Neue Quelle für Hochwasserstreit

+
Viele blaue Überschwemmungsflächen und rot eingezeichnete Häuser finden sich in der Karte für ein hundertjährliches Hochwasser der Ebrach, die das Wasserwirtschaftsamt berechnet hat und die jetzt öffentlich im Gemeindeamt aushängt.

Edling - Wie überschwemmungsgefährdet ist der Edlinger Ortskern? Ein aktuelles Gutachten dazu lässt einen lange andauernden Streit zwischen der Gemeinde und einem Anwohner erneut aufleben.

Was passiert mit den angrenzenden Grundstücken und Häusern, wenn die kleine Ebrach aufgrund starker Regenereignisse ein so genanntes hundertjährliches Hochwasser führt? Die Antwort auf diese Frage liefert nun erstmals eine detaillierte grafische Darstellung des Wasserwirtschaftsamtes, welche seit Ende Juni öffentlich in der Gemeindeverwaltung aushängt. "Es waren seitdem auch schon einige interessierte Bürger bei uns und wollten sich informieren", so Bürgermeister Matthias Schnetzer.

Solche Gutachten gibt es mittlerweile nicht nur für Edling, sondern auch für die übrigen Gemeinden, durch die die Ebrach fließe. Zunehmende Starkregenereignisse hätten das Wasserwirtschaftsamt Rosenheim dazu veranlasst, den Kommunen Gutachten für verschiedenste Gewässer vorzuschreiben. "Wir sind froh, dass es jetzt eine solche Karte für Edling zur Veranschaulichung gibt. Noch dazu, weil sie von externen Fachleuten erstellt wurde und somit neutral ist", erklärt Matthias Schnetzer.

Der sieht für die Gemeinde aktuell keine grundlegend neue Situation: Der Ortskern sei schließlich schon immer so bebaut gewesen und bei Bauvorhaben im Überschwemmungsgebiet müssten bereits seit Jahren strengere Auflagen des Wasserwirtschaftsamtes eingehalten werden. "Bauen in diesen Gebieten ist nicht grundsätzlich ausgeschlossen, aber längst nicht mehr so einfach." Er könne daher von einem Fall berichten, bei welchem ein Gebäude bereits extra erhöht gebaut werden muss, und ein Grundstücksbesitzer habe aufgrund der bekannten Überschwemmungsgefahr Schwierigkeiten bei der Vermarktung seiner Fläche.

Auch die im Jahr 2008 fertiggestellte neue Pumpstation unterhalb der Birkenstraße wäre nach Berechnungen der Experten des Wasserwirtschaftsamtes im Falle eines größeren Hochwassers betroffen. Dieser Bau sei von Beginn an rechtlich abgesichert gewesen, es habe zahlreiche Unterredungen mit dem Rosenheimer Amt gegeben und sämtliche Auflagen seien eingehalten worden, betont Matthias Schnetzer. Zudem wären sämtliche technische Einrichtungen freigelegt und erhöht angebracht, was die Funktionssicherheit bei Überschwemmungen garantiere. Die Störanfälligkeit und zu geringe Leistungsfähigkeit der alten Anlage hätten die Gemeinde damals veranlasst, den Neubau umzusetzen. Und da sei es nun einmal sinnvoll, eine Pumpstation am tiefst möglichen Punkt zu platzieren, um die gewünschte Funktion erreichen zu können. "Wir können ein Hochwasser ja leider nicht verhindern. Wenn es kommt, dann kommt es", meint Matthias Schnetzer.

"Vorsätzlich Menschen gefährdet"

Ganz anders sieht das Helmuth Meixner. Er wirft der Verwaltung sowie dem Gemeinderat nicht nur Fahrlässigkeit, sondern gar Vorsatz vor. In einer aktuellen E-Mail zählt er "unausweichliche Folgen für die Abwasserentsorgung, Schäden an Gebäuden und anderen Sachwerten, Gefährdung des Trinkwassers, ja sogar die wahrscheinliche Gefährdung von Menschenleben" vor.

Hintergrund ist ein Streit, der zuletzt 1986 eskalierte, als die neue Pumpstation gebaut wurde. Edling sei seit jeher durch Hochwasser gefährdet, aber von seinen seit mehr als 20 Jahren vorgebrachten Warnungen würde keine Notiz genommen, so Meixner. Schon im Zeitraum von den 1920er- bis zu den 1940er-Jahren und 1954 hätten mehrere Hochwässer Edling heimgesucht, wie das Gemeindebuch von 1987 eindrucksvoll belege. Man könne nicht unentwegt neue Baugebiete ausweisen und damit natürliche Abflusswege der Ebrach verbauen. "Es ist niemandem damit gedient, wenn er sein Haus in ein Überschwemmungsgebiet baut und das vorher nicht weiß."

Einen besonders neuralgischen Punkt sieht Helmuth Meixner in einer kleinen Brücke in der Birkenstraße. Hier müsse das gesamte Hochwasser der Ebrach durchfließen, da außenherum alles verbaut sei. Aufgrund der örtlichen Gegebenheiten sei dies jedoch nicht möglich und die Wassermassen suchten sich zwangsläufig ihren Weg über die Birkenstraße. "Die Gemeinde macht mit den genehmigten Baumaßnahmen aus den verbliebenen Ablaufbereichen ein einziges großes Staubecken." Nun hänge die offizielle Kartierung des Wasserwirtschaftsamtes aus und es stelle sich leider heraus, dass er recht habe, so Meixner. Das Kanalsystem wäre im Katastrophenfall überfordert, da in den letzten Jahren immer wieder neue Ortsteile mit modernen Leitungen angeschlossen worden seien, aber das schwächste Glied, ein viel zu geringer Querschnitt des Rohres in Richtung der Wasserburger Kläranlage, sei unverändert geblieben.

Gerade, wenn das Hochwasser nachts innerhalb kürzester Zeit käme, hätten Kinder und ältere Menschen keine Möglichkeit mehr, die hier vorhandenen Kellerwohnungen rechtzeitig zu verlassen. Sein Vorschlag, die Birkenstraße bei früheren Bauarbeiten tieferzulegen und dadurch eine zusätzliche Abflussmöglichkeit für das Wasser zu schaffen, sei ignoriert worden. Außerdem könne niemand garantieren, dass das neue Pumpengebäude, welches laut des Gutachtens komplett unter Wasser stünde, nicht beschädigt werde und dadurch die Maschinen ausfielen.

Helmuth Meixner bezeichnet die Bauvorgänge der letzten Jahre als "Schildbürgerstreich" und verweist auf den Landkreis Ebersberg, wo man die Gefahr erkannt und im Bereich der Ebrach umfangreiche Schutzmaßnahmen getroffen habe. Er möchte nun eine Aufklärung der Öffentlichkeit erwirken und hat deshalb eine öffentliche Gemeinderatssitzung mit neutralen Behörden und Experten beantragt.

Georg Reinthaler/Wasserburger Zeitung

Quelle: rosenheim24.de

Zurück zur Übersicht: Region Wasserburg

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser