Mit Winnetou in ferne Welten

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Starb vor 100 Jahren: Erfolgsautor Karl May.

Landkreis – Er bereiste den Wilden Westen, den Orient und Mexiko – doch alles von seinem Schreibtisch aus: Karl May. Einer der meistgelesenen deutschen Schriftsteller starb vor 100 Jahren.

Generationen verschlangen seine Abenteuerromane über Winnetou, Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi, träumten sich in fremde Länder. Sehr zum Bedauern der älteren Generation ist Karl May heute aber kaum mehr Thema – im Gegenteil: In den Buchhandlungen der Region werden seine Werke nur noch selten nachgefragt.

Als ein Abenteurer des 19. Jahrhunderts gab sich Karl May (25. Februar 1842 bis 30. März 1912) aus, ein weit gereister Weltenbummler, der seine Leser an seinem „Erlebten“ teilhaben ließ. Doch die Basis für die schriftstellerische Karriere des gebürtigen Sachsen wurde eigentlich im Gefängnis gelegt: In jungen Jahren mehrfach wegen Diebstahls verurteilt, verschlang er in der Gefängnisbibliothek Buch um Buch – am liebsten Reiseliteratur. Und schon kurz nach seiner Freilassung glänzte er mit den ersten Fortsetzungsromanen und Geschichten in Unterhaltungsblättern – zumeist Erzählungen von seinen „Reisen“.

Ab dem Jahr 1880 verschlug es den Autor mit seiner ausschmückenden Fantasie dann endgültig in ferne Gefilde: mit den ersten Werken seines Orientzyklus’, erst in Zeitschriften veröffentlicht und später dann in Buchform. So entführte er seine Leser „Durchs wilde Kurdistan“, „Von Bagdad nach Stanbul“, „In den Schluchten des Balkan“ und „Durch das Land der Skipetaren“. Berühmtheit erlangte Karl May schließlich mit den Bänden Winnetou I bis III, seine meist verkauften Werke, in denen er sich als Ich-Erzähler geradezu in seine Old- Shatterhand-Legende schrieb, die sich später als reines Fantasiewerk entpuppte. Ebenfalls von seinen Fans verschlungen wurde „Der Schatz im Silbersee“. Obwohl Karl May nach Enthüllungen zur Jahrhundertwende eingestehen musste, weder selbst in den fernen Ländern gewesen zu sein, noch die unzähligen Sprachen zu sprechen, tat das seiner Beliebtheit keinen Abbruch: Er zählt zu den meist gelesenen Schriftstellern der Welt mit einer Auflage von mehr als 200 Millionen Büchern, etwa die Hälfte davon in Deutschland. Allein in 40 Sprachen wurden seine Werke übersetzt – und bis heute erscheinen immer wieder neu aufgelegte Bände.

Noch vor Jahrzehnten von Jugendlichen verschlungen, lässt das Interesse an Cowboy und Indianern im 21. Jahrhundert spürbar nach, wie auch verschiedene Buchhandlungen im Landkreis bestätigten. „Wir haben noch einzelne, meist ältere Kunden, die regelmäßig die Neuauflagen kaufen“, erklärte dazu die Kolbermoorer Buchhändlerin Dagmar Levin, die selbst ein „eingefleischter Fan“ war. „Meinen ersten Winnetou habe ich in der ersten Klasse gelesen“, erzählte sie, „und von dem Tag an alle weiteren Karl- May-Bände.“ Bei der heutigen Jugend sei das Interesse an Karl Mays Geschichten über den Wilden Westen indes komplett abgeflaut – für Levin, trotz ihrer früheren Leidenschaft, durchaus verständlich: „Die Sprache hat sich überholt, ist viel zu blumig und theatralisch.“

Ähnlich die Erfahrung in Rosenheim in der Buchhandlung Bensegger. „Bücher von Karl May gehen bei uns kaum noch über den Tisch“, sagte Inhaberin Johanna Gigler. Dabei würden die Bücher eigentlich ins beliebte Genre „Fantasy“ fallen: „Schließlich hat Karl May alle seine Geschichten nur erfunden.“

Das nachlassende Interesse an Karl May und seinen Abenteuern bedauert in Kolbermoor vor allem ein großer Fan sehr: Erich Breu, ehemaliger Rektor der Hauptschule und jahrzehntelang Leiter der Stadtbücherei. Er war als Volksschüler, damals zehn Jahre alt, zum ersten Mal auf den Abenteuerschriftsteller gestoßen. „In der Pfarrbücherei, mein erstes Buch war ‚In den Schluchten des Balkan‘“, erinnert sich der Buchliebhaber. Von dem Zeitpunkt an war er infiziert: Ein Band folgte dem nächsten – „bis im Dritten Reich viele Werke nicht mehr erhältlich waren, aber so lange es ging, habe ich mir die Bücher trotzdem noch besorgt“, erinnert sich Breu, der noch heute jede Neuauflage ersteht. „Es ist schade, dass Karl May von der Jugend heute nicht mehr gelesen wird, aber vielleicht fehlen in seinen Geschichten einfach Computer, Auto und Flugzeug“, glaubt er. Wer dennoch Interesse hat, für den ist vorgesorgt: Breu hatte „seine“ Stadtbücherei mit sämtlichen Werken von Karl May ausgestattet, die nach wie vor den Lesern zur Verfügung stehen.

In Rosenheim ist der Autor indes auch 100 Jahre nach seinem Tod noch lange nicht vergessen: „Bei uns in Rosenheim lebt Karl May weiter, seine Bücher werden immer noch oft ausgeliehen“, so Gabriela Schmidt von der dortigen Stadtbibliothek. 44 Exemplare des Schriftstellers besitzt die Bibliothek, viele davon wandern fast durchgehend durch die Region. Klassiker wie Winnetou oder Old Surehand seien regelmäßig ausgeliehen, so die Bibliothekarin. Andere Büchereien hätten dagegen ihren Karl- May-Bestand bereits aufgegeben, weil kaum noch danach gefragt wurde – das große Interesse der Rosenheimer kann sich Schmidt aber auch nicht erklären.

Nicht nur in Erinnerungen lebt der große Schriftsteller weiter, viele seiner Werke wurden später auch verfilmt, waren Grundlage für Hörspiele und Comics – und für Parodien, wie zuletzt der Kinofilm „Der Schuh des Manitu“ von Michael „Bully“ Herbig (2001). Auf große Reisen ging der vermeintliche Abenteurer im Übrigen erst in seinen letzten Lebensjahren, in die USA reiste May zum ersten Mal im Jahr 1908 – und bewegte sich dabei vorwiegend auf touristischen Pfaden.

Rosi Gantner (Oberbayerisches Volksblatt)

Quelle: rosenheim24.de

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