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"Naturparcours" als Meisterstück

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Landwirtschaft und Natur zum Anfassen: Bernadette Unterhuber ermöglicht ihren jungen Besuchern spannende und lehrreiche Einblicke in die Landwirtschaft.

Wasserburg - Spiel und Spaß für Kinder verspricht der "Naturparcours" in Weikertsham. Für Organisatorin Bernadette Unterhuber geht es dabei um ihren Meisterbrief der Hauswirtschaft.

Zehn Kinder sind an diesem Sommernachmittag im Rahmen des Ferienprogramms gekommen und blicken gespannt auf die verschiedenen Stationen im Garten des landwirtschaftlichen Anwesens. Ausgerüstet mit aus einem Gummistiefel und Holzstiel bestehenden Schläger müssen sie in einer Art Minigolf versuchen, den Parcours mit möglichst wenigen Schlägen zu meistern. Es gilt, den Ball durch eine Hecke zu spielen, Hindernisse mit geschickten Schlägen zu überwinden oder das Ziel in einer Kälberbox zu treffen. Ganz nebenbei lernen die Kinder dabei Wissenswertes und Ungewöhnliches über das Leben auf dem Bauernhof. Was genau ist eigentlich Stroh? Wo wachsen Äpfel und Johannisbeeren? Wie wurde in früheren Zeiten das Heu geerntet? Besonderer Höhepunkt für die jungen Besucher ist Kälbchen "Bernhard", das sich geduldig streicheln und bestaunen lässt.

Bernadette Unterhuber ist sichtlich erfreut über die positive Resonanz der Kinder, welche mit vollem Einsatz von Station zu Station ziehen. Die 22-Jährige hat ihren Naturparcours am elterlichen Hof ganz bewusst nach dem Motto "Lernen ohne Zwang" angelegt. Ein bisschen Aufregung schwingt dabei dennoch mit, schließlich ist die seit vielen Wochen vorbereitete, ganz besondere Ferienaktion ihr offizielles Arbeitsprojekt, welches im kommenden Januar von einer Prüfungskommission streng bewertet werden und mit über die Erlangung des Meistertitels der Hauswirtschaft entscheiden wird.

Da muss selbstverständlich alles passen: angefangen von der vollständigen und fristgerechten Beantragung des Projekts sowie einem genauen Strukturplan, der Absprache mit den zuständigen Ämtern oder Behörden bis hin zur Durchführung, Bewertung und detaillierten Dokumentation. So hat Bernadette Unterhuber sich etwa beim Ordnungsamt nach den rechtlichen Voraussetzungen für ihr Programm erkundigt und sogar das Gesundheitsamt kontaktiert, da sie für ihre jungen Besucher selbstgebackenen Kuchen vorbereitet. "Jeder Gedankengang muss aufgeschrieben, die einzelnen Entwicklungsschritte des Projektes genau begründet und mögliche Kritikpunkte der Teilnehmer bewertet werden", erzählt sie. Zudem sei es unverzichtbar, aussagekräftige Fotos zur besseren Veranschaulichung zu machen. Spätestens bis Januar muss die umfangreiche, schriftliche Dokumentation eingereicht werden.

Anne Bruckmeier, Leiterin der Abteilung Hauswirtschaft an der Landwirtschaftsschule Rosenheim, ist stolz, dass ihre Schule der bayernweit einzige Standort ist, an welchem gelernte Hauswirtschafterinnen in einer dreisemestrigen Vollzeitausbildung den Meistertitel erwerben können. "Das hat den großen Vorteil, dass unsere Schüler während der Ausbildung auch umfangreiche Praxiserfahrungen sammeln können." Bei der klassischen Meisterlehre, die sonst in Lehrgangsform ablaufe, gehe dies meist unter und fehle den Absolventen dann für den Berufseinstieg. "Die meisten Arbeitgeber fordern aber mittlerweile zwingend Praxiskompetenz von den Bewerbern", weiß Anne Bruckmeier aus Gesprächen mit Personalleitern. Die Meisterinnen der Hauswirtschaft erwerben an ihrer Schule zugleich auch den Abschluss als staatlich geprüfte Wirtschafterinnen für landwirtschaftliche Haushalte und sogar den allgemeinen Hochschulzugang.

