Mitarbeiter streiken bei Pfaffinger Käsehersteller für Tarifvertrag

Streik bei Alpenhain: Das sagen Streikende und das Unternehmen

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Knapp 70 Alpenhain-Mitarbeiter streiken in Pfaffing noch bis Freitagmorgen, 6 Uhr für eine Bezahlung nach Tarifvertrag.

Pfaffing - Streik im Obazda-Werk: Beim Pfaffinger Käsehersteller Alpenhain kommt es an diesem Donnerstag zu einem 24-stündigen Warnstreik.

Update, 16.20 Uhr: So läuft der Streik bei Alpenhain

"Beim Streik im vergangenen Jahr hat sich die Geschäftsführung noch zu uns herausgetraut. Diesmal trauen sie sich das offenbar nicht mehr", gibt sich Manuel Halbmeier von der NGG in Rosenheim in Richtung des Gebäudes der Geschäftsführung kämpferisch. Er spricht an diesem Donnerstagnachmittag zu den etwa 70 Beschäftigten des Unternehmens, die in den Ausstand gegangen sind, um ihrer Forderung nach Bezahlung gemäß Tarifvertrag Nachdruck zu verleihen. Alle sind sie einheitlich in orange NGG-Warnwesten und NGG-Mützen gekleidet. Fahnen werden geschwenkt und Transparente gehalten. Mit dazu gehört in Zeiten der Corona-Pandemie natürlich auch bei jedem ein Mundschutz.


"Beim Streik im vergangenen Jahr hat sich die Geschäftsführung noch zu uns herausgetraut", gibt sich Manuel Halbmeier von der NGG in Rosenheim in Richtung des Gebäudes der Geschäftsführung kämpferisch.

"Es heißt immer, ihr, die Arbeiter der Lebensmittelindustrie wärt in der Corona-Krise Beschäftigte einer systemrelevanten Branche", wettert dann Georg Schneider, Geschäftsführer der NGG-Region Rosenheim-Oberbayern. "Aber offenbar bedeutet das leider nicht, dass sich die Politik oder Unternehmer für bessere Bezahlung für euch einsetzen würden." Das müsse sich ändern. Die Beschäftigten bekunden immer wieder mit Applaus und Zurufen ihre Zustimmung zu den Worten der Gewerkschafter. Ab und zu lassen auch vorbeifahrende Auto- und Lkw-Fahrer durch Hupen ihre Zustimmung verlauten. Großes Hallo ist jedesmal, wenn ein Brummifahrer mit tiefer Hupe einen Salut bläst. 

"Es heißt immer, ihr, die Arbeiter der Lebensmittelindustrie wärt in der Corona-Krise Beschäftigte einer systemrelevanten Branche", wettert Georg Schneider, Geschäftsführer der NGG-Region Rosenheim-Oberbayern.

Wenig freundliche Worte hat dann auch Betriebsratsvorsitzender Mehmet Bozkurt für seinen Arbeitgeber: "Ihr werdet hier verarscht", bricht es einmal in seiner Ansprache aus ihm heraus, in der er daneben auch anprangert, das Unternehmen habe genug Geld, um nach Tarif zu bezahlen. "Das waren vielleicht etwas heftige Worte", räumt er dann im Anschluss ein. "Aber der Frust sitzt tief. Wir arbeiten hier viel und hart, wenn es von uns verlangt wird auch Überstunden und am Wochenende. Aber dann sollte das auch eine entsprechende Bezahlung wert sein."


"Alpenhain ist bisher sehr gut damit gefahren, innerbetriebliche Themen auch innerbetrieblich mit dem Betriebsrat zu lösen, ohne betriebsfremde Vorgaben von außen", erklärt unterdessen ein Pressesprecher von Alpenhain gegenüber rosenheim24.de. "Dies soll auch zukünftig der etablierte Standard bleiben." Ein Tarif, wie ihn die NGG bei Alpenhain fordert, sei für ein Unternehmen wie dem ihren keine Lösung. "Wir sind sehr handwerklich geprägt, mit einer hohen Fertigungstiefe und -breite. Daher benötigen wir größtmögliche Flexibilität im Interesse der Firma sowie aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter." Dies könne durch einen Tarifvertrag nicht adäquat abgebildet werden. "Unsere langjährig praktizierten Vergütungskonzepte garantieren ein markt- und branchenübliches Einkommen. Auf diese Weise gelingt es uns seit Jahrzehnten, gute und qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an uns zu binden."

