Angehörige als größter Pflegedienst

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Einen Knoten machen - wie ging das noch einmal? Selbst die einfachen Dinge müssen immer wieder neu erklärt werden. Demenzkranke im Tageshaus der Nachbarschaftshilfe Rosenheim.

Rosenheim - Seit Rudi Assauer seine Alzheimer-Diagnose publik machte, rückt das Thema Demenz in den Blick der Öffentlichkeit. Der Nachbarschaftshilfe gibt das Grund zur Hoffnung:

Schwere chronische Krankheiten haben immer dann gute Chancen, ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken, wenn Prominente betroffen sind. Derzeit profitiert die Lobby demenzkranker Menschen in Deutschland vom publikumswirksamen Bekenntnis Rudi Assauers zu seiner Alzheimer-Diagnose. Bei der Nachbarschaftshilfe, die sich in Rosenheim Demenzkranker annimmt, hofft man auf eine langfristige Wirkung.

Die häusliche Pflege demenzkranker Menschen ist für pflegende Angehörige überaus belastend. Wesen und Verhalten des geliebten Partners oder Elternteils sind stark verändert. Nächtliche Unruhephasen, Inkontinenz oder ausgeprägte Stimmungsschwankungen fordern ihnen täglich Höchstleistungen ab.

Die Nachbarschaftshilfe betreibt in Rosenheim für die Betroffenen ein Tagespflegehaus. Dank mehrerer Unterstützer, unter anderem der Jacob-und-Marie-Rothenfußer-Gedächtnisstiftung München, hat sie die finanzielle Sicherheit, auch in Zukunft ihre Angebote aufrecht zu erhalten. Dazu gehören Ausbildung und Unterhalt eines Helferkreises, der weitere Betrieb der Tagespflegeeinrichtung sowie eine intensive Arbeit mit den Angehörigen. Mit dem ersten Spatenstich für das geplante Demenzzentrum neben dem Romed-Klinikum an der Schönfeldstraße - voraussichtlich im Frühsommer - erweitert sie ihr Angebot um zwei ambulant betreute therapeutische Wohngemeinschaften für Menschen mit demenzieller Erkrankung.

"Unsere Hoffnung ist, dass sich durch das Interesse der Öffentlichkeit an der Erkrankung eines Prominenten wie Rudi Assauer die Chancen für einen echten Durchbruch zu einem fairen Umgang mit dieser Zielgruppe verbessern", sagt Geschäftsführerin Beate Hoyer-Radtke. Der mit der Pflege Demenzkranker verbundene außerordentliche Aufwand spiegele sich bisher nicht in der Bereitstellung angemessener Leistungen.

Angehörige tragen entweder die enormen Lasten durch Eigenleistung oder sie zahlen massiv drauf. Generationen von Sozialpolitikern, so Hoyer-Radtke, hätten sich in der Vergangenheit dem Ziel gewidmet, diesen Missstand zu beheben. Das Ausmaß des Problems mache den Politikern die Umsetzung jedoch schwer. Rund 1,3 Millionen mittelschwer bis schwer an Demenz leidender Bürger sind in Deutschland registriert - Tendenz steigend, Dunkelziffer hoch.

Die 2013 in Kraft tretende Pflegereform bringe zwar zusätzliches Geld, die grundsätzliche Benachteiligung der von Demenz Betroffenen aber bleibe. "Ein Mensch, der sich in Raum und Zeit verliert, für den es keine erkennbare Spur im Gefüge seiner Umgebung mehr gibt, braucht ununterbrochen Anleitung, Zuspruch und Schutz", betont die Geschäftsführerin der Nachbarschaftshilfe.

"Für Pflegedienste wirtschaftliches Risiko zu groß"

Hierfür stellt die Pflegeversicherung derzeit monatlich 100 Euro, bei besonderer Belastung 200 Euro zur Verfügung. Zukünftig sollen für Demenzkranke ohne Pflegestufe 120 Euro mehr zu Verfügung stehen. Der Entwurf von Gesundheitsminister Daniel Bahr sieht zudem eine Erhöhung zwischen 70 Euro und 215 Euro für Erkrankte mit Pflegestufe vor. Der endgültige Beschluss steht aber noch aus.

Aus Sicht der Pflege-Experten ist entscheidend, ob dieses Plus an Mitteln dazu führt, dass ein ausreichendes Dienstleistungsangebot ausgebaut werden kann. Auf der Basis heute gültiger Sätze tragen Anbieter entsprechender, sehr personalinitensiver Dienste nach Einschätzung der Nachbarschaftshilfe ein viel zu großes wirtschaftliches Risiko.

"Nur die Summe dieser Angebote - für den Betroffenen finanzierbar, für den Anbieter tragbar - gibt dem vielfach bemühten Denkansatz ,ambulant vor stationär' eine tragfähige Basis", hebt Hoyer-Radtke hervor. Bei der Nachbarschaftshilfe bezweifelt man, dass die kürzlich beschlossene Pflegereform zu derartigen Hoffnungen berechtigt. "Der größte Pflegedienst Deutschlands sind die Angehörigen", sagt Hoyer-Radtke, "sie tragen die Hauptlast, die bei von Demenz Betroffenen besonders hoch einzuschätzen ist. Dass diesen künftig mehr Leistungen zustehen, ist erfreulich, aber längst nicht ausreichend."

re/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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