Nach 60 Jahren den Vater im Arm

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Die erste Umarmung nach 60 Jahren: Vater und Sohn tief bewegt.

Wasserburg - Wie wäre das: Kurz vor dem 60. Geburtstag endlich den Vater kennenlernen, dazu sieben Geschwister, Neffen, Nichten – eine ganze große Familie, noch dazu in Frankreich? Für Heinz Forstmaier war es „das Beste, was mir in meinem Leben je passiert ist.“

1. September 1939: „Seit 5.45 Uhr wird zurückgeschossen“ schnarrte Adolf Hitler in das Mikrofon des Reichtages in Berlin. Der Überfall auf Polen vor 70 Jahren war der lange vorbereitete erste Schritt in das unsägliche Morden des Zweiten Weltkrieges: 55 bis 60 Millionen Tote, darunter sechs Millionen Juden und vier Millionen als „unwert“ abgestempelte Menschen, die systematisch vernichtet wurden. Dazu Zerstörung unermesslichen Ausmaßes, Vertreibung, Not, Leid bis fast in jede Familie. Zum Beispiel die von Heinz Forstmaier. 1945 muss die Mutter in Landshut ihre Tochter alleine mit der Arbeit auf einem Bauernhof durchbringen. Ihr Mann ist bereits seit Jahren im Krieg. Seit 1940 ist auch ein junger Kriegsgefangener aus Frankreich in der Landshuter Gegend, zuletzt auf demselben Bauernhof. Es entwickelt sich eine Liebe – mit Folgen: Als der „Fremdarbeiter“ im April 1945 vor Kriegsende völlig überraschend abgezogen wird, ist Maria Forstmaier im zweiten Monat schwanger, der werdende Vater weiß nichts davon.

Auch der kleine Heinz erfährt nichts von seiner Abstammung, sein namensgebender Stiefvater, 1947 aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt, lässt den Buben keine Vorbehalte spüren. Erst Weihnachten 1966 stellt eine Tante plötzlich eine Frage, die Heinz Forstmaier die folgenden Jahrzehnte nicht mehr loslassen soll: „Hast Du eigentlich Kontakt zu Deinem richtigen Vater?“ „Es war ein totaler Schock“, erinnert sich Heinz Forstmaier – „andererseits aber auch ein Stück Befreiung.“ Denn so richtig als Niederbayer habe er sich noch nie gefühlt. Und als er zum ersten Mal kurzfristig als Dressman einspringt und danach die Rückmeldung erhält: „Du läufst über den Laufsteg wie ein Franzose“ – da trifft ihn das tief. Dabei weiß seine Umgebung nicht mehr als er selbst, die Mutter hat absolutes Stillschweigen verordnet. Nur in winzigen Versatzstücken lüftet sich der Schleier ein wenig. Es gibt Andeutungen von der „großen Liebe“ seiner Mutter, von einem „Jaso“, wie sein Vater eingedeutscht genannt worden sei. Was war das für ein Mensch? Wie war das damals? Diese Fragen bleiben offen.

Viele Jahre später, als der Stiefvater gestorben war, gibt ihm dann seine Mutter ein Bild, das einzige, das sie hat. Auf der Rückseite findet sich ein Name: „Hyacinthe Dumont“. Heinz Forstmaier, inzwischen Inhaber eines Herrenmode-Geschäfts in Wasserburg, nimmt die Nachforschungen wieder auf, die bis dahin immer im Sande verlaufen waren: Die französischen Behörden verweigerten in solchen Fällen die Kooperation, wohl auch um finanzielle Forderungen an die ehemaligen Kriegsgefangenen zu verhindern. Erst 2004 werden die Archive geöffnet. In diesem Jahr unternimmt der Halbfranzose wieder einmal einen Anlauf, vom Erlebnis eines Bekannten angestoßen, der in Frankreich auf einen deutsch grüßenden ehemaligen Kriegsgefangenen getroffen war. Auf Umwegen über eine Regierungsstelle in Berlin und das Internationale Rote Kreuz in Genf landet seine Anfrage schließlich beim französischen Roten Kreuz. Nach Monaten kommt von dort ein Brief nach Wasserburg, dürre drei Zeilen, natürlich französisch. „Malade“ ist das einzige Wort, das der inzwischen fast 60-Jährige versteht. Er ist tief enttäuscht – wieder nichts.

Fotos: So begann der Zweite Weltkrieg

So begann der Zweite Weltkrieg

Doch dann ergibt die Übersetzung: Der Vater lebt, sei aber krank und wünsche keinen Kontakt. Nachdem sich Heinz Forstmaier von diesem Tiefschlag wieder aufgerappelt hat, nimmt er Kontakt zum DRK-Suchdienst in München auf. Vielleicht, so seine Hoffnung, könnte er wenigstens einen persönlichen Brief schicken, klar machen, dass er kein materielles Interesse habe, sondern eben „nur“ seinen Vater kennenlernen möchte. Von der Fachstelle, die seit Kriegsende dabei hilft, Familien zusammenzuführen und Schicksale zu klären, holt er sich erst einmal eine Abfuhr: „Wollen Sie vielleicht eine intakte Familie in Frankreich zerstören?“ Schließlich aber unterstützt ihn das DRK doch – mit Erfolg: Auf die offenen Zeilen, abgefasst mit Hilfe der Frau, viel Bauchweh und Herzschmerz, antworten ihm seine Halbgeschwister mit einem Foto. Und nach weiterer Korrespondenz und einem Familienrat gibt es endlich die heiß ersehnte Einladung nach Versonnex in Hochsavoyen.

„Das war alles so heftig, das kann man sich kaum vorstellen“, so Heinz Forstmaier: Das Treffen wird zu einem Fest, bei dem viele Tränen fließen. Vater und Sohn liegen sich nach 60 Jahren erstmals in den Armen, alle Verwandten wollen den ältesten Nachkommen des Vaters kennenlernen. Sprachbarrieren werden mit Händen und Füßen überwunden, es wird endlos französisch getafelt, in zahllosen Wohnungen zusammengesessen. Seither hat sich viel getan. Der Vater, schon beim Kennenlernen in einem Pflegeheim, ist gestorben – es war wirklich die letzte Chance zur Begegnung. „Einz“ hat ein wenig Französisch gelernt, er telefoniert regelmäßig vor allem mit seinen Schwestern und dem jüngsten Bruder, ist Teil der Familie geworden. Laufend gibt es Besuche hier und dort – „und Tränen fließen immer noch, nicht nur beim Abschied“, so der gestandene Geschäftsmann.

Er hat lange gebraucht, bis er über seine Geschichte sprechen konnte, ist sie doch mit vielen Gefühlen verbunden. Inzwischen aber sieht er vor allem den Riesengewinn – und die Chance, die es vielleicht auch für andere Opfer der Kriegswirren immer noch geben könnte, selbst 70 Jahre nach Kriegsbeginn: „Es ist einfach wichtig, zu wissen, was wirklich passiert ist, wo man eigentlich herkommt. Für mich war es auf alle Fälle eine große Befreiung.“

Karl Königbauer/Wasserburger Zeitung

Quelle: rosenheim24.de

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