Das Rathaus steht jetzt allen offen

"Herr Testfahrer, bitte nach Ihnen!" Tobias Haller und Bürgermeister Michael Kölbl auf dem Weg nach oben.

Wasserburg - "Unser Testfahrer ist begeistert!" Und der Bürgermeister zufrieden: Nach einer viele Jahre währenden Vorgeschichte ist nun das gesamte Rathaus durch einen Aufzug erschlossen.

2002 ist die erste Diskussion über einen Aufzug im gotischen Rathaus in den Akten zu finden. Am Ende einer Begehung Wasserburgs mit besonderem Blick auf Barrierefreiheit trugen Otto Zwiefelhofer und Sepp Baumann die Behindertenbeauftragte des Landkreises, Anita Knochner, und ihren Rollstuhl hinauf in den Sitzungssaal. Jetzt heißt sie Anita Read und die beiden Kavaliere braucht sie nicht mehr, der Aufzug trug sie am Donnerstag hinauf.

Als "Meilenstein" empfindet Bürgermeister Michael Kölbl die Umbaumaßnahme im Rathaus. Neben dem Aufzug, der dank Türen in zwei Richtungen sämtliche verspringenden Ebenen des Rathauses für Menschen mit Gehbehinderungen zugänglich macht, entstand noch ein Behinderten-WC im ersten Stock und der bisher nahezu unbenutzte Seiteneingang zum Foyer wurde rollstuhlgerecht umgebaut. Zudem mussten einige bestehende Gebäudeteile verstärkt werden. So kamen letztlich rund 400.000 Euro an Kosten zusammen, ein Viertel davon entfällt auf den Aufzug.

Drei auf einem Steg: Michael Kölbl, die Behindertenbeauftragte des Kreises, Anita Read, und Architekt Udo Rieger (von links) auf dem luftigen Weg in den Rathaussaal.

"Testfahrer" Tobias Haller, Chef der jungen Multiple Sklerose-Gruppe, nahm den Fahrstuhl schon am Donnerstagvormittag in Betrieb, probierte aus, ob er mit seinem liebevoll "mein Auto" genannten Elektro-Rolli wirklich überall im Rathaus hinkommt. "Geht bestens", so sein begeistertes Fazit. "Er hat schon überlegt, ob er nicht am Wochenende gleich ins Konzert des Kammerorchesters im Rathaussaal geht", erzählte Kölbl vergnügt. Während Haller mit seinem sperrigen Gefährt rückwärts in den Aufzug fahren muss, hat Anita Read mit ihrem Sport-Rolli im Aufzug genug Platz zum Umdrehen. Der Steg hinüber zum Rathaussaal war für beide Rollstuhlfahrer kein Problem.

Was unter anderem Anne von Loewenfeld höchst zufrieden betrachtete. Jahrelang hatte die damalige Seniorenbeauftragte des Stadtrates und SPD-Fraktionsvorsitzende immer wieder "den Stadträten und dem Bürgermeister die Leviten gelesen", wie Kölbl bei der offiziellen Einweihung, begleitet vom Kopfnicken der Stadträte, den Verwaltungsmitarbeitern, Handwerkern, Stadtführern und weiteren Gästen verriet. Jahrelang wurde hin und her überlegt, ob und wie denn ein Aufzug in ein denkmalgeschütztes Gebäude gebaut werden könnte. Selbst ein Treppenlift wurde diskutiert, aber schnell wieder verworfen. Schlussendlich gab es vom Landesamt für Denkmalpflege ein zögerliches "Ja" zu dem Entwurf von Architekt Udo Rieger, einen möglichst transparenten Aufzug in den Lichthof am Ende des Foyers zu setzen. 2008/2009 gab es noch kleinere Nachbesserungen und dieses Jahr im Frühling ging es los.

Er habe bundesweit nach einer Firma gesucht, so Rieger, die in der Lage ist, einen Aufzug zu bauen, der groß genug für Elektro-Rollis und dennoch möglichst platzsparend ist. Er fand sie - und die minimalen Abmessungen brachten die Handwerker, vor allem die Schlosser, ganz hübsch ins Schwitzen. Denn vor allem unter dem bestehenden Glasdach des Lichthofes wurde es richtig eng. Positiver Nebeneffekt der Arbeiten: Die Galerie von den Rathausälen stellte sich als nicht so stabil wie gedacht heraus. Jetzt ist sie es wieder.

Der Standort im Lichthof, da waren sich Hausherr und Architekt einig, hat zwei gravierende Vorteile: Zum einen sind alle Rathausebenen zu erschließen, zum anderen war kaum ein Eingriff in die Bausubstanz nötig. Nur aus zwei Fenstern mussten Türen gemacht werden. "Auch ein Baudenkmal ist nichts ewig gleichbleibendes, sondern etwas lebendiges. Da können und müssen Neuerungen sein - auch wenn das der reinen Lehre widerspricht", so Rieger.

Schon der Bürgermeister hatte den am Bau Beteiligten - die noch Minuten vor der Einweihung die letzten Spuren beseitigten - launig seinen Dank ausgesprochen, Rieger ergänzte dies noch mit dem Dank an das städtische Bauamt und den Hausmeister des Rathauses. So eine tolle Teamarbeit wie beim Aufzugbau im Wasserburger Rathaus habe er selten erlebt.

Hundertprozentig abgeschlossen ist die Maßnahme noch nicht. So fehlt im Aufzug noch die Beschriftung, was in welchem Stockwerk zu finden ist. Und das Nasenschild für den behindertengerechten Eingang ist noch nicht da. "Da gönnen wir unserem Rathaus ein anständiges von Bergmeister", lacht Kölbl, "denn bei der Bausumme kommt es darauf auch nicht mehr an."

syl/Wasserburger Zeitung

Quelle: rosenheim24.de

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