Kritik äußert Bernadette Unterhuber an der, aus ihrer Sicht, mangelhaften Betreuung durch Lehrkräfte und Prüfer während der Durchführung des praktischen Arbeitsprojekts. Während beispielsweise die Meisteranwärter der Landwirtschaft in der Projektphase von Betreuern mehrmals besucht und bezüglich ihres Projekts beraten würden, "lässt man uns ganz alleine." Ihre Mitschülerin Christine Voglsamer aus Rechtmehring kann ihr da nur beipflichten. Sie organisiert im Rahmen ihrer Projektarbeit einen Kurs für Herbstkränze und -gestecke, der sich ganz bewusst an Erwachsene ohne Erfahrung in derartiger Tradition richtet. "Die Durchführung wird da kein Problem werden, aber ich weiß nicht wirklich, wie ich das aufs Blatt bringen soll, damit es passt." Zwar werde während der Ausbildung schon auf das Arbeitsprojekt eingegangen, aber eine Unterstützung während der praktischen Phase fehle vollständig.

Hinter ihrer Ausbildung stecke ein enormer Arbeits- und Lernaufwand. "Da kann es doch nicht sein, dass wir in unseren Semesterferien das Projekt organisieren sollen und dann möglicherweise wegen Formfehlern durchfallen, die mit einer Lehrerin schon bei einem einmaligen Besuch besprochen und ausgemerzt werden hätten können", sind sich die beiden Meisteranwärterinnen einig.

Schulleiterin Anne Bruckmeier ist diese Problematik bekannt, doch ihr sind aufgrund der strengen Prüfungsordnung seit Jahren die Hände gebunden. Diese sei Bundesangelegenheit und werde von verschiedenen Ministerien sowie den zuständigen Berufs- und Landwirtschaftsverbänden festgelegt. "Man fordert dort die selbstständige Arbeitsweise der Schülerinnen. Aber natürlich wäre es durchaus begrüßenswert, wenn eine Unterstützung der Projektphase seitens der Schule nicht gänzlich ausgeschlossen würde. Da sehe ich in der Zukunft gute Chancen für einen Kompromiss", erklärt Anne Bruckmeier.

Während sich die Aussichten für Berufseinsteiger in anderen Branchen eingetrübt haben, ist der Arbeitsmarkt in der Sparte der Hauswirtschaftsmeisterinnen seit Jahren stabil. Die möglichen Aufgaben sind vielfältig und von Stellen als Hauswirtschaftsleitung in Pflegeeinrichtungen oder Hotelbetrieben bis hin zur selbstständigen Tätigkeit bieten sich zahlreiche Perspektiven. "Und auch die Chancen auf dem Heiratsmarkt steigen durch die in unserer Ausbildung gelernten Fähigkeiten deutlich. Da macht man bei den meisten Männern heutzutage richtig Eindruck", meint Christine Voglsamer mit einem Grinsen.

Bernadette Unterhuber hat ihren jungen Besuchern unterdessen zum erfolgreichen Absolvieren des Naturparcours gratuliert und jedem Kind zur Belohnung ein kleines Andenken überreicht. Was sie mit ihrem Meistertitel dann künftig machen möchte? "Auf jeden Fall im ländlichen Raum bleiben und vielleicht später einmal Lehrlinge ausbilden".

Kinder und Erwachsene können den von Donnerstag bis Sonntag jeweils zwischen 10 und 16 Uhr geöffneten, "Golfplatz der anderen Art" in Weikertsham noch bis zum 4. September besuchen.

Georg Reinthaler (Wasserburger Zeitung)

Quelle: rosenheim24.de

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