Osmanische Kunst wird in auch in Bayern bewundert und bei hiesigem Kistler entstand ein eigener Möbelstil

Oberbayerisch-türkische Beziehungen

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Sieht orientalisch aus, die Truhe entstand aber im 17. Jahrhundert in Wasserburg. Der Begriff "Türkenmöbel" tauchte zuerst bei dem bekannten Volkskunstsammler Franz Zell um 1900 auf.

Wasserburg - Auffallend orientalisch wirkt eine Truhe aus dem 17. Jahrhundert des Wasserburger Museums.

Der obere Teil der Truhe, der Kasten, ruht auf einem Sockel, in den zwei Schubladen eingelassen sind. Der Kasten ist durch Profilleisten in sieben Felder unterteilt, die abwechselnd mit Arabesken und einem Torturmmotiv ausgemalt sind. Der Sockel ist vier Felder gegliedert. Die beiden äußeren sind mit durchkreuzten Rauten verziert, die beiden Schubladen tragen je zwei rote Rosetten - ein klassisches Möbel der süddeutschen Spätrenaissance, das durch Bemalung und Aufsatzelemente beeindrucken möchte. Vorwiegend stand es in bäuerlichen, auch kleinbürgerlichen und bürgerlichen Stuben.

Im Spätmittelalter kam es entlang des Balkans zur Expansion des militärisch starken Osmanischen Reiches auf europäischen Boden. 1529 stehen die Türken das erste Mal vor Wien und es kommt zu militärischen und infolgedessen zu diplomatischen Kontakten zwischen den großen europäischen Staaten und islamisch-orientalisch geprägten Reich, das damals Süleyman I. (1520-1566), ein goßer örderer von Kunst und Kultur, führte. Die Europäer fürchteten die Osmanen, bewunderten sie aber für ihre prächtige Kunst und Lebensart.

Im islamischen Orient entstanden damals aus dem Bilderverbot des Islam heraus und vor dem Hintergrund der griechischen Antike fantasievolle Blumen- und Pflanzenranken, die sich zur Arabeske und zur noch stärker stilisierten Maureske weiterentwickelten. Im 16. Jahrhundert führten Grafiker in den großen süddeutschen Städten Vorlagebücher zur Verzierung von Gebrauchsgegenständen aus und verbreiteten sie über den neu aufkommenden Buchdruck. Sie enthielten Zeichnungen zu Arabesken, die als Papierschablone auf Möbel aufgelegt und ausgemalt wurden. Kistler aus dem süddeutschen Raum verwendeten diese Vorlagen und schufen so einen eigenen Möbelstil, der sich in zahlreichen Möbeln aus der Sammlung des Wasserburger Museums zeigt. Die Freude der Europäer an der orientalischen Exotik blieb auch während der Türkenkriege bis ins 18. Jahrhundert bestehen und steigerte sich noch.

Das Torturmmotiv ist in schwarz und rot mit der freien Hand gemalt. Die Möbel wurden nicht nur durch aufgemalte oder intarsierte Arabesken und Mauresken verziert, sondern auch mit aufgeklebten Holzschnitten, die beliebte Bilder von idealen Stadtansichten zeigten. Diese hatten immer ein im Schachbrettmuster gedeckten Stadtplatz, umgeben von Türmen, Toren und Palästen. Zwiebeltürme waren besonders beliebt und so stilisierte sich in der freihändigen Wiedergabe der Stadtplätze immer mehr das eigenständige Motiv eines mit einem Zwiebeldach gedeckten Torturms heraus.

Das gemalte Mondmotiv aus zwei übereinandergelegten Kreisen oberhalb des Torturms ist ein Kennzeichen für in Wasserburg hergestellte Möbel. Restaurator Armin Göttler konnte das nachweisen. Das Zeichen ist etwa bei Einbauschränken in alten Wasserburger Häusern zu sehen, deren Beschläge zudem mit einer Wasserburger Punze versehen sind.

Göttler hat die Truhe aus dem 17. Jahrhundert wie alle Möbel in der Dauerausstellung gereinigt und vom Holzwurm befreit, vor längerer Zeit hatte sich sogar ein Holzbock in der Truhe eingenistet, der aber bereits das Möbel verlassen hatte. Die leichte Schimmelbildung am Boden der Truhe ist entfernt.

In den Außendepots lagern jedoch weitere alte, für unsere Region kunst- und kulturhistorisch wertvolle Truhen, die bis zur Einrichtung eines neuen Zentraldepots nicht behandelt werden können.

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Quelle: rosenheim24.de

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