Nichts leisten, aber brutal einfordern

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Wasserburg - Prügel waren seine Argumente, maßlos seine Forderungen an seine Umwelt. Das Jugendschöffengericht drohte einem 20-Jährigen mit 18 Monaten Jugendgefängnis.

Gleich vier Anklagen verlas der Staatsanwalt zu Beginn des Verfahrens gegen den 20-jährigen Gastronomie-Helfer aus Wasserburg.

Alle Anklagen zeichneten das Bild eines hemmungslosen Schlägers, der weder seine Ansprüche noch seine Aggressionen unter Kontrolle hat. So verprügelte er im Juni 2011 vor der Disco "Universum" grundlos einen anderen Jugendlichen, trat ihn dabei mehrmals mit dem Fuß gegen den Kopf, im September drosch er das Handy seiner Mutter gegen die Wand, weil sie ihn damit nicht telefonieren lassen wollte, er riss in einem Wutanfall das Fernsehgerät von der Wand, trat gar nach seiner Mutter und bedrohte sie mit Prügeln, gar sie umbringen zu wollen.

Im Oktober 2011 überfiel er den ehemaligen Lebensgefährten seiner Mutter in dessen Büro, zertrümmerte die Einrichtung, packte ihn in den Schwitzkasten und schlug ihn, nur weil der sich weigerte, ihn weiter bei der Wohnungssuche zu unterstützen. Schließlich schlug, beleidigte und biss er Polizeibeamte, die ihn nach einer Prügelei vernehmen wollten.

Ins Bild passte, dass er wegen ähnlicher Taten im Jahr 2011 bereits vorher zweimal vor dem Jugendrichter in Wasserburg stand, wo gegen ihn jeweils Weisungen zu gemeinnütziger Arbeit verhängt wurden. Das hatte auf ihn jedoch überhaupt keinerlei Eindruck gemacht.

Er wechselte während der Schulzeit zwischen Vater und Mutter, die getrennt leben. Zwei verschiedene Ausbildungen hatte er abgebrochen und hielt es auch als Leiharbeiter nirgendwo lange aus.

Seit April lebt er nun bei seiner Tante am Niederrhein, wo er anscheinend Boden unter die Füße bekommen hat. So hat er dort endlich die gemeinnützige Arbeit verrichtet, die ihm in den ersten beiden Verfahren auferlegt worden waren. Auch ist er nun nicht mehr strafrechtlich in Erscheinung getreten. Der Jugendgerichtshilfe-Bericht aus dem Jugendamt in seinem neuen Wohnort las sich ebenfalls recht positiv.

Allerdings war bei dem Heranwachsenden wenig Reue und Einsicht erkennbar. Die Luft hielt das Gericht an, als der 20-jährige Wasserburger, den der Angeklagte so brutal verprügelt hatte, aussagte: "Er hat sich später bei mir entschuldigt. Aber nicht wirklich. Er hat gesagt, ich entschuldige mich bei dir. Aber nur weil das bei Gericht später gut ausschaut." Außerdem habe er später auch noch zynische SMS erhalten. Die habe er bei der Polizei vorgelegt.

Der Angeklagte war zwar insgesamt geständig, hatte jedoch in jedem Fall zumindest beschönigende Ausreden parat. Er habe nunmehr einen anderen, neuen Freundeskreis, berichtete er. Dort seien Alkohol und Drogen kein Thema. Er wolle sich nun ernsthaft um einen Ausbildungsplatz bemühen.

Der Staatsanwalt war nicht überzeugt von der tatsächlichen Umkehr in der Lebensweise des Angeklagten. Schädliche Neigungen seien bei dem jungen Mann fraglos vorhanden. Er forderte eine Jugendstrafe von 16 Monaten, die er unter großen Mühen noch zur Bewährung ausgesetzt sehen konnte. Allerdings sei das nur unter strengen Auflagen möglich.

Die Verteidigerin beantragte, lediglich einen Schuldspruch mit Bewährung auszusprechen, weil erkennbar sei, dass ihr Mandant die Phase der schädlichen Neigungen überwunden habe und sichtlich einen neuen Weg einschlage. Die Bewährungsauflagen hielt auch sie für nützlich und notwendig.

Richterin vom Wandel nicht überzeugt

Das Jugendschöffengericht unter dem Vorsitz von Richterin Verena Köstner ging über den Antrag des Staatsanwaltes noch hinaus: "Was Sie sich hier gegenüber den Menschen, die Ihnen helfen wollten, geleistet haben, spottet jeder Beschreibung." Sie war auch nicht von dem angeblichen Wandel des Angeklagten überzeugt. "Durch Ihr Verhalten hier haben Sie überhaupt nicht den Eindruck vermittelt, dass Sie Ihre Taten wirklich bereuen." Nur weil er noch niemals eingesessen habe, sei das Gericht "gerade noch" zu einer Strafaussetzung gekommen. Aber die hatte es in sich: Unterstellung unter einen Bewährungshelfer, Alkohol- und Drogenverbot mit regelmäßiger Überprüfung, ein Anti-Aggressionstraining und vor allem hat er bis Ende Januar 2013 an jedem Werktag vier Stunden gemeinnützige Arbeit zu verrichten, bis er eine versicherungspflichtige Anstellung vorweisen kann. "Das wird Ihnen helfen, sich um eine bezahlte Anstellung oder einen Ausbildungsplatz zu bemühen."

au/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

Rubriklistenbild: © dpa

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