Was nicht im Kirchenführer steht

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Der heilige Claudius auf dem Scheiterhaufen: Ein Scherge legt gerade Holz nach auf dem Bild von Andreas Wolf, entstanden 1703. Fotos

Altenhohenau - Mit angeblichen Gebeinen, einem Bild des heiligen Claudius und anderen Besonderheiten der Klosterkirche hat sich Heimatpfleger Ferdinand Steffan etwas intensiver beschäftigt.

Wer einen der üblichen Kirchenführer zur Klosterkirche von Altenhohenau aufschlägt, wird für den nördlichen Seitenaltar die magere Angabe lesen: "Das von einem unbekannten Barockmeister stammende Gemälde... zeigt den römischen Martyrer St. Claudius, dessen Gebeine 1700 nach Altenhohenau kamen...", wärend für das Gemälde des südlichen Seitenaltares immerhin der berühmte Matthäus Günther (nicht verwandt zum Schnitzer Ignaz Günther der Skulpturen in dieser Kirche) angegeben wird. Und da der Claudius-Altar mit seiner Konstruktion und den seitlichen Figuren von Ignaz Günther um 1767 geschaffen wurde, hat man auch das Bild in diese zeitliche Nähe gebracht.

Wer jedoch etwas von der Seite her hinter den Schrein blickt, wird unschwer die Meistersignatur und Datierung des Bildes erkennen: "A. Wolff" und "1703". Bei diesem Künstler handelt es sich um den berühmten Münchner Hofmaler Andreas Wolf (auch Wolff geschrieben, München 1652 bis 1716), einen der produktivsten Barockmaler, der eine Fülle von Altarbildern für Kirchen Altbayerns, Schwabens und Oberösterreichs geschaffen hat.

Nur zum geringen Teil aus Knochen bestehen die Claudius-Reliquien in Altenhohenau.

Die Datierung des Gemädes korrespondiert durchaus mit der Angabe, dass die Gebeine des heiligen Claudius im Jahre 1700 dem Kloster zur Verehrung geschenkt worden waren. Anno 1693 hat der Kardinal Caspar von S. Sabina die aus der Calixtus-Katakombe stammende Bestattung der Gräfin Anna Viktoria Spada übergeben. Das Kloster erhielt dann diese Skelettteile in zwei kleinen Truhen im Jahre 1700 durch Vermittlung des Ordensgenerals P. Antonin Cloche und dessen Stellvertreter P. Leonhard Hansen, der im Kloster Altenhohenau eine Schwester unter den Chorfrauen hatte.

Die Fassung der Gebeine besorgten vermutlich die Klosterfrauen selbst, da sie ja auch für andere Kirchen und Martyrer-Präsentationen, etwa in der Dreifaltigkeitskirche in Grafing oder für die seitlichen Füllungen zum Tabernakel von Griesstätt tätig waren.

Offensichtlich hat man, nachdem die Gebeine zusammengesetzt, in sogenannte Klosterarbeit umhüllt und verziert und auf einem Sessel montiert worden waren, dem heiligen Claudius sofort einen neuen Altar in der Kirche gewidmet, zu dem Andreas Wolf(f) 1703 das Gemälde schuf. Es zeigt einerseits die Verherrlichung des Claudius, der auf einer Wolkenbank kniet und in den Himmel aufgenommen wird, umgeben von einer Engelsschar, während gleichzeitig darunter der Märtyrertod dargestellt ist, wie Claudius auf einem Scheiterhaufen verbrannt wird. Nachdem er sich geweigert hatte, einen römischen Gott zu verehren, der auf einem Sockel steht, wurde er an einen Pfahl gebunden und der Scheiterhaufen um ihn herum aufgerichtet.

Der Besitz eines sogenannten Katakombenheiligen bedeutete für diese Zeit eine Auszeichnung gegenüber anderen Kirchen: St. Jakob in Wasserburg besaß am Ende gar "vier heilige Leiber". Solche Besonderheiten konnten eine Wallfahrt begründen, die Altenhohenau zu diesem Zeitpunkt noch nicht besaß. Die Jesuskind-Wallfahrt setzt nämlich erst in den 40er-Jahren des 18. Jahrhunderts ein.

Daher wird auch verständlich, dass das Kloster innerhalb von nur einer Generation einen bestehenden Altar "auswechselte" und diesen Platz dem neuen Heiligen widmete. Denn erst unter der Priorin Caecilia Heimbl (1652 - 83) und dem Beichtvater Magister Antoninus Bentheim (1656 - 70) waren "die Altär in der khürchen wie auch unser Chor Altar und die fenster im Chor gresser gemacht Und Verneuert" worden.

