Rock aus Attel für Berlin

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Die Musiker und Roadies des ABM-Orchesters vor dem Reichtstagsgebäude.

Wasserburg/Berlin - Ein erfolgreicher Auftritt in Berlin: Die Band, die den hinter sich hat, die hat es geschafft. Das ABM-Orchester der Stiftung Attl ist gerade von einem Konzert in der Bundeshauptstadt zurückgekehrt, ein Riesenerlebnis für die 15 Musiker mit und ohne Behinderung.

Vergangenen Donnerstag auf dem Gelände der Stiftung Attl: Vor dem Gebäude der alten Mühle sind alle etwas nervös. Nach und nach treffen die Musiker am Abfahrtsort ein. Die meisten von ihnen leben in Wohngruppen und werden im Alltag von pädagogischen Mitarbeitern der Stiftung betreut.

Klaus, Stefan, Ralf und Thomas haben alle eine geistige Behinderung und sind die Roadies der Band. Sie räumen die Instrumente vom Übungsraum in den Bus. Ben, der Bandleader, zupft ein Liedchen auf einer Gitarre und Steffi, die Akkordeonistin, tritt unruhig von einem Fuß auf den anderen. Walter erscheint wie gewohnt in Tracht: Wadl-strümpf, Gamsbart und Lederhose. So würde man ihn eher in einer Blasmusik als in einer Rockband vermuten.

Lange haben sie alle auf diesen Tag gewartet. Das ABM-Orchester, die "Attler Bunte Mischung", hat in den letzten sieben Jahren über 150 Auftritte gespielt. Zwei CDs hat die Band in Eigenregie veröffentlicht und schon nach der ersten betonte Keyboarder und Gründungsmitglied Bernd Crellwitz, man müsse nun raus in die Welt, nach Hamburg oder Berlin, damit alle das ABM-Orchester kennenlernen.

Niemand wollte so recht daran glauben, doch nun haben 20 Jahre Wiedervereinigung, eine großzügige Spende der Musikkapelle Neubeuern und ein Zuschuss vom hauseigenen Förderverein diesen Traum ermöglicht.

Im Projekt "Handiclapped - Kultur barrierefrei" organisieren seit zwei Jahren der Diplom-Kulturarbeiter Peter Mandel und der Fachpädagoge Carsten Ablass integrative Veranstaltungen von und für Menschen mit und ohne Behinderungen. Kultur gemeinsam erleben und ein respektvolles Miteinander sind die Ziele, Unterstützung gibt es vom Berliner Senat und der Aktion Mensch.

Rigo hat nicht nur das Down-Syndrom, sondern er ist vor allen Dingen ein talentierter Konga-Spieler.

Elf Stunden Fahrt, dann sind die Musiker endlich in ihrer günstigen Unterkunft in Berlin. Am nächsten Vormittag geht es zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten: Hauptbahnhof, Bundestag, Reichstag, Brandenburger Tor - Fotos machen. Man muss ja beweisen, dass man wirklich da war. Plötzlich kommt es vor dem Reichtag zu einem kleinen Tumult. Eine Ansammlung von aufgeregten Japanern mit Kameras hat sich gebildet. Es blitzt und mittendrin steht Walter, der Trachtler aus Attl. So etwas haben die Japaner vor dem Reichstag nicht erwartet. Walter gefällt es, dass er im Mittelpunkt steht. Als er einen lauten Juchizer loslässt, hüpft die Japanerin, die sich gerade mit ihm fotografieren läßt, erschreckt zur Seite. Das Gelächter ist groß. Das Zusammentreffen mit der Reisegruppe aus Japan beeindruckt sehr, da Walters Behinderung in diesem Moment gar nicht mehr existiert und niemanden interessiert. Warum auch? "Mittendrin statt nur dabei!" - so auch das Credo des ABM-Orchesters.

Dann wird es ernst: Für die Musiker mit geistiger Behinderung ist das Bandtreffen, das unter dem Motto "Bayern trifft Berlin" steht, etwas ganz Besonderes. Rockbands mit gehandicapten Menschen sind in Deutschland noch recht rar. Neben dem ABM-Orchester treten an diesem Abend noch die Handiclapped Band aus Berlin, der einzig wahre Elvis aus Straubing (ebenfalls geistig behindert und so nebenbei ein begnadeter Imitator des King) und als Abschluss die Reggae-Formation Gunjah DeLuxe & Riddim Desaster auf.

Walter Volkmer rockt prinzipiell in Tracht.

Nach dem Sound-Check hat sich die Aufregung relativ gelegt. Als die Veranstaltung mit einer halben Stunde Verspätung beginnt, ist das Bandtreffen noch mäßig besucht. Doch im Laufe des Abends finden doch an die 80 Besucher den Weg dorthin. Die Stimmung jedenfalls ist einzigartig. Nicht nur das ABM-Orchester wächst über sich selbst hinaus und spielt über 90 Minuten. Die Handiclapped-Band beweist, dass man auch mit einer spastischen Behinderung ordentlich abrocken kann, und Elvis Stefan aus Straubing gesteht, dass er mit seiner Behinderung Probleme mit dem Merken von Texten hat. Das ist allerdings niemandem wichtig, da er ein Flair verbreitet, das jeden Anwesenden mitreißt. Die anschließende Reggae-Formation ist witzig und lädt alle nochmal zum Abtanzen ein. Sänger Gunjah mit goldener Glitzerhose und rosafarbenen Plüschflügeln holt sich kurzerhand ein Mädchen mit Down-Syndrom auf die Bühne und macht sie zur Background-Sängerin.

Inzwischen ist das ABM-Orchester wieder daheim in der Stiftung Attl, um einen Auftritt, viele Erfahrungen und dutzende Eindrücke reicher. Und dieser Ausflug soll nicht der einzige bleiben. Bereits im nächsten Jahr ist das ABM-Orchester für einen "Gig" in Gelsenkirchen gebucht. Und vielleicht folgt ja irgendwann einmal eine richtige Deutschland-Tourne.

Doch zum Winter müssen sich die 15 Musiker erst einmal zurückziehen, neue Stücke schreiben und eine dritte CD aufnehmen. Das Leben eines Musikers ist aufregend und anstrengend. Jedenfalls dann, wenn er seinen Platz im ABM-Orchester hat.

Das ABM-Orchester, die "Attler bunte Mischung", wurde 2202 gegründet. Man suchte eine Musikgruppe, die in der Stiftung Attl die hauseigenen Feste untermalt, und Ben Leinenbach, damals noch Fachschüler der Heilerziehungspflege in Altenhohenau, machte daraus seine Projektarbeit. Freizeitpädagoge Werner Steinmüller, Diplompsychologe Uli Naleppa und Heilerziehungspfleger Mathias Opielka sowie die ehrenamtlichen Musikerinnen Juli Mudra und Betty Binsteiner unterstützen ihn und üben mit den zehn behinderten Musikern die Stücke ein. Das Repertoire der Band besteht zum großen Teil aus Rockklassikern, die Ben Leinenbach ins Bayerische transportiert hat. Auftritte des ABM-Orchesters können unter der Telefonnummer 08071 / 102591 gebucht werden.

Infos auch unter www.myspace.com/abmorchester

re/Wasserburger Zeitung

Quelle: rosenheim24.de

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