Streit eskalierte: Notwehr oder Angriff?

Wasserburg - Andauernde Nachbarschaftsstreitigkeiten zwischen zwei türkischen Nachbarn gipfelten im Dezember 2010 in einem Wohnviertel in einer handfesten Auseinandersetzung.

Im letzten Jahr standen sich die beiden Streithähne schon vor Gericht gegenüber, doch das Verfahren musste ausgesetzt werden, da kein Dolmetscher für den Zeugen geladen war, obwohl dieser über unzureichende Deutschkenntnisse verfügte. Kurios, denn die polizeiliche Vernehmung hatte scheinbar ohne Dolmetscher bestens geklappt.

Bei der ersten Verhandlung hatte der Angeklagte darauf hingewiesen, dass der Zeuge kein Deutsch verstehe und angeboten, zu übersetzen. Dieses Angebot wolle das Gericht jedoch nicht annehmen.

Nun stand der 42-jährige Küchenmonteur erneut vor Gericht, um sich wegen vorsätzlicher Körperverletzung zu verantworten. Laut Anklageschrift soll der Angeklagte den 41-jährigen Geschädigten ohne Vorwarnung mit dem Kopf gegen die Nase gestoßen und ihm danach mindestens fünfmal mit den Fäusten ins Gesicht geschlagen haben. Als der Geschädigte zu Boden gegangen sei, soll ihn der Angeklagte in den Schwitzkasten genommen und gewürgt haben. Dabei hatte der geschädigte türkische Landsmann eine Nasenbeinfraktur, eine Schädel- und Unterkieferprellung sowie mehrere Hämatome erlitten. Aufgrund der erheblichen Verletzungen trat der Geschädigte als Nebenkläger auf und hatte einen Adhäsionsantrag gestellt. Völlig zu Unrecht, wie der Angeklagte fand, denn schließlich habe er sich mit dem Kopfstoß nur gewehrt.

Mehr sei nicht passiert. Mit der Familie des Geschädigten habe es ständig Ärger gegeben, und auch der Geschädigte habe ihn fortwährend provoziert und unflätig beschimpft. Doch um des lieben Friedens willen, habe er das über sich ergehen lassen. So auch zum fraglichen Zeitpunkt. Da habe er vor dem Haus an seinem Auto gearbeitet, als der Geschädigte ihn im Vorbeigehen beschimpft und ihm "ich fick dich" zugerufen habe. Da sei das Fass übergelaufen und er habe seinem türkischen Landsmann einen Kopfstoß verpasst. Der habe daraufhin einen Kampfschrei ausgestoßen und ihn angesprungen. "Deshalb habe ich ihn in den Schwitzkasten genommen und gesagt, dass er aufhören soll". Nach der Auseinandersetzung sei er zur Vorstandssitzung seines Fußballvereins, Kampfspuren zu beseitigen habe er nicht versucht, da er sich keiner Schuld bewusst gewesen sei.

Der Geschädigte schilderte den Tathergang komplett anders. Ein Freund habe ihn nach Hause gebracht. Auf dem Weg zur Wohnung, sei der Angeklagte aus dem Nichts aufgetaucht und habe ihm einen Kopfstoß versetzt, bevor er ihn krankenhausreif geschlagen und in den Schwitzkasten genommen und gewürgt habe. Für ihn sei das alles völlig unvorbereitet gekommen. Die Ehefrauen hätten allerdings viele Streitereien gehabt.

Dies konnte auch der ermittelnde Polizeibeamte bestätigten. Bei der polizeilichen Vernehmung habe der Angeklagte unbeteiligt gewirkt, den Kopfstoß aber unvermittelt zugegeben. An seinen beiden Hosenbeinen und auf dem linken Handrücken seien Blutspuren festgestellt worden. Die Verletzungen des Geschädigten hätten zu dessen Angaben gepasst.

Die Staatsanwaltschaft sah den Tatvorwurf erbracht und forderte eine Freiheitsstrafe von zehn Monaten zur Bewährung und eine Geldauflage von 500 Euro sowie eine Schmerzensgeldzahlung von 2000 Euro im Rahmen des Adhäsionsverfahrens.

Für die Verteidigung gab es zu viele Ungereimtheiten in der Aussage des Nebenklägers. Sie sah deshalb die Notwehrsituation erwiesen und forderte einen Freispruch sowie 1000 Euro Schmerzensgeld, da ein Mitverschulden des Geschädigten vorliege.

Die Nebenklage sah die Schuld des Angeklagten ebenfalls erwiesen und hielt, aufgrund der Schwere der Verletzungen, 4000 Euro Schmerzensgeld für gerechtfertigt.

Das Gericht verurteilte den Angeklagten schließlich zu einer Bewährungsstrafe von acht Monaten und eine Geldauflage von 200 Euro sowie 3000 Euro Schmerzensgeld. An der Aussage des Geschädigten habe es keinerlei Zweifel gegeben, hieß es in der Urteilsbegründung.

ca/Wasserburger Zeitung

Quelle: rosenheim24.de

Rubriklistenbild: © pa

Zurück zur Übersicht: Region Wasserburg

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser