"Only One": Wir sind alle Menschen

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Neue Freunde in Ruanda: Ronja Böhm mit Mami, einem Mitglied der Tanzgruppe. Foto re

Soyen - Fast ein Jahr wird Ronja Böhm aus Mühlthal (Soyen) in Ruanda verbringen. Die 19-Jährige wollte nach dem Abitur am Garser Gymnasium "ganz was anderes" machen.

Wasserburg/Gisenyi - "Muraho! Amakuru iki?" Auf diese Frage, wie es mir geht, würde ich mit "Ni meza!" antworten: Es geht mir gut. Wenn ich ehrlich bin, sind das schon drei der zirka 20 Sätze, die ich bis jetzt auf Kinyarwanda, der Sprache Ruandas, kann.

Im August ging es für mich los: zehn Monate Freiwilligendienst in Ruanda (Ostafrika). Doch wie kam ich überhaupt auf die Idee, so etwas zu machen? Mit einem Freiwilligendienst kann man einige Dinge, die ich schon lange machen wollte, ganz gut verbinden: Eine fremde Kultur kennenlernen, eine Pause zwischen Abitur und Studium einschieben und versuchen, Menschen zu helfen, denen es nicht so gut geht wie uns in Deutschland.

Es war dann zwar etwas stressig, kurz vor dem Abitur noch Bewerbungen zu schreiben und zu Vorstellungsgesprächen und Auswahltagen zu fahren, aber letztendlich hat es geklappt und ich durfte mich auf meinen Freiwilligendienst mit Misereor vorbereiten. Kurz vor der Abreise gab es noch sehr viel zu tun, zahlreiche Impfungen wechselten sich ab mit Hamsterkäufen von Medikamenten, Shampoos, neuer Kleidung... Die letzten Wochen vergingen wie im Flug, auf einmal war der Tag des Abschieds da.

"Warum bleibe ich nicht daheim?"

Das war ein sehr komisches Gefühl. Einerseits war ich mit meinen Gedanken noch daheim: Von wem muss ich mich noch verabschieden? Was muss ich noch einpacken? Und: Warum bleibe ich nicht einfach daheim? Andererseits war ich aber auch schon ganz weit weg: Wie wird das wohl sein in Ruanda? Wie werden mich die Menschen aufnehmen? Werde ich mich in dem neuen Klima und im Projekt zurechtfinden? Und: Wie wird es in meiner Freiwilligen-Wohngemeinschaft laufen?

Im Nachhinein muss ich sagen, dass die letzte Woche vor dem Abflug ein Wechselbad der Gefühle war und ich wirklich froh bin, dieses hinter mir zu haben. Seit zirka sechs Wochen bin ich nun also in Afrika. Ich arbeite im Kulturzentrum von Gisenyi, einer Stadt direkt an der Grenze zum Kongo. Dort gibt es ein breites Spektrum an Aktivitäten: Fußball, Tanz, Englischunterricht, Orchester, Chor... In den ersten Tagen durften Siggi, mein Mit-Freiwilliger, und ich die einzelnen Bereiche ansehen und dann entscheiden, wo wir mitarbeiten oder ob wir selbst eine neue Aktivität anbieten wollen. Doch bei dieser Entscheidung waren wir nicht auf uns allein gestellt. Viele Mitarbeiter standen uns zur Seite und erzählten uns, welche Aktivitäten von den Jugendlichen gewünscht werden.

Ich gebe jetzt Englisch- und Deutschunterricht für Anfänger und mache einen Französisch-Konversationskurs mit zwei Mitarbeitern. Der Kurs macht sehr viel Spaß, weil wir über Themen wie Alkoholismus, Aids und Ähnliches sprechen und ich dabei sehr viel über die Verhältnisse in Ruanda lernen kann. Außerdem bin bei der Modern-Dance-Gruppe "Only One", in der Hautfarbe, Geschlecht oder Behinderung keine Rolle spielen und wir somit alle eins sind: Menschen.

Straßenkinder freuen sich über Ronja

Am meisten Spaß macht mir aber die Arbeit mit den Straßenkindern, die nach der Schule im Zentrum Essen bekommen. Die Kommunikation mit den Jungs gestaltet sich zwar schwierig, da sie nur Kinyarwanda sprechen, aber mit Händen und Füßen machen sie mir klar, dass ich mal wieder eine Schuluniform ausbessern oder einen Knopf annähen soll. Wenn sie mich in der Stadt sehen, kommen sie auch angelaufen: "Ronja, Ronja", um Hallo zu sagen. Das ist sehr schön, vor allem, weil viele der anderen Kinder mich um Geld anbetteln, nur weil ich weiß bin, die Straßenkinder das aber nicht machen, weil sie mich kennen.

Doch auch sonst betteln nicht alle Kinder: Vor allem kleinere sind freudig überrascht einen "Weißen" zu sehen, sie schreien dann selbst abends laut "Morning" zur Begrüßung und laufen kreischend mir und meinem Rad nach, bis sie nicht mehr können. Mit dem Rad fahre ich von unserem Haus auf einer Bergstraße mit wunderbarem Blick auf See und Vulkan zum Zentrum und zurück - theoretisch. Die letzten Tage bin ich öfter von einem der Mitarbeiter mit dem Roller mitgenommen worden und musste dann morgens mit dem Bus fahren, was auch ein schönes Erlebnis ist. Mein Rad habe ich einem Mitarbeiter geliehen, der sonst lange zu Fuß heimgehen muss.

Auf die Frage, wie es mir geht, muss ich also nicht nur mit "Ni meza!" antworten, weil ich nichts anderes sagen kann, sondern es entspricht absolut der Wahrheit.

Wasserburger Zeitung

Quelle: rosenheim24.de

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