Bilder vom Streik bei Alpenhain in Pfaffing

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Unabhängig davon befänden sie sich mit dem Betriebsrat in intensiven Verhandlungen bezüglich neuer, notwendiger Arbeitszeit- und Schichtmodelle. "Aufgrund der Entwicklung rund um COVID-19 mussten vor allem Kunden aus dem Bereich Foodservice, darunter Großküchen, Caterer und Gastronomiebetriebe in den vergangenen Wochen und Monaten ihre Abnahmemengen erheblich reduzieren oder stornieren. Die Krise trifft uns also merklich, so wie viele andere Unternehmen auch. Trotz dieser herausfordernden Situation haben wir es bisher geschafft, den Produktionsbetrieb aufrecht zu erhalten und bestehende Arbeitsplätze zu sichern", so der Unternehmenssprecher weiter. 

Wenig freundliche Worte hat auch Betriebsratsvorsitzender Mehmet Bozkurt (links, gelbe Weste) für seinen Arbeitgeber.

Dazu komme, dass in den letzten beiden Jahren 45 Millionen Euro in die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens und in den Standort investiert worden seien, um auch langfristig Arbeitsplätze am Standort Lehen zu erhalten und Alpenhain zukunftssicher aufzustellen. Weitere Investitionen seien geplant. "Der Streikaufruf und das aktuelle Verhalten der NGG bei Alpenhain in einer derart auch wirtschaftlich anspruchsvollen Situation sind aus unserer Sicht verantwortungslos. Streikbedingte Produktionsausfälle helfen uns in der jetzigen Situation nicht weiter", schließt der Alpenhain-Vertreter. "Das Familienunternehmen Alpenhain agiert seit über 100 Jahren erfolgreich am Markt und hat in dieser Zeit immer mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die überwiegend langjährig bei uns tätig sind, betriebliche Lösungen gefunden."

Der Streik bei Alpenhain wird noch bis Freitagmorgen, 6 Uhr fortgesetzt. Insgesamt 24 Stunden wird sich dann ein Großteil der Belegschaft im Ausstand befunden haben.

Update, 14.30 Uhr - 70 Beschäftigte demonstrieren 

Etwa 70 Beschäftigte haben sich vor dem Eingang von Alpenhain am Donnerstag ach Mittag versammelt. Noch bis Freitag, 6 Uhr wird der Streik andauern. "Da drinnen steht gerade quasi alles still", berichtet ein Gewerkschaftsvertreter stolz. In mehreren Ansprachen wenden sich Vertreter von Gewerkschaft und Betriebsrat an die Streikenden Ein ausführlicher Bericht folgt

Erstmeldung

Pressemitteilung im Wortlaut: 

Mit der Arbeitsniederlegung ab sechs Uhr wollen die rund 450 Beschäftigten den Druck auf das Unternehmen erhöhen, sich zu tariflichen Standards zu bekennen. Das teilt die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) mit. Bereits seit einem Jahr war es im Werk mehrfach zu Arbeitsniederlegungen und Protesten gekommen. Alpenhain hatte Gespräche über einen Tarifvertrag bislang abgelehnt.

>>>Hier nachlesen: Bericht vom Streik im September 2019<<<

Der Ärger in der Belegschaft nimmt zu. Während die meisten Beschäftigten in Bayerns milchverarbeitender Industrie in den Genuss von Tarifverträgen kommen, ziehen die Mitarbeiter bei Alpenhain in puncto Bezahlung und Arbeitsbedingungen den Kürzeren“, sagt Manuel Halbmeier von der NGG in Rosenheim. Für die mittlerweile als systemrelevant anerkannte Arbeit in der Ernährungsindustrie müsse es gerade im wirtschaftlich starken Oberbayern eine höhere Wertschätzung geben. Am Standort Pfaffing lässt Alpenhain insbesondere Obazda, Grillkäse und Back-Camembert produzieren. Auch Filialen der Fast-Food-Kette McDonald’s werden bundesweit mit Waren aus dem Werk beliefert. „Alpenhain ignoriert dabei die Aufforderung von McDonald’s, Standards zusammen mit Arbeitnehmervertretern auszuhandeln“, berichtet Halbmeier.

Die Gewerkschaft NGG fordert die Geschäftsführung dazu auf, das Gesprächsangebot der Gewerkschaft anzunehmen. Ein endloser Tarifkonflikt mit weiteren Streiks könne nicht im Interesse des Unternehmens sein. „Am Ende geht es auch um die Frage, ob sich künftig noch Fachpersonal für das Werk findet. Konkurrenten wie Meggle zahlen in der Region längst mehr“, so Halbmeier weiter.

Pressemitteilung der NGG

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