Barrieren abbauen ist Daseinsvorsorge

Landkreis - Zur Verwirklichung der Inklusion hat sich der Landkreis mit dem Teilhabeplan für Menschen mit Behinderungen eine Art Wegweiser gegeben. Was alles umgesetzt werden soll:

Der Kreistag verabschiedete am Mittwoch, 4. Dezember, einstimmig den Teilhabeplan für Menschen mit Behinderungen. Auch wenn die darin empfohlenen Maßnahmen rechtlich nicht bindend sind, ist mit dem Teilhabeplan die Erwartung verbunden, dass sich die Lebenssituation für Menschen mit Behinderungen verbessert.

Die Daten im Teilhabeplan belegen, dass Menschen mit Behinderungen keine Randgruppe sind. Knapp 18.000 im Landkreis haben einen Schwerbehindertenausweis, Tendenz steigend. Mehr als die Hälfte von ihnen ist älter als 65 Jahre. Zum Vergleich, die Gruppe der unter 18-Jährigen macht nur 2,7 Prozent aus. Ein Beleg dafür, dass die allermeisten Behinderungen nicht angeboren sind, sondern sich im Laufe eines Lebens entwickeln.

Barrieren abzubauen wird als Daseinsvorsorge beschrieben. Damit wird der Teilhabeplan als Teil eines kontinuierlichen Prozesses gesehen mit dem Ziel, Menschen mit Behinderungen umfassend am gesellschaftlichen Leben zu beteiligen. Die Bürgerinnen und Bürger sind weiterhin aufgefordert sich zu engagieren, um möglichst vielseitige und kreative Veränderungsprozesse in Gang zu setzen.

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Das Mitarbeiten und Mitdiskutieren der interessierten Bevölkerung war schon im vergangenen Jahr gefordert. In zwei Teilhabekonferenzen und etlichen Sitzungen von Arbeitsgruppen wurden Defizite benannt, Ideen diskutiert und Lösungsmöglichkeiten entwickelt. Menschen mit Behinderungen, Fachleute und Kommunen wurden befragt. Der gesamte Planungsprozess wurde durch das BASIS-Institut für soziale Planung, Beratung und Gestaltung GmbH aus Bamberg sozialwissenschaftlich beraten, begleitet und unterstützt. Alle Informationen liefen in der Steuerungsgruppe zusammen, die alle wesentlichen Entwicklungen des Planungsprozesses bündelte.

Zu den wesentlichen Ergebnissen gehören beispielsweise, dass in der Schule die Kinder möglichst früh Kontakt mit gleichaltrigen Kindern mit Behinderungen haben sollen. Diese sollen wohnortnah und inklusiv beschult werden. Mittelfristig soll das so genannte Zwei-Lehrkräfte-Prinzip umgesetzt werden, das heißt, die Kinder und Jugendlichen werden von einem Tandem, bestehend aus einer Lehrkraft der allgemeinen Schule und einer Lehrkraft für Sonderpädagogik unterrichtet.

Menschen mit Behinderungen wollen selbstbestimmt leben und wohnen. Tatsächlich verbringt nur ein geringer Teil seinen Alltag in Heimen. Für alle anderen gibt es aber zu wenige barrierefreie und kostengünstige Wohnungen. Für die Zukunft bedeutet das, Wohnmöglichkeiten für Menschen mit Behinderungen müssen verstärkt geschaffen und neue Wohnformen entwickelt werden. Zudem muss die bedarfsgerechte Betreuung im ambulanten Wohnen unterstützt werden.

Auf dem Arbeitsmarkt ist die Verwirklichung von Inklusion schwer umzusetzen. Um die Akzeptanz der Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen zu steigern, soll es Kampagnen und mehr Beratung von Arbeitgebern geben. Außerdem müssen die finanziellen Rahmenbedingungen stimmen, damit behindertengerechte Arbeitsplätze auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt geschaffen werden. Vorgeschlagen wurde auch, die bestehenden Patenschaftssysteme im Landkreis für Kinder und Jugendliche auf Menschen mit Behinderungen auszuweiten.

Positiv wird im Teilhabeplan festgestellt, dass es für den Landkreis, aber auch in jeder der 46 Gemeinden eine Behindertenbeauftragte oder einen Behindertenbeauftragten gibt. Allerdings kennen ihn durchschnittlich nur 30 Prozent der Menschen mit Behinderungen. Um sie bekannter zu machen sollen sie unterstützt werden, beispielsweise durch Prospekte oder durch Rederecht und Vetorecht im Gemeinderat und seinen Ausschüssen.

In der Freizeit ist die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen noch nicht selbstverständlich. Jeder zweite Befragte gab an, in der Nutzung bestehender Freizeit- und Kulturangebote eingeschränkt zu sein. Um dies zu ändern, sollen zunächst kommunale Veranstaltungen und Freizeitangebote auf Barrierefreiheit überprüft werden. Für alle anderen Anbieter öffentlicher Veranstaltungen wird als Empfehlung eine Veranstaltungscharta entwickelt. Darüber hinaus sollen Vereine angeregt werden, mehr für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen zu machen.

Viel Handlungsbedarf gibt es im Bereich Mobilität. Vor allem der Öffentliche Personennahverkehr und der Schienenfernverkehr sind nur eingeschränkt nutzbar. Im öffentlichen Raum gibt es Mobilitätsprobleme wie fehlende behindertengerechte Toiletten, fehlende Aufzüge oder zu kurze Grünphasen bei Ampelanlagen. Besonders eingeschränkt sind Menschen, die auf einen Rollstuhl oder eine Gehhilfe angewiesen sind. Im Teilhabeplan wird eine ganze Reihe von Maßnahmen vorgeschlagen. So soll im ÖPNV auf den Einsatz von Reisebussen verzichtet werden, alle Bahnhöfe sollen barrierefrei ausgebaut werden und mittel- bzw. langfristig sollen alle Ampeln blindengerecht mit Signalgebern ausgestattet werden.

Mit dem Beschluss des Kreistages ist die Entwicklung des Teilhabeplans nicht abgeschlossen. Der Landkreis wird, so wurde es im Kreistag auch noch einmal deutlich formuliert, wenn möglich gemeinsam mit der Stadt Rosenheim und dem Bezirk Oberbayern eine Fachstelle einrichten, um die weitere Entwicklung der Teilhabe in der Region zu unterstützen. Zudem wird für den wichtigen Bereich frühkindliche Bildung eine eigene Arbeitsgruppe eingerichtet. Auch in den anderen Handlungsfeldern wird die Arbeit, zum Teil zusammen mit der Stadt Rosenheim, fortgeführt. In fünf Jahren wird der Teilhabeplan überprüft und gegebenenfalls aktualisiert.

Pressemitteilung Landratsamt Rosenheim

Quelle: rosenheim24.de

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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