OP-Schlauch im Bauch übersehen

Kolbermoor/Wasserburg - Ein etwa 20 Zentimeter langes Schlauchstück hat einer Kolbermoorerin lange Zeit Schmerzen bereitet. Das Romed-Klinikum Wasserburg bedauert die Panne.

Ein etwa 20 Zentimeter langes Schlauchstück, das nach einer Operation in ihrem Bauch zurückblieb, hat einer Frau aus Kolbermoor lange Zeit Schmerzen bereitet. Vermutlich war es beim Ziehen der Drai- nage nach dem Eingriff abgerissen – unbemerkt vom Arzt. Erst Monate später wurde das Schlauchteil entdeckt. Das Romed-Klinikum Wasserburg bedauert die medizinische Panne, die jetzt auch von einer ZDF-Sendung aufgegriffen wurde.

Schlauch vermutlich beim Entfernen gerissen

Dabei schien der Eingriff zunächst völlig unproblematisch verlaufen zu sein. Die Frau aus Kolbermoor war im November 2011 im Romed-Klinikum Wasserburg operiert worden, weil sie über Unterbauchbeschwerden geklagt hatte. Die Ärzte führten eine Gebärmutter- und Bauchspiegelung, verbunden mit einer Ausschabung, durch. Dass zum Abschluss einer Bauchspiegelung eine Drainage eingelegt wird, damit Wundsekret und Blut abfließen können, ist übliche Praxis. Auch mögliche Nachblutungen kann man mit dem ein Meter langen Schlauch im Auge behalten. Nach Angaben der Klinik wurde die Drainage bei der OP mit etwa 30 bis 35 Zentimetern ins Wundgebiet eingebracht und am zweiten Tag nach der OP gezogen. Dabei muss der Schlauch gerissen sein. Das könne beim Ziehen durchaus vorkommen, räumen Gutachter ein.

„Der Ab-riss eines Endstückes ist trotz aller Sorgfalt nicht immer vermeidbar“, heißt es in der Fachliteratur. Es habe weder Hinweise auf einen Riss gegeben noch hätte er einen erhöhten Widerstand beim Entfernen des Schlauches gespürt, beteuert der Arzt. Deshalb sei der Schlauch auch – wie aus Hygiene-Gründen üblich – noch am Krankenbett in den Ab-falleimer des Verbandwagens geworfen worden, ohne vorher seine Vollständigkeit zu kontrollieren.

Hätte dennoch bemerkt werden müssen, dass ein 20 Zentimeter langes Stück fehlte? Im Buch „Arzthaftung/ Arzthelfer: Orthopädie/Unfallchirurgie“, verfasst von einem Fachanwalt und zwei Medizinern, heißt es, dass eine derartige Komplikation sofort erkannt und das verbliebene Stück schnellstmöglich entfernt werden müsse. Das war aber nicht der Fall – und so kam die Patientin zwei Wochen später wieder – mit neuen Schmerzen.

Beschwerden als OP-Nachwirkungen diagnostiziert

Die Beschwerden führten die Ärzte auf OP-Nachwirkungen zurück und schickten die Frau wieder heim, weil eine weitere gynäkologische Untersuchung und ein erneuter Ultraschall nichts Auffälliges ergeben hatten. Aber die Schmerzen gingen nicht weg. Deshalb wurde die Frau sieben Wochen später erneut stationär in Wasserburg aufgenommen. Nun vermutete der behandelnde Arzt neue Verklebungen mit einer möglichen Behinderung der Darmmotorik und riet der Patientin zu einer weiteren Bauchspiegelung.

Doch dazu wollte sich die Kolbermoorerin nicht mehr durchringen – und kam nicht wieder. Ende Februar, also weitere sechs Wochen später, ließ sie sich schließlich in die Notaufnahme der Uni-Klinik Großhadern bringen. Dort wurde das Schlauchstück im Bauch per Computertomografie entdeckt und entfernt. Die Klinik bedauert in einer Pressemitteilung den „unglücklichen Behandlungsverlauf und die Tatsache, „dass wir die Ursache für die Beschwerden der Patientin trotz sorgfältiger Untersuchungen nicht erkannt haben und sie deshalb über einen längeren Zeitraum Schmerzen ertragen musste“.

Warum wurde nicht schon in Wasserburg eine Computertomografie veranlasst? Zu einer Röntgendiagnostik ein- schließlich Computertomo- grafie habe man nicht geraten, weil diese Untersu- chungsmethoden bei gynäkologischen Fragestellungen in der Regel nicht wesentlich zur Befundabklärung beitragen könnten, erklärt die Klinik. Außerdem stellten sie eine nicht unerhebliche Strahlenbelastung für die Patientin dar.

Anspruch auf Schmerzensgeld gegeben

Abgesehen davon hätte man das Schlauchstück beim zweiten stationären Aufenthalt der Frau entdeckt, wenn es zu der – von den Ärzten vorgeschlagenen, aber von der Patientin abgelehnten – zweiten Bauchspiegelung gekommen wäre. Dennoch hat die Kolbermoorerin auch in den Augen der Klinik einen Anspruch auf Schmerzensgeld. Ihr sei schon im Juli ein Entschädigungsbetrag angeboten worden, die Vergleichsverhandlungen laufen.

Gleichzeitig habe man eine Drainage des verwendeten Typs an das Bundesinstitut für Arzneimittel- und Medikalsicherheit eingeschickt. Grund: Auf den Bildern vom Schlauchstück seien keine Anzeichen von Rissspuren zu erkennen.

ls/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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