Mutter und Kind - im Klinikum vereint

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Gerda Laur-Gebhardt (rechts) erläuterte den Teilnehmern an der Jubiläumsveranstaltung zum zehnjährigen Bestehen der Mutter-Kind-Einheit das pädagogische Konzept.

Wasserburg - Psychisch kranke Mütter leiden doppelt: unter ihrer Krankheit und dass diese es ihnen oft nicht ermöglicht, ihr Kind adäquat zu versorgen oder eine intensive Beziehung aufzubauen.

Die Mutter-Kind-Einheit im Inn-Salzach-Klinikum, die heuer ihr zehnjähriges Bestehen feiert, widmet sich dem in frühen Jahren am besten nicht zu trennenden Duo: Mutter und Kind.

Traumatische Erlebnisse in der Kindheit, Depressionen, Arbeitslosigkeit, Partnerschaftsprobleme: Die Patientin befand sich an einem dramatischen Tiefpunkt, als sie in der Mutter-Kind-Einheit im Inn-Salzach-Klinikum Wasserburg aufgenommen wurde. Heute hat sich die psychische Grunderkrankung so weit stabilisiert, dass die Patientin wieder ein selbstständiges Leben führen kann. Sie hat ein Auto gekauft, eine Arbeit gefunden, die Differenzen in der Beziehung konstruktiv gelöst, berichtete das Team der Mutter-Kind-Einheit beim Festakt aus Anlass des zehnjährigen Bestehens der Station. Was die frühere Patientin jedoch am meisten freue, sei das gute Verhältnis zu ihrem Kind, von dem sie sich trotz stationären Aufenthalts in der Allgemeinpsychiatrie nicht habe trennen müssen.

Der Fall aus dem Alltag der Station zeigt, wie wichtig es ist, psychisch erkrankten Müttern die Möglichkeit einer gemeinsamen Aufnahme mit ihren Kindern zu ermöglichen. Nur 18 Prozent der psychiatrischen Kliniken in Deutschland bieten diese Chance, bedauert Professor Dr. Gerd Laux, ärztlicher Direktor des Inn-Salzach-Klinikums.

Hier entstand vor zehn Jahren eine der ersten Mutter-Kind-Einheiten in Freistaat. Acht Betten umfasst die Einheit offiziell, was rein rechnerisch nicht stimmt: Denn in jedem Patientinnenzimmer steht noch ein zweites Kinderbett. Wickelkommode, Laufstall, Buggy, Krabbeldecke, Puppen, Plüschtiere und Spielzeug weisen darauf hin, dass hier die Patientin als Mutter mit ihrem Kind zu sehen ist. Es ist lauter als auf anderen Stationen, weil Kleinkinder über die Flure toben oder fröhlich lachend in der Bastelecke einen Osterschmuck herstellen. Die Atmosphäre ist familiär, die Gestaltung der Räume bunt. Es gibt sogar einen kleinen Spielplatz im Freien.

420 Frauen mit ein bis zwei Kindern bis zum Schulalter, die selber gesund sein müssen, sind hier nach Informationen von Oberärztin Dr. Mirijam Fric in den vergangenen zehn Jahren behandelt worden. Das entspreche aufgrund von Wiederaufnahmen 485 Fällen. Knapp die Hälfte der Patientinnen komme nicht aus dem Einzugsgebiet des Inn-Salzach-Klinikums, sondern aus ganz Deutschland.

Das Krankheitsspektrum der Patientinnen reicht nach Angaben von Fric von Depressionen bis zu neurotischen, von Persönlichkeits- bis zu Belastungsstörungen sowie schizophrenen Psychosen. Viele Frauen leiden auch unter den sogenannten Wochenbettdepressionen, an denen laut Chefarzt Laux etwa zehn bis 15 Prozent der jungen Mütter in den ersten Monaten nach der Geburt erkranken. Ihnen fällt es besonders schwer, eine frühe Mutter-Kind-Beziehung aufzubauen.

Schon gesunde Mütter quälen sich mit der Frage: Bin ich eine gute Mutter? Psychisch Kranke haben diese Frage oft vorschnell mit einem klaren Nein für sich beantwortet, berichtet Diplom-Psychologin Elena Schaaf aus der Therapiearbeit. "Wir versuchen auch den Blick der Mütter zu schärfen auf das, was gut funktioniert, und nicht immer nur auf das, was nicht." Fast 90 Prozent der Mütter sind nach einer medizinisch-psychologischen Behandlung auf einer Mutter-Kind-Einheit in der Lage, ihr Kind adäquat zu versorgen, freut sich Laux.

Erzieherinnen wie Gerda Laur-Gebhardt betreuen nicht nur die Babys und Kinder bis zu sechs Jahren während der Therapien der Mutter, sie vermitteln dieser auch Tipps für die Pflege, Ernährung und Erziehung. Während solche Ratschläge helfen, Unsicherheiten im Umgang mit dem Kind abzubauen, geht es beim Erlernen der Babymassage darum, eine emotionale Bindung zu entwickeln.

Damit die Mütter nach dem stationären Aufenthalt nicht in ein tiefes Loch fallen, erhalten sie ein umfangreiches Entlassmanagement. Der Sozialdienst hilft laut Sozialpädagogin Susanne Koblechner bei der Suche nach einer Wohnung und einer Arbeit sowie bei Behördengängen, vermittelt medizinischen Nachbetreuung oder an sozialpsychiatrische Dienste weiter.

Trotz guter Behandlungs- und Wiedereingliederungserfolge gibt es jedoch zum Bedauern von Laux und Fric nach wie vor zu wenig Mutter-Kind-Betten in Deutschland. Auch die Finanzierung sei unbefriedigend geregelt: Die Krankenkassen würden nur die Behandlung der kranken Mütter vergüten. Sie ohne ihre Kinder zu therapieren, ist jedoch nach Erfahrungen des multiprofessionellen Teams in Wasserburg kontraproduktiv: Eine frühe Trennung erschwert nicht nur den Genesungsprozess der Mutter, sondern kann sich auch negativ auf ihr Kind auswirken, warnt das Personal.

duc/Wasserburger Zeitung

Quelle: rosenheim24.de

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