleinerziehende Mutter eines zweijährigen Buben mit Verhaltensauffälligkeiten und eines behinderten Babys mit Krampfanfällen. Erika Pohl vermittelte Frühförderung und einen Krippenplatz für den Großen, begleitete Mutter und Baby in die Klinik. Oder die Familie mit einem Diabetes-Typ-I-Kind, das nicht nur regelmäßig zu Untersuchungen nach München muss, sondern dessen Blutzucker permanent überwacht werden muss - was zu einer Überlastung der Mutter führt. Da schaltete Erika Pohl eine Stiftung zur Unterstützung ein, half beim Beantragen der Mutter-Kind-Kur.

Oder die junge Mutter, die große Unsicherheiten beim Umgang mit ihrem Baby hat. Die bekam Hilfe und Tipps für Pflege, Erziehung und tägliche Struktur. Manchmal bleibt nichts anderes, als die Behörden einzuschalten, wie im Fall einer Familie, in der die häusliche Gewalt auch wegen der Alkoholsucht des Mannes und Vaters so gravierend wurde, dass Erika Pohl Schutz für Mutter und Kinder organisierte und das Jugendamt einschaltete.

Vier von rund 100 Fällen, "und der Bedarf wäre wahrscheinlich noch höher", vermutete Dr.Christine Mayerhofer (SPD), denn die Familie müssten sich selber melden und dafür erstmal eine Hemmschwelle überwinden.

Sie habe einen wunderbaren Job, versicherte Erika Pohl den Mitgliedern des Stadtrates, denn sie könne schweigepflichtgebunden und unabhängig arbeiten, tue das mit Herz und Hirn". Sie hatte eine zwei Seiten lange Liste von Fachleuten und Angeboten, ihren "Vernetzungspartnern", mitgebracht, an die sie ihre Klienten weitervermittelt. Diese unabhängige Beratung sei es auch gewesen, die sie ihre anfängliche Skepsis habe vergessen lassen, so Elisabeth Fischer (CSU), bis vor ein paar Tagen als Kindergartenleiterin selbst Vernetzungspartnerin, "jetzt bin ich sehr angetan von Ihrer Arbeit".

Dass diese auch nach 2012, wenn die 70-prozentige Förderung durch die "Aktion Mensch" ausläuft, weitergehen kann, beschäftigte Elisabeth Fischer ebenso wie Peter Stenger (SPD), der nachfragte, wie es denn mit Sponsoren aussehe. Es plätschere, so Erika Pohl, nehme aber trotz der Unterstützung des Elternnetzes viel Zeit in Anspruch, die sie eigentlich lieber für ihre Arbeit hätte. Dr.Christine Mayerhofer, die im Elternnetz engagiert ist, erklärte, man sei bereits auf der Suche nach einem Kooperationspartner ab 2012.

Das Schlusswort fand der CSU-Fraktionsvorsitzende Hans Köck: "Es ist schlimm, dass wir Sie brauchen. Aber es ist gut, dass wir Sie haben!"

syl/Wasserburger Zeitung

Quelle: rosenheim24.de

Rubriklistenbild: © dpa

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