Maxi will - und alle ziehen mit

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Maxi und Joline drücken in der 1b an der Grundschule Happing gemeinsam die Schulbank. Für Joline ist die Behinderung ihres Klassenkameraden mittlerweile kein Thema mehr. Maxi ist so gut integriert, dass er trotz seiner schweren körperlichen Behinderung keine Sonderstellung mehr einnimmt.

Rosenheim/Landkreis - Die Rechtslage ist klar: Auch behinderte Kinder dürfen laut UN-Konvention die Regelschule besuchen. Die Umsetzung aber ist schwierig:

Doch die Umsetzung dieses Zieles der Inklusion, das gesellschaftliche Teilhabe von Anfang an bedeutet, stellt einen hürdenreichen Weg dar. Im Landkreis gibt es deshalb noch keine anerkannte Inklusionsschule, dafür erfolgreich verlaufene Einzelinklusionen.

12.15 Uhr an der Grundschule Happing: Kaum hat der Gong das Unterrichtsende der 1b angekündigt, reißen die Erstklässler die Klassentür auf und erstürmen den Flur. Langsam, aber mittendrin: Maxi Kaffl, sieben Jahre alt, der mit Unterstützung seiner Integrationshelferin zu seinem Rollstuhl läuft. Die Bremsen hat Adrian bereits gelöst, der mit seinem Freund einiges zu besprechen hat - unter anderem eine Verabredung für das Wochenende. Dass Maxi Adrian zwar verstehen, ihm aber nur mit Hilfe seines Sprachcomputers in ganzen Sätzen antworten kann, ist in der 1b kein Thema mehr. Maxi, der nach einer Cerebralparese durch Sauerstoffmangel bei der Geburt körperlich schwer behindert ist, nimmt auch zur Freude von Klassenlehrer Bernhard Niedermayer nur noch dann eine Sonderstellung in der Klasse ein, wenn es gilt, ihn im Rollstuhl zu schieben. "Maxi ist ein gleichwertiger Partner, er wird nicht verhätschelt", betont auch seine Integrationshelferin, Diplom-Konduktorin Rita Mechtl.

Maxi Kaffls Einzelinklusion an der Grundschule Happing ist ein gelungenes Beispiel, doch nach wie vor ein glücklich verlaufener Einzelfall. Denn hinter dem Erfolg stehen vor allem engagierte Personen: Eltern, die nicht locker gelassen haben bei der Verwirklichung ihres Wunsches nach Eintritt in die Regelschule vor Ort und denen es gelungen ist, eine pädagogische Fachkraft als Integrationshelferin vom Bezirk Oberbayern genehmigt zu bekommen. Maxi hatte im Kindergartenalter das Konduktive Förderzentrum Rosenheim besucht und wurde dort auf ein möglichst selbstständiges späteres Schulleben vorbereitet. Hinter der erfolgreichen Einzelinklusion stehen auch eine engagierte Happinger Schulleitung, die bereits über sechsjährige Erfahrung mit Kooperationsklassen aus Förderzentren verfügt, und ein Klassenlehrer, der die Aufnahme eines schwer behinderten Kindes nicht als Belastung, sondern als Chance für das soziale Lernen betrachtet.

Aussonderungen darf es nicht mehr geben

Doch auch Maxi stellt ein typisches Kind dar, das von der Inklusion profitiert: "Er will", sagt seine Mutter Andrea Kaffl. "Maxi ist ehrgeizig, versteckt sich nie hinter seiner Behinderung", berichtet Klassenlehrer Niedermayer.

Maxis gelungene Inklusion an der Regelschule ist nach Erfahrungen von Schulrätin Helga Wichmann vom Staatlichen Schulamt jedoch nicht eins zu eins auf jedes behinderte Kind übertragbar. "Wir wollen die Inklusion und unterstützen sie mit aller Kraft, doch es gibt auch Kinder, die sich in einer Förderschule wohler fühlen." Jeder Einschulung - in die Regel- oder in die Förderschule - müsse eine individuelle Beratung der Eltern, abgestimmt auf die Bedürfnisse ihres Kindes, vorangehen. Das sieht auch die Behindertenbeauftragte des Landkreises, Anita Read, so: "Eltern wissen am besten, was gut für ihr Kind ist." Wünschen sie eine Einschulung in die Regelgrundschule, haben sie darauf ein Recht - auch, wenn ihr Kind geistig oder mehrfach behindert ist. "Aussonderungen" aufgrund eines nicht ausreichenden Intelligenzquotienten, nach ihrer Erfahrung nach wie vor an der Tagesordnung, darf es nicht mehr geben.

Die Inklusion wird zum Bedauern von Anita Read jedoch nach wie vor auch durch räumliche Probleme erschwert. Nicht alle Schulträger hätten die im Rahmen der Konjunkturprogramme gegebene Chance, die Bildungseinrichtungen auch Richtung Barrierefreiheit zu sanieren, genutzt. Auch die finanzielle Ausstattung - etwa für die Bereitstellung von Schulbegleitern - sei nicht ausreichend, der bürokratische Prozess der Antragstellung eine große Hürde. Die Lehrkräfte müssten zudem intensiv fortgebildet werden. "Viele Lehrer sehen die Chancen nicht, die in einem behinderten Schüler stecken", mahnt die Behindertenbeauftragte ein Umdenken an. Wilde Klassenverbände entschleunigten sich, wenn ein gehbehindertes Kind dazu gehört, schwächere nichtbehinderte Schüler fühlen sich besser angenommen.

"Wir sind regelrecht dankbar für die Chance, eine ausgelagerte Partnerklasse aus dem Förderzentrum Aschau mit behinderten Kindern bei uns zu haben", bestätigt der Bad Feilnbacher Schulleiter Gerhard Walch. In seiner Mittelschule drücken Sechstklässler in den musischen Fächern mit Petö-Kindern gemeinsam die Schulbank. "Die ganze Schulfamilie profitiert von der Partnerschaft!"

Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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