„Nichts-Tun-Landwirtschaft“

Mit wenig Aufwand ernten? Liebgard Wessiak aus Oberreith startet Permakultur-Gemeinschaftsgarten

Liebgard Wessiak
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Im Sommer ranken sich an diesem „Bohnen-Tipi“ die Stangenbohnen. Liebgard Wessiak startet auf ihrem Grundstück in Oberreith ein Gemeinschaftsgartenprojekt nach den Prinzipien der Permakultur.

Nichts gegen die Natur tun, sondern mit ihr kooperieren – das versteht man unter Permakultur, die auch „Nichts-Tun-Landwirtschaft“ genannt wird. Eine Anhängerin des Gärtnerns im Einklang mit der Natur ist Liebgard Wessiak aus Oberreith, die mit Gleichgesinnten einen Gemeinschaftsgarten ins Leben rufen will.

Unterreit – Platz dafür sei auf dem Privatgrundstück ihrer Familie vorhanden; auch mit Maske und Abstand sei das Vorhaben gut möglich, sobald es die Beschränkungen wieder zulassen. Eine gewisse Einlage für Saatgut und Co. soll mit den Mitwirkenden vereinbart werden.


Natur und Boden erden die Qualitätsmanagerin

„Was uns die Natur schenkt, das steht dabei im Vordergrund“, sagt die 43-Jährige, die seit 2002 international im Business-Bereich tätig ist.


Sie leitet für eine große Firmengruppe im Ingenieursbereich mit 2000 Mitarbeitern das Qualitätsmanagement; ihr Arbeitsstandort ist München. Für dieses Unternehmen hat sie ein Jahr in Moskau gelebt und gearbeitet. „Eine wichtige Station für mich, aber kein Lebensmodell für naturverbundene Menschen“, sagt die Mutter eines zwölfjährigen Sohnes augenzwinkernd.

Zertifizierte Wildnispädagogin

Die Frau mit dem Abschluss in BWL und Translationswissenschaften sieht sich durch das Arbeiten mit Natur und Boden geerdet. Ihre Leidenschaft für Wald und Wildnis hat sie 2019 auf professionelle Beine gestellt und an der Uni München und beim Kneipp-Ärzte-Bund die Zertifizierung zur Waldgesundheitstrainerin erworben. Und ein Jahr später zur Wildnispädagogin an der Wildnisschule Chiemgau.

Einen Gemeinschaftsgarten im eigenen Garten zu gründen – vielleicht ein mutiger und unkonventioneller Schritt, sagt sie im Gespräch mit der Wasserburger Zeitung. „Aber ist es nicht unendlich bereichernd, wenn Menschen miteinander etwas ,er-schaffen‘, was alleine nie möglich wäre, miteinander säen, pflanzen, pflegen, ernten, Erfahrungen sammeln und dabei selbst ein Stück zusammenwachsen?“

Seit vielen Jahren eine Vision

Der Traum vom Selbstversorgergarten begleitet die gebürtige Tirolerin bereits viele Jahre. Sich und seine Familie mit Obst und Gemüse aus dem Garten zu versorgen, der Gedanke gefiel Wessiak.

5000 Quadratmeter Garten und alter Baumbestand waren vorhanden, Motivation auch, aber wie sollte das arbeitsmäßig klappen? „Voll berufstätig und ein von Hand schwer umzupflügender, weil ,steinreicher‘ Boden ließen meinen Traum erst mal schlummern“, erzählt Wessiak.

Ein Hügelbeet im Aufbau: Hier könnte bald Gemüse angepflanzt werden.

Kartoffeln gedeihen unter Heu

Bis ihr die unkonventionelle Idee zu Ohren kam, man könne Kartoffeln im Frühjahr einfach auf die Wiese auslegen, mit einer ein Meter dicken Schicht aus Heu bedecken und dort wachsen lassen. Das wollte sie ausprobieren.

„Trotz allseitiger Skepsis und ohne weiteren Pflegeaufwand ernteten wir im Herbst von unserem sieben mal fünf Meter Kartoffelacker einen Jahresvorrat an wohlschmeckenden Bilderbuch-Kartoffeln für unsere Familie. Das machen wir nun schon viele Jahre so“, sagt die Wahl-Bayerin.

Das Heu stammt von der eigenen Wiese. „So ist der Kreislauf geschlossen – genau darauf baut die Permakultur.“

Wie einen Tanz mit der Natur beschreibt sie das nachhaltige Gartenbaukonzept – „wobei die Natur führt“. Das Gärtnern im Einklang mit der natürlichen Umwelt habe ihrer Erfahrung nach vielfältige positive Nebeneffekte zum Wohle für Pflanzen, Tieren, Menschen und ganze Ökosysteme.

Mit wenig Aufwand etwas ernten

„Mich fasziniert die auf den ersten Blick erstmal unkonventionelle Art des Gärtnerns sehr und es überrascht mich immer wieder, mit wie wenig Aufwand vieles funktioniert“, berichtet sie.

Der Besuch eines Permakultur-Lehrgangs bei Sepp Holzer in Österreich vor drei Jahren habe ihre Vision vom Selbstversorgergarten wieder wach gerüttelt.

Neu dazugesellt hatte sich der Gedanke eines Gemeinschaftsprojektes. „Mehr Hände können mehr bewirken, die Zeiten der Großfamilien sind längst vorbei und warum sich nicht mit gleichgesinnten Menschen verstärken, die vielleicht keinen eigenen Garten haben?“

Auch Kinder können mitwerkeln

Mit Permakultur-Designerin Karin Frank aus Bernau im Chiemgau, die schon etliche Gemeinschaftsgartenprojekte aufgebaut und begleitet hat, habe sie für das heimische Gelände Ideen und Konzepte erarbeitet. Jetzt hofft sie auf Menschen, die tatkräftig mithelfen, um hier vor Ort „ein Gartenparadies zum Wachsen und Blühen zu bringen und uns dann gemeinsam an der Ernte zu erfreuen“.

Vorwissen nicht nötig, nur Tatendrang

Schon bald sollen die ersten Hügelbeete angelegt werden, um sie dann mit sortenfesten Pflanzen zu bestücken. Aufgerufen sind motivierte Mitgärtner, die Lust auf Selbstgepflanztes in ihrem Speiseplan haben. Mitmachen kann jeder, der Freude am Tun hat und bereit ist, sich über eine Gartensaison regelmäßig einzubringen. Um Kosten für Pflanzen, Saatgut und sonstiges Material abzudecken, wird abhängig von der Gruppengröße ein finanzieller Beitrag pro Teilnehmer erhoben. Gegärtnert wird nach Permakultur-Prinzipien, Erfahrung ist nicht notwendig. Erforderliche Techniken und Wissen werden vermittelt. Infos & Kontakt unter 08073/916535 oder info@waldselig.com.

Ihr Sohn kann es kaum erwarten. „Er liebt es, jeden Herbst in unserem Heubeet die Kartoffel zu ernten– das ist wie Ostereiersuchen.“ Ein Gemeinschaftsprojekt sei sicherlich für Kinder auch eine schöne Sache und mache das Mitwerkeln attraktiver.

So freue sich auch die 14-jährige rumänische „Pflegetochter“ auf die Zeit nach den Corona-Beschränkungen. Das Mädchen lebt im Waisenhaus in ihrer Heimat und verbringt seit sieben Jahren drei Monate im Sommer und die Weihnachtsferien bei den Wessiaks in Oberreith.

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