Leider wissen wir zum derzeitigen Forschungsstand nicht, welcher/m Heiligen zwischen 1656 und 1670 der damals geschaffene linke Seitenatlar geweiht war. Allerdings drängt sich der Verdacht auf, dass der jetzige stark eingekürzte Altar in der Kapelle von Holzhausen wegen des außergewöhnlichen Patroziniums "Maria Schnee" und der Datierung des Altarblattes mit 1663 aus Altenhohenau stammen könnte, nachdem er zwischen 1700 und 1703 dort überflüssig und durch den Claudius-Altar ersetzt worden war. Allerdings hatte auch dieser nicht auf Dauer Bestand, und als Ignaz Günther die Raumausstattung 1767 erneuerte, schuf er zwei gleich gestaltete Seitenaltäre mit identischen Reliquienschreinen auf der Mensa. Er übernahm jedoch das vorhandene Altarblatt des heiligen Claudius.

Das Patrozinium "Maria Schnee" kann auf ein reich dotiertes Kollegiatstift im Salzburger Dom verweisen, aber auch auf Santa Maria Maggiore in Rom, wohin das Kloster durch den Sitz des Ordensgenerals durchaus Beziehung hatte. Für eine unbedeutende kleine Dorfkapelle, in der früher nur zweimal im Jahr Gottesdienst gehalten wurde, wäre das seltene Patrozinium außerordentlich ungewöhnlich.

Aber nicht nur ein genauerer Blick auf das Wolfsche Gemälde ist lohnenswert, sondern auch einer auf die Gebeine des heiligen Claudius, der auf seinem Stuhl im Glaskasten sitzt. Die Bitte des aus Schwaben stammenden Benediktinerpaters Alfons Kinsle, der Ende des 19. Jahrhunderts die Pfarrei St. Cloud in Amerika betreute, um einen Reliquienpartikel des heiligen Claudius für seine Stadtkirche, führte 1876 zu einer ersten Untersuchung der Gebeine, die ein erstaunliches Ergebnis brachte: Als Pfarrer Mutzhart von Griesstätt vorsichtig die unteren Extremitäten in Augenschein nahm, stellte er fest, dass eine Zehe aus Holz bestehe, und "wagte nicht mehr weiterzuforschen, zumal er die Verzierung der sitzenden Gestalt nicht beschädigen wollte".

Obwohl das Ordinariat einer Weitergabe von Reliquienteilen zugesimmt hatte, "zog sich die Sache bis zum Herbst 1883 hin. Da endlich ging Pfarrer Mutzhart daran, eine genaue Untersuchung anzutellen. Er fand, dass nur die beiden oberen Armknochen echtes Gebein waren. Das beigegebene Lämpchen sowie das Blutgefäß (in der Regel ein Glasgefäß, in dem Erdreste aus dem Katakombengrab beigegeben wurden - der rötliche Tuff / Pozzuolanerde führte zur Annahme, es handle sich um die vom Blut der Martyrers getränkte Erde) und das Blutfläschchen überließ er einer späteren Untersuchung, von welcher leider kein Bericht vorhanden ist." (Wildenauer 39/40).

Ob dann doch noch Partikel nach Amerika abgebeben wurden, entzieht sich unserer Kenntnis. Nach den Angaben Mutzhart seien "Kopf, Rippen und Bein... aus Papiermaschee, nur die Oberarmknochen, das "Blutfläschchen" (gemeint ist ein kleines Glasgefäß, das Parfüm enthielt und oft auch als "Tränenfläschchen" bezeichnet wird) in der Rechten und die (verschwundene) Zunge zu Füßen (hier ist wohl an ein flaches Öllämpchen zu denken) sind echt" (Mitterwieser 21).

Offensichtlich besteht aber eine Diskrepanz zwischen den Angaben in der Autentik sowie dem italienisch verfassten Schenkungsbrief und dem real vorhandenen Gebein des Claudius. In den Texten ist keineswegs nur von Teilen des Skeletts die Rede, und für den Tansport der beiden Oberarmknochen über die Alpen wären auch keine zwei "Trühlein" von Nöten gewesen. Vielleicht erklären aber die damals durchaus üblichen Ergänzungen fehlender Skelettteile die geringe Körpergröße des "heiligen Claudius" auf einem normal hohen Hocker.

Wasserburger-Zeitung

Quelle: rosenheim24.de

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