Hotelzimmer nur Notlösung

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Allein auf der Flucht - immer häufiger müssen sich die Behörden um Kinder und Jugendliche kümmern, die jünger sind als 16 Jahre. Dem Caritas-Kinderdorf Irschenberg versagte die Regierung von Oberbayern deren Betreuung. Dagegen klagt die Einrichtung am Verwaltungsgericht München.

Rosenheim/Landkreis - Als Teenager allein unterwegs in einer fremden Welt mit einer fremden Sprache, ohne Trost, ohne Geld - auch in der Region gibt es viele minderjährige Flüchtlinge.

Immer häufiger müssen sich die Ämter um minderjährige Flüchtlinge kümmern, die auf dem Weg aus Afghanistan, Syrien oder anderen Krisengebieten im Raum Rosenheim stranden. Das Landratsamt Rosenheim muss diese Kinder und Jugendliche zeitweise in Pensionen und Hotels unterbringen. Allerdings wäre auch das Caritas-Kinderdorf Irschenberg zur Aufnahme bereit. Die Caritas hat in dieser Sache gegen die Regierung von Oberbayern Klage eingereicht.

Auf der Autobahn, am Rosenheimer Bahnhof und in den grenznahen Orten des Landkreises werden sie in der Regel entdeckt: jugendliche Flüchtlinge, die ohne erwachsene Begleitung unterwegs sind. Für deutsche Kinder, die wegen Vernachlässigung, aus sozialen oder familiären Gründen nicht im Elternhaus bleiben können, findet das Kreisjugendamt nach Angaben von Leiter Johannes Fischer in der Regel eine Pflegefamilie auf Zeit. Minderjährige Flüchtlinge lassen sich hingegen aufgrund der Sprachprobleme oft nicht in Familien unterbringen.

"Bei uns wären sie besser aufgehoben"

Besser eignen sich Wohngruppen in Heimen oder Einrichtungen der freien Jugendhilfe. Eng arbeitet die Behörde dabei normalerwiese unter anderem mit dem Caritas-Kinderdorf Irschenberg zusammen, das zur Erstaufnahme der unbegleiteten jugendlichen Flüchtlinge bereit war und ist. Die Einrichtung hatte auch schon ein Konzept für die Erstbetreuung entwickelt und für eine Probephase umgesetzt. Die Heimaufsicht bei der Regierung von Oberbayern verweigerte der Einrichtung jedoch die entsprechende Betriebserlaubnis. "Zu wenig intensiv" war ihr die angebotene Betreuung.

Dorfleiter Wolfgang Hodbod kann dies nicht verstehen, zumal das Rosenheimer Landratsamt übergangsweise immer wieder jugendliche Flüchtlinge in Pensionen und Hotels unterbringt. "Da passt doch pädagogisch etwas nicht zusammen. Bei uns wären sie besser aufgehoben", sagt Hodbod. Um die Betriebserlaubnis doch noch zu erhalten, hat das SOS-Kinderdorf Klage beim Verwaltungsgericht München erhoben.

Das Kinderdorf hat einen hervorragenden Ruf. Doch nicht einmal mit Auflagen war die Regierung bereit, eine Genehmigung zu erteilen. "Der vorgesehene Betreuungsumfang entsprach nicht dem heimaufsichtlichen Standard", lautet die Auskunft von Heinrich Schuster, Pressesprecher der Regierung. Junge traumatisierte Menschen in Hotels und Pensionen unterzubringen, sei aber sicher auch nicht die richtige Lösung. Es gebe, so Schuster, in Oberbayern genügend Einrichtungen der Jugendhilfe, wo die jungen Flüchtlinge unterkommen könnten. Johannes Fischer weist hingegen darauf hin, Anfang des Jahres seien alle entsprechenden Heime und Wohngruppen "rappelvoll" gewesen - auch als Folge einer Flüchtlingswelle.

Etwa zehn minderjährige Flüchtlinge im Verantwortungsbereich des Landkreises schliefen heuer schon übergangsweise in Pensionen und Hotels, bestätigt Kreisjugendamtsleiter Fischer. Kritik daran weist er zurück. Stundenweise würden die Jugendlichen dort intensiv betreut. Über Handy stünden sie mit Fachpersonal der Jugendhilfe und der sozialen Dienste ständig in Kontakt. Nach Auskunft des Amtes ist es bisher stets nach maximal einer Woche gelungen, eine Jugendhilfeeinrichtung für den längeren Aufenthalt zu finden.

Das Thema sorgt in Rosenheim nicht zuletzt deshalb für aufgeregte Diskussionen, weil die jungen Flüchtlinge zeitweise auch in einem Beherbergungsbetrieb in der Stadt wohnen, bei dem der Besitzer der Immobilie als ausgesprochen ausländerfeindlich gilt. Bei der Auswahl der Unterkünfte geht es in erster Linie nach Fischers Angaben aber um die Frage, "ob die Personen vor Ort, die die Pension betreiben und die tägliche Arbeit machen, sich für die Aufnahme eignen, nicht darum, wer der Eigentümer des Gebäudes ist." Alle Pächter und Betriebsleiter, mit denen zusammengearbeitet wird, "strengen sich überdurchschnittlich an", so Fischers Erfahrung, "weitaus mehr als sie müssten".

Trotzdem sind Pensionen und Hotels auch für Fischer tatsächlich nur eine Notlösung. Der Jugendhilfeausschuss des Kreistages hat bereits beschlossen, eine Einrichtung mit neun Plätzen für die Aufnahme minderjähriger Flüchtlinge zu schaffen. Sie soll eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung mit Einleitung von Hilfeleistungen sowie der Entwicklung von Perspektiven durch Fachpersonal gewährleisten.

Derzeit arbeitet das Kreisjugendamt gemeinsam mit Trägern der Jugendhilfe am Konzept samt Wirtschaftlichkeitsberechnung. Die Stelle soll nach Möglichkeit im Herbst ihre Arbeit aufnehmen.

duc/re/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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