Schule hinter Gittern

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Einer der Absolventen mit Sozialpädagogin Barbara Edl-Schmid, dem stellvertretenden Maßregelvollzugsleiter Oberarzt Rainer Gerth und Jürgen Scheller vom Förderzentrum Wasserburg, der die Patienten unterrichtete.

Wasserburg - Schüler in der forensischen Psychiatrie des Inn-Salzach-Klinikums haben es geschafft: Sechs haben den Hauptschulabschluss erreicht, drei davon den Quali. 

"Das Abenteuer Schule hinter Gitter" nennen es die beteiligten Pädagogen, Sozialpädagogen und viele andere. Sie wollten zeigen, was Schule alles leisten kann. Schüler in der forensischen Psychiatrie des Inn-Salzach-Klinikums haben gezeigt, dass es funktioniert: Nach einem Jahr Büffeln haben sechs den Hauptschulabschluss geschafft, drei davon den Quali.

Angefangen hat die Beschulung in der Forensik vor sechs Jahren als ein schulpflichtiger 14-Jähriger von einem Heim nach Gabersee kam. Seither hat die Sozialpädagogin Barbara Edl-Schmid die Fäden in der Hand beim Thema schulische Ausbildung der Patienten in Zusammenarbeit mit dem Förderzentrum Wasserburg. Das stellt mittlerweile einen Studienrat zehn Stunden frei für die Arbeit in der Forensik.

Einfach allerdings gestaltet sich "Schule hinter Gittern" nicht. "Teilweise sind die Schulkarrieren doch sehr lückenhaft", sagt Jürgen Scheller, der ganz begeistert ist von dem enormen Kraftakt, der dieses Jahr gelungen ist. An vier Vormittagen unterrichtete er Deutsch, Mathematik, Geschichte, Sozialkunde, Erdkunde und Sporttheorie, bei Nachhilfebedarf oder zur Vertiefung der Materie kam eine Lehrerin der Makarius-Wiedemann-Schule aus Attel.

Die Schüler, zwischen Anfang und Ende 20, meist suchtkranke Straftäter, mussten neben dem Unterricht und den Hausaufgaben ihre Therapien wahrnehmen. "Wegen dieser Belastung haben nur sechs der anfangs zwölf jungen Männer durchgehalten", sagt Jürgen Scheller.

Es gebe, so die Sozialpädagogin, wegen des Sicherheitsaspekts doch viele Einschränkungen, schon weil die "Schüler" unerschiedliche Lockerungsstufen haben. Und weil sie heuer unbedingt den Quali erreichen wollten, gab es dieses Jahr noch mehrere Probleme zu lösen. Zum Beispiel die Leichtathletikprüfung. Dazu braucht man eine Sprunggrube für den Weitsprung, auf einen der Sportplätze aber dürfen die Patienten nicht. Und so entstand ein Gemeinschaftswerk vieler, eine eigene Sandgrube in Gabersee. Laufen fand hinter dem Stacheldrahtzaun statt.

Ein Werkstück zum Thema "Kleine Haushaltshelfer" musste abgeliefert werden. Dafür mussten technisches Zeichnen und die Grundlagen der Holzbearbeitung erlernt und eine Projektmappe erstellt werden, außerdem musste das Ergebnis in einem freien Vortrag präsentiert werden. Damit das alles klappte engagierteten sich der hauseigene Schreiner und ein Trupp der Arbeitstherapaie mit. Und es klappte, jeder hatte sein Holzstück mit verzinkten Verbindungen fabriziert.

Und schließlich die Prüfung. Kein Problem für Franz Stein, der Leiter der Wasserburger Mittelschule fuhr gern nach Gabersee, "wenn die Prüflinge nicht in die Schule kommen können, kommen wir eben zu ihnen. Die jungen Leute müssen ihre Chance haben".

"Auch wenn ich mal Mist gebaut habe, kann ich etwas erreichen, wenn ich an mich glaube", zitiert Jürgen Scheller einen der Absolventen.

"Die sind wirklich richtig stolz auf ihre Abschlüsse", sagt der Leiter der Klinik für forensische Psychiatrie, Dr.Stefan Gerl. Strukturen, einen geregelten Tagesablauf, einfügen in Regeln, Fleiß, Ausdauer, Frustrationen aushalten seien immer auch die Kapitel bei der Therapierung. "Wenn sie den Abschluss nicht schaffen, sehen sie das eher sportlich", so Gerl, Enttäuschungen hätten die meisten schon ganz andere erlebt. Ganz klar sei das Schulprojekt eine sehr nachhaltige Sache. Ein früherer Patient habe eine Ausbildung anfangen können, der Abschluss ermögliche Lehren in Bildungseinrichtungen wie Waldwinkel, Kirchseeon oder das Berufsförderzentrum Peters in Waldkraiburg.

Für die Sozialpädagogin steht bei der Bilanz dieser Premiere in der Forensik mit sehr hohem logistischen Aufwand noch eine Erfahrung: "Erstaunlich was alles geht, erstaunlich die vielen Resourcen und das große Engagement".

Am Montag erhielten in der Forensik die ersten Quali-Absolventen ihre Zeugnisse. Eine Qualitruppe wird es auch im Schuljahr 2012/ 2013 geben, fünf Patienten haben sich bis jetzt dafür angemeldet.

vo/Wasserburger Zeitung

Quelle: rosenheim24.de

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