"An China wird künftig niemand vorbeikommen"

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David Morber mit seinen chinesischen Schülerinnen, von denen einige inzwischen schon in Deutschland sind.

Reichertsheim - Für ein Freiwilliges Soziales Jahr war David Morber aus Reichertsheim in China und berichtete regelmäßig unter der Rubrik "Grüße aus Beijing". Jetzt ist er zurück.

Frage: Hallo Herr Morber: Schon wieder "Heimweh" nach China?

David Morber: Naja, eine gewisse Sehnsucht nach China, Peking und der großen Freiheit spüre ich manchmal schon, Fernweh eben. Aber inzwischen habe ich ja mein Studium begonnen, das in direkter Verbindung zu China steht: Ich studiere an der Wirtschaftsfakulät der KU Eichstätt in Ingolstadt internationale Betriebswirtschaft. Dort habe ich auch die Möglichkeit, noch weiteren Chinesisch-Unterricht zu besuchen.

Frage: Ist Ihnen das Jahr schnell vergangen oder gab es auch Durchhänger?

David Morber: Ich habe in Peking wirklich gute Freunde fürs Leben gefunden: Auf der einen Seite mein FSJ-Kollege Simon und die Amerikanerin Rachel, mit denen ich zusammen wohnte und viel Zeit verbracht habe. Was haben wir alles zusammen durchgemacht: Stromausfälle, Liebeskummer, Freizeitstress und einfach mal gemütlich zusammen Essen gehen. Auf der anderen Seite waren die Schüler und Schülerinnen oder andere chinesische Freunde, die ich zum Beispiel über Fußball spielen und andere Freizeitaktivitäten kennengelernt habe. Auf alle Fälle ist das Jahr schnell vergangen. Gerade in China angekommen, eingelebt, Freunde gefunden, Chinesisch gelernt ... tja und dann hieß es bald schon wieder Abschied nehmen.

Frage: Wurden Ihre Erwartungen erfüllt?

David Morber: Voll und ganz. Wenn ich jetzt noch einmal die Wahl hätte, dieses freiwillige soziale Jahr in China zu machen, würde ich mich jederzeit wieder dafür entscheiden. Ich habe ja nicht nur gelernt, mich auf Chinesisch zu verständigen, sei es beim Einkaufen, mit Freunden oder in der Arbeit. Ich war in Peking auch ganz alleine für mich verantwortlich, musste selber für mich sorgen und mich in einer anderen Kultur zurecht finden. Mit diesen Erfahrungen fühle ich mich jetzt auch bestens gerüstet für das Studium.

Frage: Wie ging es Ihnen denn mit dem Kontakt in die Heimat?

David Morber: Der lässt sich ja heutzutage ganz einfach über E-Mail oder Skype halten.

Frage: Aber Ihre E-Mails an die Redaktion sind nicht immer angekommen. Haben Sie denn von der chinesischen Zensur etwas gespürt?

David Morber: Das war wohl eher Zufall, ich habe jedenfalls von Zensur nichts gemerkt. Sicher: Man kommt nicht auf Facebook oder Twitter, und auch andere Seiten im Internet sind in China gesperrt. Aber im Alltag waren die Einschränkungen für mich nicht präsent, und auch für die jungen Chinesen ist das kein Thema.

Frage: Haben Sie noch Kontakt zu Ihren "Schülern"?

David Morber: Viele meiner ehemaligen Schüler sind jetzt entweder bereits in Deutschland oder in den Vorbereitungen dafür. So habe ich mich auch schon mit einer ehemaligen Schülerin und sehr guten Freundin in München getroffen. Sie ist mittlerweile Au-pair in der Nähe von Ulm und möchte nach diesem Jahr noch in Deutschland studieren.

Frage: Nochmal zurück zum Thema Zensur und Freiheit. War der Friedensnobelpreis für Liu Xiaobo ein Thema in China?

David Morber: Überhaupt nicht, davon wissen die Menschen in China nichts. Liu Xiaobo ist dort auch wenig bekannt. Und auch die Demokratiebewegung spielt im Alltag keine Rolle. Für mich ist auch die Frage, ob ein demokratisches China funktionieren würde. So einfach kann man westliche Modelle nicht nach China transportieren.

Frage: Was waren denn Ihre wichtigsten Erfahrungen?

David Morber: Ich habe in diesem Jahr tiefe Einblicke in die für uns meist doch so fremde und unterschiedliche chinesische Kultur gewonnen. Beispielsweise verbrachte ich das chinesische Neujahr in einer Familie, wo ich hautnah die chinesische Feuerwerkskunst, Familienaktivität, Karaoke und traditionelle chinesische Gerichte erleben durfte. Außerdem hatte ich auch die Möglichkeit, viel in China zu reisen. Ich verbrachte eine schöne Zeit in Shanghai, auf der Insel Hainan, dem chinesischen Hawaii, und der Küstenstadt Dalian im Norden. Vom stundenlangen Anstehen auf der Expo über chinesische Badekultur mit Zigarette und Bier bis zum Bauchnabel im Wasser bis zum romantischen Sonnenuntergang mit Feuerwerk am Strand unter Palmen war alles dabei. Ich denke, ich kann durchaus von mir behaupten, in diesem Jahr selbstständiger, erwachsener und vor allem offener für andere Denkweisen und fremde Kulturen geworden zu sein.

Frage: Gibt es schon neue China-Pläne?

David Morber: Mein Studium ist so angelegt, dass man die ersten zweieinhalb Jahre in Ingolsadt verbringt und anschließend weitere eineinhalb Jahre an einer Partner Universität in Shanghai.

Frage: Ihr Fazit des Jahres?

David Morber: Ich bin froh, dieses freiwillige soziale Jahr gemacht zu haben und werde diese wundervolle Zeit in Peking nie vergessen. Und ich bin überzeugt, dass China sicher noch bedeutender wird in der Welt und künftig eigentlich niemand mehr daran vorbeikommt.

koe/Wasserburger Zeitung

Quelle: rosenheim24.de

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